Supplement: Reisemagazin

Brasilien: Stippvisite am Zuckerhut

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): [4]

Mäntele, Beate

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Den besten Blick auf die Stadt hat der Tourist auf dem höchsten Berg in Rio, dem Corcovado. Hoch über Rio ragt der Cristo Redentor in den Himmel und breitet schützend seine Arme über die Stadt und ihre Menschen aus. Foto: Renate V. Scheiper
Den besten Blick auf die Stadt hat der Tourist auf dem höchsten Berg in Rio, dem Corcovado. Hoch über Rio ragt der Cristo Redentor in den Himmel und breitet schützend seine Arme über die Stadt und ihre Menschen aus. Foto: Renate V. Scheiper
Eine eigentümliche Stille senkt sich in der morgendlichen Dämmerung über die sonst pulsierende Metropole Rio de Janeiro, als ob sie Atem für den kommenden Tag holt. Der Sonnenaufgang an der Copacabana taucht alles in ein unwirklich erscheinendes Licht. Das zarte Rosa breitet sich langsam vom Meer kommend aus, erreicht den Strand und die ersten Häuser an der Copacabana. Fast unmerklich erwacht die Stadt aufs Neue, stürzt sich wieder in diesen Kampf aus Überleben und
Lebenslust. Rio: die Stadt der Gegensätze. Rio: die paradiesisch Schöne. Die Cariocas, die Bewohner Rios, sagen stolz von ihrer Stadt:
In sechs Tagen erschuf Gott die Welt, den siebten widmete er ganz Rio. Nirgendwo anders kann man diese Mischung aus brasilianischem Lebensgefühl, internationaler Metropole, grenzenloser Armut und überwältigendem Reichtum, reicher Geschichte und kulina-
rischer Vielfalt erleben wie hier.
Seit zwei Tagen lassen wir uns von dieser Stadt mitreißen. Sie vereinnahmt uns mit ihrer überwältigenden Lebenslust, die sich ständig und überall in der Musik widerspiegelt. Nicht nur zum Karneval tanzt die ganze Stadt, sei es am Strand, wo aus einem Kassettenrekorder Sambamusik ertönt und spontan ein Pärchen aufspringt und anfängt zu tanzen, oder im Bus die Menschen die Musik aus dem Radio laut mitsingen. Gleichviel, ob jung oder alt, alles tanzt, schmiegt sich aneinander, lacht viel und freut sich des Lebens. Musik und Tanz lassen, wie die ansteckende Heiterkeit, die humorvolle Gelassenheit und der Optimismus, die Widrigkeiten des Alltags schrumpfen. Den besten Blick auf die Stadt hat der Tourist auf dem höchsten Berg in Rio, dem Corcovado. Hoch über Rio ragt der Cristo Redentor in den Himmel und breitet schützend seine Arme über die Stadt und ihre Menschen aus.
Mit der Zahnradbahn zum Corcovado
Eine Zahnradbahn erklimmt in 30 Minuten mühsam den 710 Meter hohen Berg. Immer wieder tauchen wir auf der Fahrt in das Grün der Wälder ein – kaum zu glauben, dass wir uns eigentlich mitten in der Stadt befinden. Die Bahn ist voll von aufgeregtem Geplauder: Eine Schulklasse unternimmt einen Ausflug. Als eine Lehrerin erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, ist die Neugier groß, denn sie ist Deutschlehrerin. Alle Schüler wollen zeigen, wie gut sie schon Deutsch können. Dabei erfahren wir einiges über die Geschichte des „Buckligen“. Im Oktober 1931 wurde die große Statue des Cristo Redentor fertiggestellt. Im selben Jahr nahm auch die Zahnradbahn ihren Betrieb auf. Plötzlich mischt sich auf Portugiesisch eine ältere Frau ein. Sie erzählt uns, dass bereits 1884 die erste Bahn vom damaligen König Dom Pedro II. eingeweiht wurde. Es war eine dampfbetriebene Bergbahn. 1910 wurde diese durch den ersten in Brasilien betriebenen Elektrozug ersetzt. Der Cristo Redentor sollte ursprünglich bereits 1921 fertig gestellt werden, aber wegen Geldmangels dauerte es zehn Jahre länger. Früher hat die geschichtsbewanderte Senhora hier als Fahrkartenverkäuferin gearbeitet. Nun ist sie längst Rentnerin und fährt immer noch oft hoch hinauf auf den Corcovado.
Fazenda Ponte Alta: ein traditionelles Refugium Fotos (2): Beate Mäntele
Fazenda Ponte Alta: ein traditionelles Refugium Fotos (2): Beate Mäntele
Rechts von uns sehen wir den weißen Strand der Copacabana. Tagsüber ist sie genau wie die daneben liegende Badebucht Ipanema Fitness- und Flaniermeile. Jeder legt hier viel Wert auf seinen Körper. Und die Copacabana ist der beste Platz, ihn zu zeigen – sei es beim Joggen, beim Trainieren an einem der am Strand aufgebauten Fitnessgeräte, beim Fußballspielen oder beim Flirten am Strand. Jeder zeigt gerne, was er kann und was er hat.
Nachts ist die Copacabana die Amüsiermeile in Rio de Janeiro. Doch Vorsicht! Hier sind auch viele Taschendiebe unterwegs. Generell gilt in Rio: aufpassen und möglichst keine Taschen mitnehmen! Wie eng Reichtum und Armut in dieser Stadt beieinander liegen, zeigt sich wenige Blocks hinter den erstklassigen Hotels der Copacabana. Hier liegt eine der vielen Favelas. Dicht an dicht drängen sich die kleinen Hütten an den Hügel.
