POLITIK

Privatrechnung

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-605 / B-515 / C-487

Böhmeke, Thomas

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Schon seit langem betreue ich einen netten älteren Herrn mit Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen. Die erforderliche orale Antikoagulation gibt Anlass zu regelmäßigen Kontrollen, die von ihm auch penibel wahrgenommen werden. Insgesamt eine stabile und auch menschlich erfreuliche Patienten-Arzt-Beziehung, bis er auf die Idee kam, sich eine zweite Meinung einzuholen. Nun, jeder Arzt ist von der Richtigkeit seines Tuns völlig überzeugt, so auch ich, und so hatte ich keine Einwände, dass er sich beim berühmten Universitätsprofessor in der fernen Weltstadt vorstellte.
Drei Wochen später sitzt er wieder vor mir und legt mir einen knapp gehaltenen Arztbrief vor, in dem empfohlen wird, von dem einen kardioselektiven Betablocker auf einen anderen zu wechseln. Gar nicht knapp ist dagegen die Privatrechnung ausgefallen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele neue Untersuchungen in der Kardiologie gibt. Und diese fünfstellige Zahl am Ende – ich war sprachlos. Auch auf meinen Patienten blieb dies nicht ohne nachhaltigen Eindruck: „Das müssen Sie mir mal erklären!“ Und obwohl ich bisweilen mit einer blühenden Fantasie gesegnet bin – hier fiel mir partout nichts mehr ein. Nur eine Millisekunde überlege ich, ob ich meine verzweifelten Erklärungsversuche unter der GOÄ-Nummer 3 „Eingehende Beratung“ in Rechnung stelle, verwerfe diesen Gedanken aber sofort.
Nach vier Wochen ruft mich die Ehefrau an, ihr Mann hätte Blut erbrochen, was zu tun sei. Voller Entsetzen registriere ich, dass er sich den allfälligen Quick-Kontrollen entzogen hatte. Der Schnelltest zeigt es: Gerinnungsfaktoren IX, VII, X und II sind perdu. Ich will ihn nach Weltstadt einweisen, aber: „Zu dem . . .* kriegen Sie mich nicht mehr hin!“ Zusammen mit einem abrechnungstechnisch unbescholtenen Gastroenterologen bekommen wir die erosive Gastritis in den Griff und betrachten zwei Wochen später die Retikulozytenkrise im Blutbild. Jetzt will ich aber doch mal wissen, wie das alles kam.
„Na ja, der Professor in Weltstadt sagte doch, ich sollte vom Markumar immer zwei nehmen.“
Langsam dämmerte es mir. Der meinte doch: INR 2. Hatte der das nicht erklärt?
„Nö, dafür hatte der keine Zeit. Das sollten Sie gefälligst machen.“
Die Geschichte ist schon drei Monate her, mittlerweile schicke ich mindestens jede Woche einen Patienten in die Ambulanz des Professors in der fernen Weltstadt.
Sie wundern sich?
Äääh – ich schreibe an einer wissenschaftlichen Arbeit: „Untersuchungsmodalitäten einer deutschen Universitätsklinik in Abhängigkeit vom Versichertenstatus“. Das Dumme ist nur, die Publikation wird nirgends akzeptiert. Vielleicht kann ich sie dem Böhmeke mit seiner komischen Rubrik unterjubeln. Den kenne ich nämlich gut – und der ist auch privat versichert.
Dr. med. Thomas Böhmeke
* Bemerkung aus Anstandsgründen gestrichen
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