ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Endlich Arzt: Keine Zeit für Euphorie

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Endlich Arzt: Keine Zeit für Euphorie

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-656 / B-560 / C-528

Kapfer, Ulrich

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Foto: ddp
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Seit zwei Monaten arbeite ich jetzt auf einer klinischen Station. Toll! Endlich geschafft, jetzt bist du Arzt! Dachte ich mir. Die ersten paar Tage liefen auch ganz gut: Ich untersuchte, ordnete an, telefonierte, organisierte und – sehr wichtig – dokumentierte fleißig.
Zwei Monate später: Ich wäre gerne Arzt, aber ich bin Verwalter und Auswerter einer unglaublich großen Diagnostikmaschinerie und bewerte, ordne an, organisiere und dokumentiere. Die Untersuchungen und Patientenkontakte werden auf ein Minimum reduziert, um den reibungslosen Ablauf der Maschinerie zu gewährleisten.
Obwohl ich mindestens zwölf Stunden am Tag arbeite, schaffe ich nicht einmal das Nötigste. Eine Patientin – was für ein Tumor war es gleich? – sagt zu mir: „Ich vertraue jungen Ärzten. Die sind noch nicht so abgestumpft. Ich gehe davon aus, Sie haben meine Akte und Krankheitsgeschichte gelesen. Sagen Sie mir bitte Ihre Meinung.“ Natürlich will ich mich um diese Patientin kümmern und hätte auch gerne ihre Geschichte vorbereitet und gelesen. Allein, am Abend vorher habe ich bis 19.30 Uhr drei Entlassungsbriefe geschrieben und zwei Arztbriefe diktiert, immer wieder unterbrochen von Zwischenfällen auf der Station, bei denen das Pflegepersonal meine Hilfe benötigte. Ich war einfach nicht dazu gekommen. Trotzdem stapeln sich mehr als zwanzig wichtige Arztbriefe alleine aus den letzten zwei Wochen auf meinem Schreibtisch. Was also sage ich der Patientin? Ich suche Ausflucht in den schon jetzt erschreckend gut geübten Floskeln vieler Ärzte, die alles aussagen können, sich aber niemals festlegen. Ich fühle mich schäbig! Wirklich intensiv durcharbeiten werde ich ihre Akte nie! Dazu fehlt die Zeit.
Schneller Arbeiten, weniger Pausen machen, länger arbeiten. Alles hilft nichts, der Strom des Papiers ist immer schneller und reißt nie ab, egal was ich tue. Ich nehme mir die Akten mit nach Hause, um vielleicht ruhig bei einer Tasse Kaffee noch ein, zwei Briefe zu diktieren. Darüber vergeht so viel Zeit, dass nur noch fünf Stunden Schlaf bleiben. Doch trotz Übermüdung lässt dieser auf sich warten. Ich drehe mich nach rechts, dann nach links, blinzele einmal zur Uhr: Schock! Jetzt sind es nur noch viereinhalb Stunden Schlaf.
Irgendwann schlafe ich dann ein. 5 Uhr: Der Wecker klingelt. Schweißgebadet, mit mächtigen Kopfschmerzen quäle ich mich unter die Dusche. Leidlich wach, aber noch immer mit schmerzendem Schädel wird schnell eine Tasse Instant-Kaffee aufgesetzt und getrunken; ab ins Auto und in die Klinik. An diesem Tag fällt das Mittagessen flach, weil unvorhergesehen plötzlich noch eine Übernahme von der Intensivstation ansteht. Plötzlich merke ich, wie mein Magen revoltiert. „Das muss Sodbrennen sein“, sagt mein analytischer Verstand. Kein Wunder: drei Tassen Kaffee, vier Kippen, nichts gegessen. Wird schon wieder. Wird es aber nicht. Trotz eines Glases Milch und eines widerwillig gegessenen Brötchens bleibt die Verstimmung.
Um 20.15 Uhr verlasse ich die Klinik, mal wieder mit einem schlechten Gewissen. Nach etwa zehn Minuten auf der Autobahn registriere ich, dass mit Abendessen und vielleicht noch einer halben Stunde Fernsehen gerade noch sechs Stunden Schlaf bleiben. Nicht genug, um das Defizit auszugleichen. Das Spiel fängt von vorne an. Alles beginnt sich zu drehen. Der Brückenpfeiler kommt immer näher. Was für ein wundervoll einfacher Ausweg. Mach keinen Fehler. Diesmal bin ich vor-beigefahren. Noch habe ich nicht angefangen, NSAR gegen Kopfschmerzen, Protonenpumpenhemmer gegen Magengeschwüre, Benzodiazepine zum Schlafen, Amphetamine zum Wachwerden/-halten oder Antihypertensiva gegen stressinduzierten Bluthochdruck zu nehmen. Ulrich Kapfer
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