ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Gastroenterologie: Wenn die Darmbarriere gestört ist

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Gastroenterologie: Wenn die Darmbarriere gestört ist

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-648 / B-554

Vetter, Christine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Reizdarmsyndrom und chronisch entzündliche Darm­er­krank­ungen (CED) – speziell die Colitis ulcerosa – haben viele Überschneidungen. Beide Erkrankungen verursachen zum Teil erhebliche gastrointestinale Beschwerden und sind therapeutisch oft schwer in den Griff zu bekommen. Sie gehen mit extraintestinalen Manifestationen einher, wobei beim Reizdarm vorwiegend Dyspepsien, Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen und Störungen im Bereich des Urogenitalsystems beklagt werden. Bei der Colitis ulcerosa ständen eher Organmanifestationen an Leber, Gallenwegen und den Nieren im Vordergrund, berichtete Prof. Wolfgang Kruis (Köln).
Typisch für beide Erkrankungen ist außerdem eine hohe Komorbidität mit psychischen Erkrankungen, und zwar insbesondere Depressionen. Die beiden Krankheitsbilder unterscheiden sich allerdings dadurch, dass beim Reizdarm keine strukturellen Veränderungen fassbar sind, wohingegen bei der Colitis ulcerosa eindeutig Entzündungszeichen im Darm nachgewiesen werden.
Bei beiden Störungen sei eine Heilung unrealistisch, und die Therapie habe in erster Linie die Symptomfreiheit des Patienten zum Ziel, erklärte Prof. Volker Groß (Amberg). Bei den chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen müsse daher im akuten Schub versucht werden, die Patienten rasch in Remission zu bringen und diese durch eine Erhaltungstherapie beizubehalten. Stärkeres Augenmerk muss nach Aussage von Groß dabei auf die Nebenwirkungen gelegt werden, damit die Lebensqualität der Patienten nicht zu sehr eingeschränkt wird.
Gefürchtet sind vor allem Nebenwirkungen der Kortikoide. Beim Morbus Crohn wird deshalb bei geringer bis mäßiger Aktivität im akuten Schub mit Mesalazin sowie mit Budesonid behandelt. Hierbei handelt es sich um ein Steroid, das deutlich weniger Nebenwirkungen bedingt als das Prednisolon, das daher nur bei schwerem Morbus-Crohn-Schub einzusetzen sei. So ist nach Mitteilung von Prof. Reinhold W. Stockbrügger (Maastricht) unter der Prednisolon-Behandlung bereits nach wenigen Monaten ein Abfall der Knochendichte messbar, ein Phänomen, das beim Budesonid nicht beobachtet wird. Bei der Therapie der Colitis ulcerosa steht die Mesalazin-Gabe ganz im Vordergrund. Sind Steroide erforderlich, so wird mit Budesonid rektal oder auch mit Prednisolon behandelt.
Langzeittherapie mit Immunsuppressiva
Bei der Langzeittherapie gewinnen immer mehr Immunsuppressiva an Bedeutung, und zwar insbesondere das Azathioprin, das sich beim Morbus Crohn wie auch der Colitis ulcerosa als wirksam erwiesen hat. „Es ist die wirksamste Option beim Remissionserhalt“, sagte Groß. Auf eine Langzeitbehandlung mit Steroiden sollte wegen des nicht unerheblichen Nebenwirkungsrisikos möglichst verzichtet werden.
Enttäuscht haben nach Prof. Jürgen Schölmerich (Regensburg) trotz intensiver Forschungstätigkeiten die Versuche, mit biologischen Strategien die Therapie der CED voranzutreiben. Zwar seien viele Anstrengungen unternommen worden, über die unterschiedlichen Zytokine direkt in die Pathogenese einzugreifen und den Krankheits-prozess zu modulieren, ein Durchbruch bei der Therapie stehe aber noch aus.
Die Wissenschaftler konzentrieren sich daher auf die gestörte Barrierefunktion bei den CED. Denn eine funktionierende Epithelbarriere des Darmes schützt den Patienten vor dem Eindringen von Antigenen und verhindert, dass Elektrolyte und Wasser aus den Gefäßen ins Darmlumen gelangen. Bei Patienten mit CED ist diese Barrierefunktion gestört, und es gibt Hinweise, dass einige der angewandten Therapieprinzipien – wie beispielsweise das Mesalazin sowie die Kortikoide – unter anderem auch günstige Effekte auf die Epithelbarriere haben. Christine Vetter

Pressekonferenz „Neue Erkenntnisse zu chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen: Von der Ursachenforschung bis zur Behandlungsstrategie“ anlässlich der Gastroenterologiewoche 2002 der Falk Foundation in Freiburg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema