ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2003Ein Arzt wird zum Reiseschriftsteller

VARIA: Feuilleton

Ein Arzt wird zum Reiseschriftsteller

Dtsch Arztebl 2003; 100(9): A-571 / B-487 / C-460

Geisthövel, Wolfgang

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LNSLNS Auf die Frage nach Gründen, über Reisen Bücher zu verfassen, kann eine Vielzahl von individuell unterschiedlichen Antworten gegeben werden. Mich bewegen folgende Gründe. Bereits das „Schreiben im Rohzustand“, das Notieren, verändert das Reisen, intensiviert das Sehen, die Konzentration. Schreiben war und ist immer zunächst und vorrangig Schreiben für mich selbst. Mich reizt die Analogie von Reisen und Schreiben: das Betreten von Neuland, das Wegziehen eines verbergenden Tuches, unter dem so viele aufregende und unerwartete Dinge zum Vorschein kommen. Im Akt des Schreibens, das dem Reisen folgt, konstituieren sich neue Zusammenhänge, neue Figuren. Dann ist wichtig der Gedanke der Architektur, ein konstruktives Element: das Hinstellen und Zusammenfügen einer Vielzahl sonst lose umherschwirrender Eindrücke, Vorstellungen, Ansichten, Fakten an einen Platz, der sich im Verlaufe des Schreibens ergibt.
Die ersten Reisebücher (Mittelmeerraum/Nordafrika; Lateinamerika; Südostasien) verbanden die eigenen Reiseerlebnisse mit der Darstellung kunst- und kulturgeschichtlicher, ethnologischer sowie aktueller politisch-soziologischer Zusammenhänge. Dann kam der Gedanke auf, die beiden Interessengebiete Reisen und (belletristische) Literatur unmittelbar zu verknüpfen, indem gezielt an Lokalitäten, die mit großen Dichtem und Schriftstellern assoziiert sind, danach gefahndet wurde, ob und wie ein Ort, eine Landschaft im Werk Widerhall gefunden hatten. Dabei traten immer wieder enge Zusammenhänge zwischen literarischer und authentischer Realität zutage, die sich mit der eigenen Erfahrung von Wirklichkeit zu Texten verbinden ließen, in denen sich Faktensuche und Reflexion, Dokumentation und Zitat, Beschreibung und Imagination, Realität und Fiktion durchdringen. Solche Zusammenhänge waren auf verschiedenen Ebenen auffindbar: direkt wie im Tagebuch der Orientreise Flauberts, oder als real vorhandene Topographie in Romanen, Erzählungen, Gedichten, oder als noch immer aufspürbare landschaftlich-klimatisch-kulturelle Aura, die im Gedicht mitschwingt, oder schließlich auch als Ort, wohin der Zufall den Schriftsteller verschlug.
Die konzeptionelle Grundidee für solche Reisetexte liegt für mich darin, das Verständnis für ein Werk dadurch steigern zu können, dass man eine konkrete Anschauung gewinnt von dem realen Raum, der die Matrix für das literarische Werk abgegeben hat. Der Kölner Literaturwissenschaftler Norbert Mecklenburg hat im Werk von Uwe Johnson als wesentliches Charakteristikum ein topographisches Erzählprinzip ausgemacht, das zu verstehen sei als Bindung der poetischen Imagination an einen bestimmten geographischen Raum. In diesem Sinne fasse ich meine „Literatouren“ auch auf als Suche nach Spuren von poetischer Imagination in literarischen Texten durch ein bestimmtes, Landschaften, Orte Menschen umfassendes topographisches Ambiente, dem ich mich in dreifacher, oft vergnüglicher Anstrengung – reisend, lesend, schreibend – zu nähern versuche.
Priv.-Doz. Dr. med. Wolfgang Geisthövel
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