ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Medikamentenstreit: Tödliche Nebenwirkung

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Medikamentenstreit: Tödliche Nebenwirkung

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-585 / B-501 / C-473

Korzilius, Heike

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LNSLNS Seit mehr als einem Jahr blockieren die USA ein Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO), das Entwicklungsländern den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten zu erschwinglichen Preisen gewähren soll. Bei dem Streit geht es um Patente. Einmal keimte Hoffnung auf. Im November 2001 sah es so aus, als stelle die WTO-Ministerkonferenz in Doha die Gesundheit über das Patentrecht. Nach der damaligen Vereinbarung können Staaten, deren öffentliche Gesundheit gefährdet ist, Zwangslizenzen erteilen und es damit ihren Pharmafirmen ermöglichen, billige Kopien patentgeschützter Arzneimittel herzustellen.
Nun verfügen aber die wenigsten Entwicklungsländer über eine eigene Pharmaindustrie, und der Export der unter Zwangslizenz hergestellten Medikamente ist verboten. Bis Ende 2002 wollte die WTO für dieses Dilemma eine Lösung finden. Doch auch die Verhandlungen Mitte Februar dieses Jahres blieben ergebnislos. Die USA bestehen darauf, dass die Ausnahmeregelung nur für eine Liste eng definierter Krankheiten wie Aids, Tuberkulose, Malaria und vergleichbar schwerwiegende Seuchen gilt. Ein Kompromissvorschlag der EU-Kommission zielt neben einer ergänzungsfähigen Liste von Krankheiten darauf, die Welt­gesund­heits­organi­sation als Schiedsrichterin darüber entscheiden zu lassen, ob die öffentliche Gesundheit eines Landes tatsächlich gefährdet ist. Die Entwicklungsländer und auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen fragen zu Recht, warum diese Entscheidungsfreiheit nur für die Industrieländer, nicht aber für ärmere Länder gelten soll. Zur Erinnerung: Angesichts der Anthrax-Anschläge Ende 2001 riefen die USA den nationalen Notstand aus und drohten dem Pharmakonzern Bayer damit, sein Patent auf das einzige zur Behandlung des Lungenmilzbrands zugelassene Medikament zu brechen. Dabei zählt das Land zur eher zahlungskräftigen Kundschaft.
Während in der WTO das Gezerre um Patentrechte und Absatzmärkte – immerhin ein Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Pharmaindustrie auf dem afrikanischen Kontinent – weitergeht, bleiben Millionen Aidskranke unbehandelt, weil sie arm sind – Risiken und Nebenwirkungen des Welthandels. Heike Korzilius
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