ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2003Österreich: Vorreiterrolle bei den Fallpauschalen

POLITIK

Österreich: Vorreiterrolle bei den Fallpauschalen

Dtsch Arztebl 2003; 100(9): A-527 / B-451 / C-426

Weissenböck, Herbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Seit sechs Jahren werden die österreichischen Krankenhäuser über Fallpauschalen finanziert. Gewinner sind vor allem
die leistungsfähigen und wirtschaftlich arbeitenden Häuser.

Bereits vor sechs Jahren hat man sich in Österreich von der Krankenhausfinanzierung über Tagespflegesätze verabschiedet und leistungsorientierte Fallpauschalen eingeführt. Das neue System ist eine österreichische Eigenkreation und verfolgt, gemessen an den etwa zwölf weiteren Fallpauschalensystemen in der westlichen Welt, ein neues Konzept. Die Erfahrungen sind überwiegend positiv – zumindest aus der Sicht der Krankenhausverwaltung.
Ärzte und Statistiker haben das System auf der Basis der Daten von
480 000 Patienten konzipiert und kalkuliert. In die zurzeit 842 Fallpauschalen sind die notwendigen medizinischen, ökonomischen und statistischen Kriterien eingegangen. 367 Fallpauschalen basieren auf kalkulierten me-dizinischen, vorwiegend operativen Einzelleistungen. Für 475 Fallpauschalen sind ICD-10-Diagnosen die Ausgangsbasis. In beiden Gruppen werden Leistungs- und Tageskomponenten, Altersgruppen von Patienten und Schweregrade der Erkrankungen berücksichtigt. Im Bereich der Intensivmedizin werden die Personalausstattung pro Bett sowie die Behandlungs- und Pflegeleistungen nach TISS-Punkten (Therapeutic-Intervention-Scoring-System) herangezogen. Besonders berücksichtigt sind tagesklinische Leistungen. Für den Aufenthalt in Sonderbereichen – darunter fallen zum Beispiel die Akutnachbehandlung von neurologischen Patienten, die medizinische Geriatrie, die Kinder- und Jugendneuropsychiatrie – gelten spezielle Tagespauschalen, die von der Behandlungsdauer abhängen. Das österreichische Fallpauschalensystem umfasst auch die Psychiatrie.
In einem so genannten Kernbereich werden die Leistungen österreichweit nach gleichen Punktwerten abgerechnet. Um länderspezifische Besonderheiten berücksichtigen zu können, werden die Werte des Kernbereichs mit einem Gewichtungsfaktor versehen, der beispielsweise die Vorhaltefunktion von Universitätskliniken oder kleineren Krankenhäusern in ländllichen Gebieten ausgleicht. Damit können Kosten der ständigen Leistungsbereitschaft abgedeckt werden, was über eine reine Vergütung der tatsächlich erbrachten Leistungen unmöglich wäre.
Verbunden mit der Einführung der Fallpauschalen waren Budgetdeckelungen auf Ebene der neun Bundesländer. Nachkalkulationen haben dazu geführt, dass das System inzwischen mehrmals nachgebessert wurde. Dabei konnte auch die ursprüngliche Überbewertung der invasiven Apparate- und Hightech-medizin und die Unterbewertung der konservativen und pflegerischen Leistungen beseitigt werden. Die einzelnen Fallpauschalen bilden heute im statistischen Durchschnitt die Kostenwirklichkeit zutreffend ab.
Der Gewinn an Tranzparenz bei Leistungen und Kosten ist groß. Allerdings hat die Arbeitsbelastung der Ärzte zugenommen, weil sie für die Dokumentation zuständig sind. Das Dokumentationsverhalten in den Krankenhäusern hat ein hohes Niveau erreicht.
Für die Budgetberechnung der einzelnen Abteilungen in den Krankenhäusern ist das System ein sehr wichtiges unterstützendes Element. Es sorgt für Transparenz bei den Leistungen aller Fachgebiete. Damit werden Entscheidungen über die Ressourcenzuteilung erleichtert, die Budgets werden flexibler. Konnte vor der Umstellung auf Fallpauschalen nur mit den Ausgaben gearbeitet werden, ermöglicht das neue System nunmehr Erlösbudgets, die die Akzeptanz von Abteilungsbudgets sehr gefördert haben. Der Erfolg einer Abteilung ist messbar geworden.
Die Erfahrung in den österreichischen Bundesländern hat gezeigt, dass nur eine ausschließliche Finanzierung der gesamten Behandlungskosten über Fallpauschalen starke Anreize zu wirtschaftlichem Verhalten setzt. In einigen Bundesländern, in denen auch direkte Zuschüsse aus Steuermitteln eingebracht werden, zeigen sich die positiven Wirkungen des Systems verwässert.
Die Verweildauer hat sich in allen Bundesländern erheblich verkürzt und einen substanziellen Bettenabbau ermöglicht. Da jedoch die Fallzahlen, insbesondere die Tages-Aufenthalte stark gestiegen sind, kann von einer Entlastung des stationären Sektors nicht die Rede sein. Da in Österreich stationärer und ambulanter Sektor getrennt finanziert werden, haben die Fallpauschalen die Verzahnung beider Bereiche nicht vorantreiben können. Inzwischen denkt man intensiv über eine integrierte Finanzierung nach.
In der Summe haben die leistungsfähigen und wirtschaftlich arbeitenden Krankenhäuser von der Einführung der Fallpauschalen profitiert. Für die anderen wurde ein starker Anreiz zu wirtschaftlicherem Verhalten geschaffen. Dr. Herbert Weissenböck, Innsbruck
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema