ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2003Andalusien: Letzte Ausfahrt – Casares

Supplement: Reisemagazin

Andalusien: Letzte Ausfahrt – Casares

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): [16]

Knoll, Mathias

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Casares ist ein typisch andalusisches Bergdorf in der Sierra Bermeja. Ein kleines Dorf, zu dem eine staubige Straße über endlose Kurven führt. Weiße, ineinander geschachtelte Kuben haben sich in den karstigen
Berg verkrallt. Wie kletternde Bergziegen, die hartnäckig ihr Futter suchen. Im hoch aufragenden Felsgestein über dem Dorf, die Ruinen einer arabischen Festung.
Kopfsteinpflaster schleicht wie ein Krake durch das Dorf. Der Flaneur schlendert absichtslos durch die Gassen, ohne architektonische oder technische Wunder zu erwarten. Eine Form, glücklich zu sein.
In dieses Bergdorf könnte man sich verbannen lassen. Ein idealer Ort unterzutauchen. Gassen münden auf einen kleinen, anmutigen Platz.
Nachts herrscht hier eine unbeschreibliche Stille. Das matte Licht der Laterne wirft einen samtartigen Schatten, als würde eine Bühne beleuchtet. Schlagschatten setzen Akzente, als müssten die Häuser neu vermessen werden. So, als seien sie höchstpenibel ausgegraben worden und doch von der Welt vergessen. Nicht einmal die Uhr des Kirchturmes kann sich für eine Tageszeit entscheiden. Der abgebrochene Uhrzeiger blieb einsam zurück. Wann das letzte Stündchen geschlagen hat, weiß hier keiner mehr. Als wäre sich das Dorf einig in seinem lautlosen Protest, der sich dem Nützlichkeitsdenken entzieht. Souverän ignorieren, anders zu sein – so, als habe sie eine heimliche Melancholie befallen. Müdes Mauerwerk, liebevoll, aber dennoch nachlässig gekalkt, zeigt Sprünge, Risse und Flechten. Wie ein altes, abgearbeitetes Gesicht. Hier hat die Gegenwart schon vor einem Menschenleben begonnen. Der Putz der Hausmauer, gegen die das Kind den Ball prellt, blättert ab. Morgen wird sich das Dorf noch mühsamer gegen den Verfall wehren. Die Feuchtigkeit zerfrisst lautlos die Wände, das Dach. Auf der winzigen Dachterrasse eine kleine Zisterne.
Irgendwo in der Provinzhauptstadt wird ein Beamter diesen Ort aus seinen Akten tilgen, ihn an seinem Schreibtisch auslöschen. Und doch, die Wäsche auf der Leine wiegt sich im Wind, als sei für das Dorffest geflaggt.
Wind fängt sich in ihren Röcken
Andalusien/Spanien: Blick auf Casares hoch am Bergkegel – die Ruinen einer arabischen Festung überragen das Häusermeer.
Andalusien/Spanien: Blick auf Casares hoch am Bergkegel – die Ruinen einer arabischen Festung überragen das Häusermeer.
Auf dem Dorfplatz wird der Lastwagen mit den roten Butanflaschen entladen. Seilchenhüpfende Kinder. Ein Schwarm dunkelhaariger Bengel in kurzen Hosen balgen sich wie junge Hunde um den Ball. Frauen sitzen, stehen in der Eingangstür. Sie schälen Kartoffeln und weben flüsternd Intrigen. Ein kleines Mädchen schickt versonnen eine Seifenblase auf die kurze Reise durch die Gasse. Frauen mit strohgeflochtenen Einkaufstaschen wechseln den schmalen Bürgersteig, treten aus dem kühlen Schatten auf die Sonnenseite der Gasse. Wind fängt sich in ihren Röcken, die sie mit der Hand raffen. In Hinterhöfe, von schmiedeeisernen Fenstergittern bewacht, locken ausgetretene Treppenstufen. Üppige Geranien quellen von den Fensterbänken. Großblättrige Platanenpflanzen verleihen selbst den ausgebeulten, weiß angestrichenen Blechkanistern, aus denen sie hervorschießen, einen malerischen Reiz. Drei kleine Kinder plätschern im Brunnen. Achtlos haben sie ihre Schuhe und Strümpfe abgestreift und bespritzen sich laut
quietschend mit Wasser. Der Polizeiposten sitzt in tadellos gebügelter Uniform wie ein Schalterbeamter hinter seinem Heftchenroman. Gegenüber von der kleinen Polizeistation steht der Dorfkiosk. Ein Blechcontainer, nicht einmal ein Ausschank. Ein knappes Dutzend Weckgläser mit Bonbons, Zuckerstangen sorgen für eine Art Existenz. Eine alte, schwarz gekleidete Frau hat sich tief ins Fenster des Büdchens gebeugt. Wie eine Schwerhörige, die das Ohr des Gesprächs-
partners sucht, der im Dunkeln des Containers verborgen bleibt.
Vor dem kleinen Lebensmittelladen mit dem klickenden Perlenvorhang picken gelassen Hühner in einer spärlichen Grasnarbe. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse stellt der Fleischer einen wackeligen Baststuhl vor seinen Laden. Rittlings setzt er sich auf den Stuhl und stützt beide Arme auf die Lehne, als suche er Halt.
