ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Menschen im Alter: Bestmögliche Versorgung

POLITIK

Menschen im Alter: Bestmögliche Versorgung

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-606 / B-516 / C-488

Gerst, Thomas

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Das Ziel: Möglichst langes Leben in vertrauter Umgebung
Das Ziel: Möglichst langes Leben in vertrauter Umgebung
Der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte und die Gesellschaft für Sozialen Fortschritt fordern optimale Versorgung der älteren Bevölkerung.

Die Generalversammlung des Ständigen Ausschusses der Europäischen Ärzte (CPME = Comité Permanent des Médecins Européens) hat sich im Oktober 2002 in Salzburg mit der Zukunft der medizinischen Versorgung alter Menschen befasst. In einer Stellungnahme* bezeichnet der Ausschuss die in allen Ländern Europas zu verzeichnende steigende Lebenserwartung als eine der größen Herausforderungen an die künftige Organisation und Finanzierung der Gesundheits- und Sozialsysteme. So werde sich der Anteil der über 65-Jährigen in Europa von 16,1 Prozent im Jahr 2000 auf 22 Prozent im Jahr 2025 und auf 27,5 Prozent im Jahr 2050 erhöhen. Der Anteil der über 80-Jährigen werde von derzeit 3,6 Prozent (2000) auf voraussichtlich 10 Prozent im Jahr 2050 zunehmen.
Der Dachverband der europäischen Ärzte betont das Recht alter Menschen auf die bestmögliche, an ihren individuellen Bedürfnissen ausgerichtete medizinische Behandlung, ohne Diskriminierungen aufgrund des Alters befürchten zu müssen. Wie jedes andere Mitglied der Gesellschaft hätten alte Menschen Anspruch auf eine an hohen ethischen Standards orientierte Versorgung durch Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe. Dies beinhalte
- das Recht, über alle ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden betreffenden Fragen zu entscheiden, solange sie zurechnungsfähig sind;
- das Recht auf angemessenen rechtlichen Schutz ihrer Interessen, wenn sie nicht mehr zurechnungsfähig sind;
- das Recht auf ausreichende Informationen, die in einer Art und Weise erfolgen, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können.
Der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte sieht es als eines der wichtigsten Ziele der medizinischen und sozialen Betreuung alter Menschen an, diesen ein möglichst langes Leben in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Vordringlich seien deshalb Maßnahmen zur Förderung der Mobilität und der Selbstständigkeit. Allerdings haben der Zusammenbruch der traditionellen Familienstrukturen sowie die durch den Arbeitsplatz bedingte Mobilität in der Bevölkerung dazu geführt, dass immer mehr alte Menschen mit schweren gesundheitlichen Problemen ohne die Unterstützung bleiben, die früher durch den traditionellen Familienverbund geleistet wurde. Von entscheidender Bedeutung ist es nach Ansicht des CPME deshalb auch, Altenwohnungen, in denen die pflegebedürftigen alten Menschen ihren Krankheiten und Bedürfnissen entsprechend versorgt werden können, in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stellen.
Typische Probleme bei der medizinischen Versorgung alter Menschen resultierten aus der Co-Morbidität und den Nebeneffekten medikamentöser Behandlung – insbesondere vor dem Hintergrund multipler Medikation. Als vorherrschende Krankheiten im Alter werden genannt: Arthritis, chronische Atemwegserkrankungen, eingeschränktes Hör- und Sehvermögen, Diabetes, ischämische Herzerkrankung, Schlaganfall, Alzheimer-Demenz und Depression. Insbesondere die Depression, unter der 20 Prozent der über 80-Jährigen leiden, werde häufig nicht erkannt und dementsprechend nicht behandelt.
Die europäische Ärzteorganisation weist darauf hin, dass alte Menschen offenbar in zunehmendem Maße Opfer von Misshandlungen physischer und psychologischer Art werden. Ärzte befänden sich in einer Schlüsselposition bei der Entdeckung, Handhabung und Prävention solcher Vorkommnisse sowohl in Pflegeeinrichtungen als auch in der Familie. Um die vielfältigen Probleme bei der gesundheitlichen Versorgung der Senioren in den Griff zu bekommen, hält der Ständige Ausschuss es für dringend erforderlich, die Ausbildung der damit befassten Gesundheitsberufe zu verbessern.
In der Aus- und Weiterbildung der Ärzte müsse den altersbedingten Krankheiten und insbesondere den durch die Demenz verursachten spezifischen Problemen besondere Bedeutung beigemessen werden. Infolge des medizinischen Fortschritts wird sich die Versorgung alter Menschen zunehmend in den ambulanten Bereich verlagern. Dies bedeutet, dass die Anforderungen an die Allgemeinmediziner steigen werden; eine effektive Kommunikation und Kooperation mit Fachärzten und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe innerhalb und außerhalb des Krankenhauses werden erforderlich sein. Deshalb müsse die multidisziplinäre Forschung in Bezug auf die Probleme alter Menschen forciert werden. Wichtig sei neben der rein klinischen Forschung eine stärkere Berücksichtigung der Versorgungsforschung.
Der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte weist darauf hin, dass eine am Optimum ausgerichtete medizinische und soziale Versorgung alter Menschen enorme Kosten verursachen werde. „Ab einem bestimmten Punkt müssen sich alle Gesellschaften mit dem Problem der Finanzierung . . . auseinander setzen und eine Lösung für die mit der Kosten-Nutzen-Analyse verbundenen Probleme finden, die gerecht, fair und transparent sein sollte.“ Thomas Gerst
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