ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Neufassung der Sterbehilferichtlinien: Absage an aktive Euthanasie

THEMEN DER ZEIT: Berichte

Neufassung der Sterbehilferichtlinien: Absage an aktive Euthanasie

Dtsch Arztebl 1996; 93(6): A-309 / B-245 / C-233

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die Bundes­ärzte­kammer will in diesem Jahr über eine Neufassung der zuletzt 1993 aktualisierten Richtlinien für die ärztliche Sterbebegleitung (Heft 37/1993) entscheiden. In Kürze wird deshalb der federführende Ausschuß für medizinisch-juristische Grundsatzfragen unter anderem über die Bewertung von Patiententestamenten diskutieren. Anlaß für diese Überlegungen sind ein Urteil des Bundesgerichtshofs, die modifizierten Schweizer Richtlinien für die Sterbehilfe und die Ausweitung der aktiven Euthanasie in den Niederlanden.
Nach den im vergangenen Jahr veröffentlichten Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften ist ein Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen nicht nur bei Sterbenden, sondern auch bei Menschen im irreversiblen Koma erlaubt. Als lebenserhaltende Maßnahmen gelten neben Sauerstoffzufuhr, Medikation, Bluttransfusion und Dialyse auch künstliche Wasser- und Nahrungszufuhr.
Daß ein Entzug künstlicher Ernährung auch in Deutschland thematisiert wird, zeigt ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 1994. Danach sollte ein zum Tod führender Abbruch der Behandlung bei unheilbar im Koma liegenden Patienten erlaubt sein, wenn der Eingriff durch eine mutmaßliche Einwilligung des Patienten gedeckt ist. Der Gerichtshof bezog sich auf den Fall einer 72jährigen Frau, deren Sohn und deren Arzt die künstliche Ernährung einstellen wollten. Beide waren zunächst wegen Totschlagversuchs verurteilt worden. Sie wurden jedoch in der zweiten Verhandlung freigesprochen, weil der mutmaßliche Wille der inzwischen Verstorbenen so gewesen sei, daß sie dies so gewollt habe.
Der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med Jörg- Dietrich Hoppe, erteilte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt solchen Bestrebungen eine klare Absage. Er vertrat zwar die Ansicht, daß in bestimmten Fällen bei unheilbar Kranken über "die Unterlassung von ärztlichen Lebenserhaltungsmaßnahmen" diskutiert werden kann, einen Nahrungsentzug lehnt Hoppe jedoch als eine Form aktiver Euthanasie ab.
Außerdem plädiert er für eine Abgrenzung von der niederländischen Regelung. Dort ist aktive Euthanasie zwar nach wie vor strafbar und kann mit Gefängnis bis zu zwölf Jahren geahndet werden. Unter bestimmten Voraussetzungen gehen Ärzte, die Sterbehilfe geleistet haben, jedoch straffrei aus. Die niederländische Justizministerin Winnie Sorgdrager teilte mit, daß Sterbehilfe, sofern sie von einem Arzt geleistet wird, künftig grundsätzlich straffrei bleiben sollte. Die Delegierten des 98. Deutschen Ärztetages traten 1995 "allen Bestrebungen zur Durchführung und Legalisierung aktiver ärztlicher Euthanasiemaßnahmen entschieden entgegen".
In der Schweiz werden Patiententestamente höher als in Deutschland bewertet. Hoppe hält es für möglich, daß sie auch in Deutschland künftig einen neuen Stellenwert erhalten. Dabei müsse es auf die konkrete Lebenssituation des Patienten ankommen. Kli
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