ArchivDeutsches Ärzteblatt43/199649. Bayerischer Ärztetag: Schmerzpunkte der Berufspolitik

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49. Bayerischer Ärztetag: Schmerzpunkte der Berufspolitik

rr

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LNSLNS Die Sorge um die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens überschattete auch den 49. Bayerischen Ärztetag (11. bis 13. Oktober 1996 in Füssen). Absolute Klarheit der gesetzlichen Entscheidungen mahnte der Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, der Allgemeinarzt Dr. Hans Hege (München), schon während der Eröffnungsveranstaltung beim Bundesgesetzgeber an.
Wenn in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung der allumfassende Leistungsanspruch aufrechterhalten, ja noch gesteigert werde und wenn die Ärzte über Budgetierungen und Pauschalierungen gezwungen werden, diesen Leistungsanspruch mit unzureichenden Finanzmitteln zu erfüllen, dann dürfe man sich, so Dr. Hege, über Widerstand nicht wundern.
Nachdem die ökonomischen Steuerungsmaßnahmen der vergangenen Reformgesetze von den Ärzten im ambulanten Bereich durch Hinnahme von Honorarkürzungen und sinkenden Punktwerten und in den Kliniken, vor allem denen der Akutversorgung, durch Hinnahme unzumutbarer Arbeitsbelastungen ausgeglichen wurden, sei die Grenze der Zumutbarkeit für die Ärzte in Sicht, betonte Hege in Anwesenheit von Repräsentanten der bayerischen Staatsregierung.
Die Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer hatte im Vorfeld des Ärztetages eine Umfrage bei den Leitenden Klinikärzten des Landes gestartet mit dem Ziel, Erfahrungsberichte und entsprechende Meinungen aus den Kliniken zu Arbeitsbelastung und Patientenversorgung zu erfahren, insbesondere auch im Hinblick auf die Auswirkungen des Arbeitszeitgesetzes, das seit mehr als zwei Jahren in Kraft ist.

Alarmierende Umfrage
Die Ergebnisse der Umfrage sind alarmierend: 80 Prozent der Leitenden Ärzte sind der Ansicht, daß bei der Durchführung des Arbeitszeitgesetzes ohne entsprechende Stellenvermehrung die Qualität der stationären Patientenversorgung und das Betriebsklima leiden. 75 Prozent monieren, daß sich die Arbeitsbelastung des ärztlichen Personals durch verschärften Zeitdruck vermehrt. Knapp 70 Prozent vermelden zunehmende berufliche Unzufriedenheit bei den Assistenzärzten und sich selbst. Ebenfalls 70 Prozent der Befragten beklagen fehlende ärztliche Planstellen. Dabei ist nach Auskunft der Leitenden Ärzte nur im Verantwortungsbereich von 40 Prozent das Arbeitszeitgesetz vollständig umgesetzt.
Die Ergebnisse dieser Befragung zur stationären Versorgung – zusammen mit der bekanntermaßen zunehmenden Überforderung der Ärzte im Bereich der ambulanten Versorgung – nahm der bayerische Kammerpräsident zum Anlaß für eine an Politik und Öffentlichkeit gerichtete Mahnung, "die vielfältigen Signale ärztlicher Überlastung und Unzufriedenheit nicht länger als Äußerung von ,purem Egoismus' abzutun, sondern sehr ernst zu nehmen als Aufbegehren gegen den immer schärfer empfundenen Konflikt zwischen den politisch gesetzten Außenzwängen, einer mangelnden Klarheit der Rechtslage und dem ärztlichen Gewissen".
Im Hinblick auf einen besorgnis-erregenden Rückgang der Zahl in Allgemeinmedizin weitergebildeter Ärzte hat der Bayerische Ärztetag, dessen 180 Delegierte rund 54 000 Ärzte repräsentieren, den Gesetzgeber aufgefordert, zur Sicherstellung einer auch zukünftig ausreichenden allgemeinmedizinischen Versorgung der Bevölkerung die gesetzlichen Voraussetzungen für Rotationsstellen zu schaffen, die der Weiterbildung von angehenden Allgemeinärzten vorbehalten bleiben. An die Krankenkassen appellierte er, die Weiterbildung in Allgemeinmedizin zu fördern.
Der Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit, Dr. Gerhard Merkl, hatte im Rahmen seiner Ansprache zur Eröffnung des 49. Bayerischen Ärztetages konzediert, daß das Kernproblem der Nachwuchsgewinnung in der Allgemeinmedizin die Stellenfrage im Gesamtgefüge der ärztlichen Weiterbildung ist. Der Staatssekretär plädierte für die Schaffung eines planbaren ärztlichen Weiterbildungsgange zur Allgemeinmedizin, eines detaillierten, in sich geschlossenen und zukunftsweisenden Gesamtkonzeptes, für das er in jüngsten Beschlüssen des Deutschen Ärztetages realistische Lösungsvarianten sieht.


Kritik an der Weiter­bildungs­ordnung
Die geltende Weiter­bildungs­ordnung insgesamt ist bei diesem Bayerischen Ärztetag vehement in die Kritik geraten – nicht nur die enormen finanziellen und administrativen Folgen der jüngsten Änderung der Weiter­bildungs­ordnung, sondern auch ihr Inhalt, insbesondere, so Dr. Hege, "die langen Listen detaillierter Selbstverständlichkeiten", die penible Aufzählung von Leistungshäufigkeiten in verbindlichen Richtlinien. Das Urteil des bayerischen Kammerpräsidenten, der sich mit fast allen seinen Präsidialkollegen in der Bundesrepublik einig weiß: "Man muß heute konstatieren, daß die korrekte Beachtung der Weiter­bildungs­ordnung nach ihren Buchstaben in weiten Bereichen ohne unzumutbare Verlängerung der Weiterbildungszeiten gar nicht möglich ist."
Die Weiter­bildungs­ordnung bedürfe der Vereinfachung, der Präzisierung ihrer Ordnungsprinzipien, der Anpassung an das sinnvoll Mögliche; sie dürfe nicht zur "Berufsaus-übungsregelung" gemacht werden, sondern müsse ihren Charakter als Qualifikations- und Schilderordnung bewahren.
Die Delegierten forderten den Vorstand der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer auf, dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer einen Vorschlag zur Deregulierung der Weiter­bildungs­ordnung vorzulegen und dem Bayerischen Ärztetag 1997 darüber zu berichten. rr

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