ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2003zum Zinsniveau: Adieu Fortune, Bonjour Tristesse

VARIA: Schlusspunkt

zum Zinsniveau: Adieu Fortune, Bonjour Tristesse

Dtsch Arztebl 2003; 100(8): [76]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Es jubeln die Häuslebauer, die Hypothekendarlehen sind so billig wie seit Jahrzehnten nicht. Fast unisono prophezeien die Auguren, dass die Zinsen noch tiefer sinken müssten, wo die Konjunktur doch ziemlich lahmt. Diese conclusio wäre so zwingend wie das Amen in der Kirche.
Des einen Freud ist des Gegenparts Leid. Anleger stürzen sich ob eines Kapitalmarktniveaus von mickrigen vier Prozent für langfristige Geldanlagen frustriert in dubiose Finanzprodukte. Verständlich, denn wer hat schon Lust, sein Erspartes von der Inflation nahezu auffressen zu lassen.
Wenn mich mein Eindruck nicht trügt, werden wir alle noch eine große Überraschung erleben. Ich glaube im Gegenteil zur herrschenden Meinung, dass wir vor einer Periode wieder steigender Zinsen stehen, und das nicht zu knapp.
Das riesige amerikanische Ausgabensenkungsprogramm,gekoppelt mit Steuersenkungen, die der US-Präsident demnächst vorhat, wird die Inflation anheizen. In Europa werden die Stabilitätsziele aufgeweicht. Die bedenkliche Folge in beiden Fällen: Die Zinsen steigen. Fraglich ist allenfalls das Timing.
Was also ist zu tun, sollte dieses Szenario früher oder später eintreten? Darlehensnehmer wären dann gut beraten, sich mit möglichst langen Laufzeiten zu verschulden. Kapitalanleger sind indes besser dran, wenn sie ihre Euros möglichst an der kurzen Leine Geld verdienen lassen. Konkret heißt das, Bonds mit Laufzeiten bis zu maximal vier Jahren zu kaufen.
Am Rande bemerkt: Die Diskussion über historisch niedrige Zinsen kann den Menschen, die ihr Gehaltskonto überzogen haben oder einen laufenden Dispositionskredit in Anspruch nehmen, nur ein müdes Abwinken entlocken. Wer sich auf diese Art und Weise von der Bank Geld leiht, hat exorbitante Zinsen von bis zu zehn Prozent an das Geldhaus zu berappen, teilweise sogar über diese wirklich schon prohibitive Marke hinaus. Ist das wirklich nötig?
Bei allem Verständnis für die Nöte der Banken kann ich mich des Eindrucks der modernen Wegelagerei nicht verschließen. Das funktioniert aber nur deswegen so gut, weil sich allzu viele freiwillig in den Hinterhalt legen. Mehr Autonomie wagen, so schmerzlich mancher Verzicht auch sei, wäre allemal ein guter Anfang.
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