ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2003Krankenhaus: Erschütternd

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Krankenhaus: Erschütternd

Dtsch Arztebl 2003; 100(9): A-542 / B-467 / C-440

Dubischar, Hanns

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LNSLNS Der Artikel ist sicherlich genauso wahr wie erschütternd. Wenn es tatsächlich wahr ist, dass jetzt bereits Klinikärzten ein Zwangs- oder Strafgeld von 61,40 Euro angedroht wird für den Fall des Nichtausfüllens eines Erfassungsbogens, so ist dies geradezu ein Quantensprung in Richtung eines gewissen Totalitarismus. Es ist eine schlimme Entwicklung, wenn der junge Mediziner, der vielleicht noch mit Enthusiasmus sein Studium absolviert hat, immer mehr als Verschlüsselungs- und Dokumentationsdepp missbraucht wird. Wie bei jeder totalitären Entwicklung, bedarf es wohl auch hier allerdings der Mitarbeit von willfährigen Führungskräften. Was würde eigentlich passieren, wenn sich Chefärzte, leitende Medizinalbeamte und Verwaltungsleiter, vielleicht auch KV-Führungen, dem Verschlüsselungs- und Dokumentationswahnsinn verweigern würden? Würde man deswegen die Kliniken aushungern oder schließen? Bequemer ist es natürlich, den Bürokratiewahn auf die gewissenhaften, belastbaren und unterwürfigen Jungmediziner (oder Kassenärzte!) nach unten durchzureichen. Interessant wäre auch die Frage, wem der ganze Datenerhebungswahn überhaupt nützt. Wissenschaftlich werden wahrscheinlich nur lange bekannte Banalitäten herauskommen, z. B. die Erkenntnis, dass Diabetes langfristig ungesund sein kann oder, um am Beispiel zu bleiben, dass ältere Hypertoniker eher einen Schlaganfall bekommen als junge Gesunde. Den Nutzen hat vielleicht allenfalls ein gesundheits-
ökonomischer Professor, der sich mit dem Destillat von billig beschafften Daten für höhere Aufgaben empfehlen kann. Bleibt abzuwarten, ob unter den geschilderten Bedingungen überhaupt noch die Weiterbildungsinhalte erfüllt werden können. Es ist ja zu fürchten, dass der junge Arzt am Ende alles über den ICD-10 und über alle Datenerhebungs- und Untersuchungsanforderungsformulare weiß, aber wenig über den Umgang mit Patienten.
Dr. med. Hanns Dubischar, Gartenstraße 23, 88212 Ravensburg
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