Supplement: Reisemagazin

Patmos: Gottes heilige Festung

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): [12]

Wendt, Christoph

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Patmos: im Innenhof des Johannesklosters Foto: Christoph Wendt
Patmos: im Innenhof des Johannesklosters Foto: Christoph Wendt
Das Erste, was wir vom Schiff aus von Patmos sehen, scheint eine kleine, weiße Wolke zu sein, die über der Insel schwebt. Ein wenig später sieht alles aus wie eine gigantische Portion Cappuccino: Über einer mächtigen Portion braunen Kaffees scheint eine Sahnehaube zu liegen, gekrönt von etwas Graubraunem. Erst als wir dem Hafen schon recht nahe sind, lässt sich alles identifizieren: Das Braune ist die karge Insel, das Weiße sind die Häuser der Chora, des hoch gelegenen Hauptortes der Insel Patmos; das darüber hinausragende Graubraune ist das wie eine düstere Normannenburg wirkende Kloster des heiligen Johannes. Ohne dieses Kloster wäre Patmos nichts: Durch dieses Kloster ist die nördlichste Dodekanes-Insel alles.
Dank des Klosters ist Patmos die faszinierendste Insel des ganzen Dodekanes-Archipels. Dabei ist Patmos erst im Zeitalter des Tourismus interessant geworden. Die Touristen, fast ausschließlich Tagesbesucher, die von Rhodos oder Kos herüberkommen, um „Gottes heilige Festung in der Ägäis“ zu sehen, prägen heute das Bild von Skala und Chora. Sie landen im Hafen von Skala, zu Füßen der von der Klosterfestung überragten Chora. Am Kai herrscht trotz der Hitze viel Betrieb. Taxis warten, Reiseleiter halten Namensschilder ihrer Veranstalter hoch, um ihre Leute um sich zu sammeln. Ein paar Frauen bieten Fremdenzimmer an, und einige Hunde wedeln pflichtgemäß mit dem Schwanz, rühren sich aber sonst nicht aus dem Schatten.
Kloster der Apokalypse
Vorbei an hübschen, nicht sonderlich alten Häusern von Skala, an Gärten, aus denen rote Hibisken und blaue Trichterwinden herausranken, bringt uns ein überfüllter Linienbus der Chora und der Burg entgegen. Wir steigen am Straßenrand aus, um zwischen hoch aufragenden Zypressen auf den leuchtend weißen Komplex des Klosters der Apokalypse zugehen zu können. Das ist eine Einstimmung auf die Begegnung mit jenem Ort, der unabhängig von allen historischen Ereignissen und Personen mit jener Schrift in Verbindung gebracht wird, die seit rund 1 900 Jahren die römische wie die orthodoxe Christenheit berührt: die Apokalypse des Johannes, eine Vision vom Weltuntergang. Johannes soll in jener Höhle gelebt haben, die heute als Höhle der Apokalypse gezeigt wird und um die herum später das Apokalypsenkloster gebaut wurde. Seinem Schüler soll Johannes, der nach römisch-katholischer Überlieferung der Evangelist, der Lieblingsjünger Jesu war, nach orthodoxer vorsichtiger nur als Johannes der Theologe bezeichnet wird, die Visionen der letzten Dinge diktiert haben.
Im Johanneskloster
Eine Treppe führt vom Klostereingang hinab zur Höhle, vor der ein alter Mönch mit langem, weißem Bart sitzt und mit Argusaugen darüber wacht, dass kein Besucher die heilige Stätte fotografiert. Im Gegensatz zu manchen anderen orthodoxen Klöstern, wo ein paar Münzen oder Scheine genügen, dem Pfarrer für ein paar Minuten die Augen zufallen zu lassen, hilft hier nichts: Der Papas bleibt wachsam, auch wenn er mit einigen Kindern am Eingang schäkert.
Der Weg zum Johanneskloster ist nicht zu verfehlen. Souvenirläden reihen sich aneinander, dazwischen ein paar Kafenions und Tavernen, dann geht es ein paar Treppenstufen hoch dem abweisend, fast feindlich anmutenden, mächtigen Gemäuer entgegen. Fenster hat es kaum, aber drohend wirkende Zinnen. Durch ein gewaltiges Tor kommen wir in einen kleinen Vorhof, ein weiteres Tor ist zu passieren, und plötzlich stehen wir im Innenhof des Klosters und damit in einer völlig anderen, unerwartet freundlichen, hellen, fast heiteren Welt. Der Kontrast könnte nicht größer sein: draußen das abweisende graue Gemäuer, drinnen lichtdurchflutete, ineinander übergehende kleine Höfe, um die sich blendend weiß getünchte Gebäude reihen. Hier stehen Töpfe mit blühenden Blumen, da überspannen Schwibbögen idyllische enge Gässchen. Aus der Vorhalle der Hauptkirche leuchten die Fresken heraus, Besucher sitzen um einen plätschernden Brunnen. Dazwischen eilen Mönche über den Hof. Über allem strahlt der blaue Himmel.
Wir brauchen Stunden, um uns das Heiligtum anzuschauen, das 1088 durch den seligen Abt Christodoulos gegründet wurde. Der oströmische Kaiser Alexios Komnenos übertrug dafür sogar dem Abt die ganze, damals unbewohnte Insel als Eigentum. Wenigstens ein Dutzend kleiner Gruppen ist dabei unterwegs, in den Kirchen, in den Höfen, dem einstigen Refektorium oder im Museum mit seinen Schätzen. Christoph Wendt

Auskünfte bei der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt/ Main, Telefon: 0 69/23 65 61-63, Fax: 23 65 76.
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