ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Rahmenbedingungen in Deutschland

POLITIK

Rahmenbedingungen in Deutschland

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-607 / B-517 / C-489

Rühmkorf, Daniel

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Professionelle Versorgung älterer Menschen in Senioreneinrichtungen Fotos: Daniel Rühmkorf
Professionelle Versorgung älterer Menschen in Senioreneinrichtungen Fotos: Daniel Rühmkorf
Das Finanzierungsproblem war auch Thema des Symposiums „Risiken, Lebensqualität und Versorgung hochaltriger Menschen“ der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt e.V. in Berlin. Anfang Februar diskutierten Wissenschaftler, Selbsthilfegruppen, Ärzte und Pflegefachpersonal, wie zukünftig die Versorgung der älteren Bevölkerung organisiert und finanziert werden soll. Ähnlich wie der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte sahen die Teilnehmer dringenden Handlungsbedarf. Die Versorgung der älteren Generation sei eine ebenso moralische wie intellektuelle Herausforderung an die Familien, an die Wirtschaft und Gesellschaft und an den Staat, da die Ressourcenanforderungen hoch sind, der konzeptionelle Innovationsbedarf beträchtlich ist und differenzierte Informationen kaum vorliegen, so die Veranstalter.
Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland hat sich wie die anderer europäischer Länder verändert. Während 1950 die Zahl der unter 20-Jährigen noch doppelt so hoch war wie die der über 59-Jährigen, wird sich dieses Verhältnis bis 2050 umkehren. Die Bundesregierung rechnet damit, dass in 50 Jahren acht Millionen Menschen über 80 Jahre alt sein werden. Es wird zunehmend weniger Familien geben, die sich um ihre älteren Angehörigen kümmern.
Versorgungsleistungen bei Pflegebedürftigkeit werden in den meisten europäischen Ländern über die Kommunen finanziert. In Deutschland wurde für diese Leistungen 1995 die gesetzliche Pflegeversicherung eingeführt. Nach Meinung der Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik, hat sich die Pflegeversicherung jedoch nicht bewährt. Die Pflegeversicherung soll mit ihren Geldleistungen eine ausreichende Pflege gewährleisten. Allerdings bildeten die drei Pflegestufen den Pflegeaufwand nicht ab. Aktivierende Pflege, ambulante Reha-Maßnahmen und eine Versorgung nach Qualitätsstandards sind laut Bartholomeyczik mit den gezahlten Leistungen der Pflegeversicherung nicht möglich. Sobald Hochaltrige in einem Heim versorgt werden, sind sie häufig auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen. Ein Sozialversicherungszweig, der die versicherten Risiken nicht abdeckt, sei eine Scheinlösung.
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom an der Universität Greifswald, betonte, dass infolge der starren Trennung der Sozialversicherungszweige eine Kooperation und eine Vernetzung nicht realisierbar seien. Wasem schlägt deshalb vor, Kranken- und Pflegeversicherung zusammenzulegen. So könne vermieden werden, dass sich die beiden Versicherungsarten gegenseitig Pflege- beziehungsweise Behandlungskosten zuschieben.
Bei den über 80-Jährigen ist jeder Fünfte von Demenz betroffen, bei den über 90-Jährigen jeder Dritte. Heute leiden etwa 900 000 hauptsächlich älterer Menschen an einer Demenz. Im Jahr 2050 werden weit über zwei Millionen Deutsche betroffen sein. Die Pflegeversicherung lehnt bisher einen Leistungsanspruch aufgrund einer Demenz ab. Bartholomeyczik forderte, die bisherige Definition von Pflegebedürftigkeit um den Begriff der „Versorgung demenziell Erkrankter“ zu erweitern, worin sie vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen unterstützt wird. Prof. Dr. med. Gisela Fischer, Leiterin der Abteilung für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, präsentierte Studienergebnisse, nach denen bei einem Drittel der älteren Patienten viele Probleme und Symptome dem Hausarzt nicht bekannt seien. Beispielhaft nannte sie Inkontinenz, Alkoholabhängigkeit und Armut, die von den Patienten häufig aus Scham verschwiegen werden. Sie forderte die Ärzte auf, sich ihre alten Patienten genau anzuschauen.
Fischer sieht ein Dilemma: Viele alte Menschen konsultieren vermutlich nur deshalb ihren Arzt, um persönliche Zuwendung zu erfahren. Sie bezweifelte allerdings, dass das Bedürfnis nach Zuwendung in der Hausarztpraxis am besten befriedigt werden könne. Sie fragte deshalb: „Könnten nicht Betätigungsfelder für die älteren Menschen gefunden werden, damit sie andere Sozialkontakte finden können und aus dem Gesundheitswesen ,befreit‘ werden?“
Es handele sich hier, so Fischer weiter, um eine gesamtgesellschaftliche Koordinierungsaufgabe, bei der die Pflege, die Angehörigen, Spezialisten, Kommunen und Krankenhäuser miteinander in Übereinstimmung gebracht werden müssten.
Fazit der Tagung: Es bedarf weniger der Versorgungsforschung als vielmehr eines Bekenntnisses zur Verantwortung für diesen wachsenden Teil der Gesellschaft. Dr. med. Daniel Rühmkorf
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