ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2003Gesundheitszentren: Sozialismusexperiment ist schon mal schief gelaufen

BRIEFE

Gesundheitszentren: Sozialismusexperiment ist schon mal schief gelaufen

Dtsch Arztebl 2003; 100(8): A-470 / B-408 / C-385

Contractor, Hans

Zu Reformplänen der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin:
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LNSLNS „Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) will bei ihren Reformplänen auch die Erfahrungen des DDR-Gesundheitswesens berücksichtigen. So sollten nach dem Vorbild der Polikliniken bundesweit Gesundheitszentren eingerichtet werden. Beispiele gebe es bereits in Brandenburg. ,Das ist auch ein Weg für den Westen‘, sagte die Ministerin der Chemnitzer ,Freien Presse‘ (1. Februar).“
Nun ist es endlich raus, was die Bundesregierung – oder vielleicht nur Frau Schmidt – wirklich will: die Wiederbelebung der alten sozialistischen Strukturen der DDR – nach den Polikliniken mit staatlich angestellten Ärzten kommt die Pflichtmitgliedschaft im DGB – der dann FDGB heißt – und als krönender Abschluss ein staatliches Beschäftigungsprogramm mit dem Ziel, eine Mauer zu bauen, um Ärzte an der Auswanderung nach Norwegen oder England zu hindern. Dieses Projekt ist doppelt sinnvoll, weil damit auch die ins Ausland gerichteten Patientenströme aufgehalten werden, die in einer vertretbaren Zeit fachärztliche Hilfe im Ausland suchen. Bisher kommen die Patientenströme aus dem Ausland (Niederlande, Frankreich, Großbritannien) nach Deutschland – aber spätestens nach der Ullaschen Reform wird sich der Patientenstrom umdrehen.
Nur was soll man machen, wenn die Menschen trotzdem gehen – dieses Problem hat Erich Honecker nicht gelöst, aber vielleicht schaffen es ja Frau Schmidt und der Wende-Kanzler. Auf jeden Fall ist aber jetzt wieder die Ehrlichkeit in die Bundesregierung zurückgekehrt, und es wird – mehr oder weniger – angedeutet, wohin die Reise gehen soll.
Ich sehe da nur ein Problem: Das Experiment realexistierender Sozialismus ist schon mal schief gelaufen – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch unter menschlichen Aspekten. Wir werden alle noch die nächsten Jahrzehnte zahlen müssen, und hier kommt eine westdeutsche Ministerin und zählt die Vorteile des staatlichen Gesundheitssystems der ehemaligen DDR auf. Sie sollte dann aber, um der Ehrlichkeit Genüge zu tun, auch mitteilen, wo die umfassende Behandlung „verdienter Genossen“ stattfindet. Wandlitz scheidet wegen der politischen Vorbelastung leider aus, aber es findet sich bestimmt noch ein Fleckchen in Deutschland für diese Einrichtung. Wahrscheinlich wird Frau Schmidt im weiteren Verlauf dann auch die Vorzüge der „Staatspsychiatrie“ in der DDR aufzeigen und auf die große Patientenzufriedenheit in deren Einrichtungen hinweisen: Der Großteil der stationären Patienten wollte die Einrichtungen in der DDR nicht mehr verlassen.Das muss doch ein Beleg für die hohe Qualität dieser Einrichtungen sein.
Dr. med. Hans Contractor, Marktplatz 20, 75365 Calw
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