Bedrohlich wird es
Irgendwo hinter dem Haus in den Fels geschlagene, höhlenartige Löcher. Mit Draht und Holz nachlässig ausstaffiert zum Hühnerstall, zum Kaninchenstall. In dem verwinkelten Eingang des Nebenhauses mit dem Treppenabsatz hängen selbstgestrickte Kleidungsstücke. Der Hauch eines Windes streicht über die Veranda. Geruch von nasser Wäsche. Ein junges Mädchen hockt im Türrahmen und blättert in einem Magazin. Hinter ihr auf dem Vertiko steht das quäkende Radio. Die übrige Familie
sitzt in einem abgedunkelten Verkaufsraum, der wie ein Wohnzimmer möbliert ist, wenn auch Textilien angeboten werden. Man sieht fern. Ein kleines Mädchen bewegt sich tänzelnd zur Musik. Eine ältere Frau im abgewetzten Hauskittel versucht, den Faden in die Nadel einzuführen. Der Großvater liegt mit schlaffem Mund in dem abgedeckten Sessel und schläft. In dem entspannten Körper ruht eine Gelassenheit, als brauche er kaum noch Kraft zum Leben.
Fotos: Hartmut Lübbe Casares: Idylle im andalusischen Bergdorf
Fotos: Hartmut Lübbe Casares: Idylle im andalusischen Bergdorf
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Eine stille Gasse. Aber in dieser Art der Zurückgezogenheit liegt auch etwas wie ein kleines Glück. Ein Kreislauf von regelmäßig wiederkehrenden Gewohnheiten. Das kann beruhigen. Bedrohlich wird es erst, wenn morgens der Hahn nicht mehr kräht oder das Zirpen der Zikaden erstirbt. Irgendwo auf einer ausgespülten Betontreppe lümmeln sich Jugendliche. Verwegen, die Zigarette im Mundwinkel. In einer Hausnische gurrt ein Pärchen im geheimen Einverständnis. Im Schatten eines Apfelsinenbaumes sitzt eine alte Frau. Ihr Gesicht ist zerklüftet wie ein Stein. Den quengeln den Enkel, auf die Knie gepresst, kann auch der monotone Tonfall der Märchen erzählenden Oma nicht beruhigen. Über die verwitterte Bruchsteinmauer des Nachbargartens ragen die Zweige eines Feigenbaumes. Gassen kommen aus dem Nichts,
enden im Nichts. Ein Gitter als Schutz vor dem Sprung in das abgrundtiefe Tal, in das sich die Bougainvillea wie ein Sturzbach ergießt.
Die Sonne verschwindet hinter dem Festungsgürtel, der das Dorf beherrscht. Die letzten Strahlen legen sich über das weiße Dorf wie eine verglimmende Glut. Tief unten im Tal legt sich das Flutlicht über den Fußballplatz. Wie farbige Insekten rennen die Spieler hin und her – zu weit entfernt, als dass man den Spielverlauf verfolgen könnte. Schwalben segeln im Tiefflug. Geradezu ausgelassen, als genössen sie die Kühle des Abends. Verschossen das Rot der Ziegeldächer, schuppenartig gedeckt, ohne Symmetrie. Nicht eine gerade Linie, wenn auch die Menschen, die hier leben, geradeaus denken. Und doch zurückhaltende Menschen, nicht eigentlich schweigsam, aber von einer Art Sprachlosigkeit, die sich erst dann löst, wenn man sich Jahre kennt oder zu viel getrunken hat.
Ein Dorf, in dem jedes Kind weiß, dass nur eine gute Schulleistung sie aus der Enge der Familie befreit. Die entscheidende Frage ist nur, wieweit einer zu denken wagt. Aus dem Blickwinkel des Heranwachsenden eine enge Lebensbühne, über die sich der Schatten der mächtigen Felsregionen schiebt, als lebten sie auf einer Art Sonnenuhr. Irgendwo plärrt ein Radio. Das dünne Glöckchen der kleinen, neuen Kirche mahnt zum Kirchgang. Durch das Gassenlabyrinth des Bergdorfes huschen ein paar Gläubige – etwas verloren, aber zielstrebig, wie auf der Flucht. Welche Sünden haben sie zu beichten?
Hinter der weiß gekalkten Friedhofsmauer, mit ihren Nischengräbern, schrecken zwei Tauben auf. Hektischer Flügelschlag trägt sie in die Luft. Mathias Knoll

Reise-Tipps
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 63, 10707 Berlin, Telefon: 0 30/8 82 65 43, Fax: 0 30/8 82 66 61.
Reiseführer: Susanna Asal: Andalusien, Peter-Meyer-Verlag Frankfurt/Main, Auflage 2001, 18,95 Euro.
Veranstalter: LTU Touristik; Rustikale Landhäuser; Fly + Drive. Ab/bis Deutschland/Österreich: eine Woche bei Fly + Drive, drei Sterne, ab 599 Euro.
Leistungen: Sieben Nächte Unterbringung im Doppelzimmer mit Bad/
Dusche/WC in landestypischen Fincas der Mittelklassekategorie mit Frühstück einschließlich Mietwagen Typ A (zum Beispiel Opel Corsa), Typ B (Renault Clio), oder Typ C (Ford Escort) buchbar. Ab/bis Deutschland/Österreich: eine Woche ab 699 Euro.

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