Der Blick richtet sich nun auf den vor uns liegenden Pão de Açúcar, den Zuckerhut. Mit einer Schwebebahn kann man ihn gefahrlos erreichen. Als begehrtes Fotomotiv durchbricht er die Küstenlinie. Links von uns sehen wir das größte Fußballstadion der Welt: das Maracanã-Stadion. Beim Fußball und beim Karneval sind alle Cariocas gleich. Deshalb wird er auch von allen heiß und innig geliebt.
Den alten und kolonialen Zauber Rios spüren wir immer wieder in den kleinen malerischen Winkeln mit kunstvoll verzierten Fenstern und barocken Kirchtürmen. Insbesondere in den Stadtteilen Santa Teresa und Cosmo Velho stehen unter ausladenen Bäumen die prächtigsten Villen dieser alten Zeit.
Überall in Rio gibt es ein vielseitiges Angebot an Restaurants und Bars. Die Wahl fällt schwer zwischen erstklassiger internationaler Cuisine, brasilianischen Churrascarias, asiatischen, italienischen oder gar französischen Restaurants. Jede Religion und jede Bevölkerungsgruppe hat ihre typischen Gerichte. Faszinierend ist die gekonnte Mischung. Wir entscheiden uns für eine Churrascaria und liegen goldrichtig mit dieser Wahl. Das Fleisch wird an riesigen armlangen Spießen aufgespannt und gegrillt. Knusprig und saftig landet es auf unserem Teller, dazu einen Caipirinha oder einen der vielen frisch gepressten Säfte.
Wir wollen der drückenden Hitze Rios entfliehen und fahren in die etwas kühleren Berge nordwestlich von Rio, nach Vassouras. Vassouras gehört zu den alten Kaffeestädten Brasiliens. Der einstige Reichtum zeigt sich noch heute in den Kolonialhäusern, den prachtvollen Plätzen und schönen Gärten. Rings um Vassouras liegen alte herrschaftliche Fazendas. Viele sind während der Hochzeit des Kaffees entstanden.
Zeugen der Vergangenheit
Die Fahrtstrecke der Gebirgsbahn von Curitiba nach Paranaguá zählt zu den schönsten Südamerikas.
Die Fahrtstrecke der Gebirgsbahn von Curitiba nach Paranaguá zählt zu den schönsten Südamerikas.
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Nach der Abschaffung der Sklaverei und der Errichtung einer Demokratie in Brasilien sattelten viele der Fazendas auf Viehzucht um. Heute sind die meisten der großen Anwesen restauriert worden, so auch die Fazenda Ponte Alta. Eine breite und lange Allee führt zu dem in
einem Tal gelegenen Herzstück der Fazenda. Vor mehr als zehn Jahren hat die heutige Besitzerin das Anwesen geerbt. Seitdem hat sie alles getan, um das Anwesen zu erhalten. Für umgerechnet 50 Euro kann man hier in prachtvollen Zimmern übernachten.
Im riesigen Innenhof treffen wir auf die andere Seite dieses Reichtums. Rings um den 5 000 Quadratmeter großen Platz, auf dem früher die frisch geernteten Kaffeebohnen zum Trocknen ausgelegt wurden, stehen die alten Sklavenhütten. In mühevoller Arbeit wurden sie rekonstruiert und in ein kleines Museum verwandelt. Viele Zeugnisse der unvorstellbaren Grausamkeiten vergangener Zeiten sind hier zusammengetragen. Mit großer Sorgfalt wurden aus einigen der ehemaligen Sklavenunterkünfte, die früher zwei bis drei Familien beherbergten, gemütliche Doppelzimmer. Gekleidet in der Mode der damaligen Zeit entführt die Eigentümerin die Gäste jeden Abend in die schönen und dunklen Seiten dieser Geschichte Brasiliens.
Eine schöne Tour im Süden Brasiliens ist die vierstündige Fahrt mit der Gebirgsbahn von Curitiba nach Paranaguá. Der Zug fährt durch die Serra da Graciosa und den Nationalpark Marumbi hinunter an die Küste. Die Bahnstrecke zählt heute zu den schönsten Südamerikas und gilt als ein Meisterwerk des Bahnbaus – ein mit Blut bezahltes Meisterwerk. Die Fahrt am Steilhang entlang lässt die Schönheit der Serra do Mar bald jede Beklemmung vergessen. Beate Mäntele

Reise-Tipps
Anreise: Varig fliegt viermal wöchentlich ab Frankfurt nach Rio de Janeiro ab 695 Euro, Dauer: circa 12 Stunden
Reisezeit: Haupturlaubszeit ist von Dezember bis Februar, beste Reisezeit Mai bis September; höchste Temperatur: 25 Grad Celsius; niedrigste Temperatur: 18 Grad Celsius; durchschnittliche Regentage: fünf
Klima: subtropisches bis mediterranes Klima, hohe Luftfeuchtigkeit
Gesundheitshinweise: Tropeninstitute informieren, ob und wo Gelbfieber-/
Typhus-/Tollwutimpfungen und Malariaprophylaxe notwendig sind, auch
unter: www.gesundes-reisen.de
Literatur: South American Handbook 2002; Reise-Know-How Brasilien

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