ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2003Hilfseinsatz in Angola: Der Tod gehört zum Alltag

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Hilfseinsatz in Angola: Der Tod gehört zum Alltag

Trabert, Gerhard

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Foto: dpa
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Wieder ein Land, in dem der Bürgerkrieg die Infrastruktur zerstört hat. Wieder sind es die Vertriebenen, Hunderttausende von Flüchtlingen, die hungern und – zusammengepfercht in Flüchtlingslagern, weitgehend ohne medizinische Versorgung – versuchen zu überleben. Im April 2002 haben Rebellen und Regierung in Angola ein Friedensabkommen geschlossen. Inzwischen ist es zum Teil wieder möglich, Regionen zu erreichen, die während des Bürgerkrieges nicht versorgt werden konnten. Eine Gefahr aber bleibt: Weltweit ist kaum ein Land so übersät mit Personenminen wie Angola.
Wir arbeiten in Flüchtlingslagern und im örtlichen Krankenhaus. In den Lagern herrschen Armut, Verwahrlosung, Krankheit. Jeder Arzt behandelt etwa 80 bis 100 Patienten am Tag. Parasitäre Erkrankungen wie Wurmerkrankungen, Diarrhöen unterschiedlichster Genese, Erkrankungen der Atmungsorgane (Pneumonien, Lungen-Tuberkulose, Bronchititiden), Hautkrankheiten wie Skabies, Psoriasis, Tinea vulgaris und Impetigo, Mangelerkrankungen (Eisen- und Vitamin-, insbesondere Vitamin-A-Mangel) dominieren. Aber wir sehen auch Tropenkrankheiten wie Malaria, Bilharziose, Dengue-Fieber, kutane Leishmaniose oder Frambösie. Außerdem stelle ich zum ersten Mal in meinem medizinischen Berufsleben einen Situs inversus fest.
Im Krankenhaus dominieren die schweren Fälle. Die Versorgungslage ist schlecht, ein Angolaner wird derzeit im Durchschnitt 38 Jahre alt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Patient, darunter viele Kinder, an einer zu spät erkannten beziehungsweise behandelten Malaria oder an sonstigen Infektionen stirbt. Der Tod gehört zum Alltag. Das belastet uns mitteleuropäische Ärzte sehr. Mangels diagnostischer und therapeutischer Mittel fühlen wir uns oft hilflos. Kinder, die wahrscheinlich aufgrund einer zerebralen Malaria krampfen, sind am folgenden Tag tot. Ein Mann spendet für seine Frau Blut. Wir versuchen, ihre Mala-
ria/Sepsis/Lungenentzündung „blind“ zu behandeln. Ohne Erfolg! Die Frau stirbt.
Die Patienten und ihre Angehörigen müssen die verordneten Medikamente in einer nahe gelegenen Apotheke besorgen und auch bezahlen. Auch die Verpflegung der Patienten obliegt den Angehörigen. Wir machen mehrfach die Erfahrung, dass eine Familie eine Krankenhauseinweisung ablehnt, weil sie nicht für die Verpflegung sorgen kann oder andere Familienangehörige, wie zum Beispiel Kinder, ansonsten unversorgt bleiben. Operationen sind nicht möglich. Ein Mann wird von seinen Verwandten mit einem Lungendurchschuss ins Krankenhaus gebracht. Die Schwestern verbinden die Wunde, wir legen eine Infusion mit schmerzstillenden Medikamenten. Mehr können wir nicht tun.
In Angola gehören – wie bei meinem Hilfseinsatz Ende 2001 in Afghanistan – Kalaschnikow-Gewehre, Pistolen, zerschossenes militärisches Gerät und Minenopfer zum Alltag. Es ist erschreckend, wie schnell man sich wieder an diesen Anblick „gewöhnt“. Ein Soldat berichtet über die verschiedenen Funktionsweisen von Minen. Einige sind so konzipiert, dass sie „nur“ den Unterschenkel desjenigen zerfetzen, der auf sie tritt. Menschliche Perversion! In einem besonders gefährdeten Ort legt man uns nahe, die Fußpfade nicht zu verlassen, da überall noch Minen vermutet werden. Der permanente Einsatz von Minenentschärfungsfahrzeugen untermauert die Gefahr. Auch wenn unsere medizinische Hilfe zeitlich begrenzt und sporadisch ist, spüren wir die Dankbarkeit der Menschen. Sie verstehen unsere Tätigkeit als Zeichen der Anteilnahme und des „Nichtvergessenseins“.
Die Hilfsorganisation „humedica“, die den Einsatz in Angola koordinierte, sucht aktuell Ärzte für einen Einsatz in Eritrea. Kontakt: humedica e.V., Telefon: 0 83 41/98 84 47, Internet: www.humedica.de
Prof. Dr. med. Gerhard Trabert
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