ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Biotechnologie – Deutschland: Zwischen Euphorie und Katerstimmung

POLITIK: Medizinreport

Biotechnologie – Deutschland: Zwischen Euphorie und Katerstimmung

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-608 / B-518 / C-490

Zylka-Menhorn, Vera

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Trotz einer massiven Aufholjagd ist die deutsche Biotech-Branche noch
nicht ausgereift. An Ideen mangelt es den Firmen nicht, doch ihre Stimmung ist angesichts der schwachen Konjunktur gedämpft.

Vor zwei Wochen ging die Meldung um die Welt, dass das wohl bekannteste biotechnologische „Produkt“ – das Klonschaf Dolly – eingeschläfert wurde. Während „normale“ Schafe eine Lebenserwartung von 10 bis 15 Jahren haben, wurde Dolly bereits im Alter von sechs Jahren wegen einer fortschreitenden Lungenerkrankung (einer typischen „Alterserkrankung“ von Schafen) der Gnadentod gewährt. Böse Zungen behaupten, dass dieses Ereignis exemplarisch für den Zustand der gesamten Biotech-Branche ist.
Denn nach Jahren voller Euphorie und Aufbruchstimmung folgt in diesem Industriezweig nun – international und national – eine Phase der Ernüchterung, was sich ökonomisch in Form von Fusionen, Aufkäufen und Insolvenzen darstellt. Die jetzt ablaufende Neuordnung der Branche kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Biotechnologie das Bild der pharmazeutischen Industrie nachhaltig verändert hat – und in Zukunft auch weiter verändern wird.
Bereits heute werden in Deutschland acht Prozent des Arzneimittelumsatzes mit gentechnisch produzierten (rekombinanten) Medikamenten erzielt. Bei den Diagnostika haben diese Produkte sogar einen Marktanteil von 33 Prozent erreicht. Insgesamt waren im Mai 2002 (dem letzten Zeitpunkt der Erhebung) in Deutschland 88 rekombinante Arzneimittel auf dem Markt – davon 13 aus deutscher Produktion.
„Diese Zahlen sind zwar erfreulich“, urteilt Prof. Dr. Peter Stadler, Vorsitzender der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), „sie dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Reifegrad der deutschen Biotech-Branche nicht sehr hoch ist.“ Von den 365 hiesigen Biotechnologie-Unternehmen, die etwa 14 400 Mitarbeiter beschäftigen, schrieben viele rote Zahlen; einige mussten sogar Insolvenz anmelden.
Dass die Stimmung in der Biotech-Branche zurzeit gedämpft ist, bestätigt auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die jährlich den „Biotechnologie-Report“ erstellt. Nach Angaben von Dr. Siegfried Bialojan wiegt die Zahl der Neugründungen in Deutschland zwar die der Insolvenzen in etwa auf; doch viele Firmen bauen Personal ab. Die Industrie sei kostenbewusster, um vorhandene Finanzmittel im schwierigen Konjunkturumfeld zu strecken. Überzeugende Geschäftsmodelle würden allerdings – sehr selektiv – weiterhin mit signifikanten Beträgen finanziert. „Die von allen Experten prognostizierte Konsolidierung hat noch nicht voll eingesetzt“, resümiert Bialojan.
An innovativen Ideen, fähigen Wissenschaftlern und Einsatzbereitschaft mangelt es den jungen Unternehmen nicht. Vielmehr ist auch die Biotech-Branche von der dramatischen Abwärtsentwicklung der Kapitalmärkte betroffen. Die Geldreserven einiger Unternehmen sind bereits auf weniger als ein Jahresbudget zusammengeschrumpft. Neue Börsengänge sind derzeit „auf Eis gelegt“. Ohne Hoffnung auf weitere Investoren sind kleine Biotech-Firmen daher gezwungen, an die Türen der Großen der Branche zu klopfen, um ihr Unternehmen, Teile daraus oder auch nur einzelne Produkte
Das Bakterium Escherichia coli ist das „Arbeitspferd“ der biotechnologischen Firmen. Die hellen Einschlüsse in seinem Organismus sind das von ihm produzierte Insulin. Foto: Strathmann
Das Bakterium Escherichia coli ist das „Arbeitspferd“ der biotechnologischen Firmen. Die hellen Einschlüsse in seinem Organismus sind das von ihm produzierte Insulin. Foto: Strathmann
im Entwicklungsstadium zu verkaufen.
„Das liegt unter anderem daran, dass die Investoren falsche Erwartungen bezüglich der Entwicklungszeit von Pharmaka haben“, sagt Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer des Bereichs Forschung, Entwicklung, Innovation beim Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA). Investoren seien vor allem an Neuentwicklungen interessiert, deren Vermarktung in greifbarer Nähe liege. Doch die meisten Biotech-Unternehmen ständen entweder am Anfang ihrer Forschungsarbeiten oder zu Beginn der klinischen Studien – „eine Phase die sehr kostenintensiv ist“, so Throm. Gute Ansätze zur Überwindung der Probleme sieht der VFA in einer umfassenden nationalen Biotech-Strategie. Diese sollte auf dem Europäischen Strategie-Papier zu Lebendwissenschaften und Biotechnologie basieren, das zur Umsetzung des EU-Beschlusses im Jahr 2000 in Lissabon auf den Weg gebracht wurde. Danach soll Europa im Jahr 2010 im Bereich der Biowissenschaften weltweit den Spitzenplatz einnehmen – also die USA überrundet haben. „Dieses EU-Strategie-Papier sollte möglichst rasch auf nationaler Ebene umgesetzt werden“, fordert Throm. Das Bun­des­for­schungs­minis­terium hat 860 Millionen Euro, verteilt über vier Jahre, für biotechnologische Projekte zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen 180 Millionen Euro für das nationale Genomforschungsnetz.
Nach Ansicht von Dr. Alfred Tacke, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, wird sich die Zukunftsfähigkeit des Technologiestandortes Deutschland vor allem in den Biowissenschaften zu beweisen haben. Deutschland stehe dabei nicht nur mit europäischen Nachbarn und Nordamerika im Wettbewerb, sondern auch mit Staaten in Asien und Südamerika, die in der Biotechnologie eine wirtschaftliche Perspektive für sich entdeckt hätten. „Hinter uns liegt eine beeindruckende Aufholjagd. Doch es besteht immer noch Nachholbedarf“, so Tacke auf der Konferenz „BioTech 2002“ in Berlin.
Zum Vergleich: Englische Biotech-Unternehmen beschäftigen etwa doppelt so viele Mitarbeiter wie die deutschen, ihr Gesamtumsatz ist fast dreimal so hoch, ebenso die Anzahl der börsennotierten Unternehmen. Noch deutlicher ist der Abstand zu den USA: Dort arbeiten 1 400 Biotech-Firmen (davon 340 börsennotiert), und im Handel sind bereits 120 biotechnologisch basierte Arzneimittel erhältlich.
Aber auch im Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“ ist nicht alles Gold, was glänzt: Der US-Börsenindex „Nasdaq Biotechnology“ fiel im Jahr 2002 um 45 Prozent, und dieser Trend scheint sich fortzusetzen. „Nur ein Dutzend der US-Biotech-Unternehmen arbeitet profitabel“, kommentiert Throm. Diese „happy few“ schauen optimistisch in die Zukunft: So erwartet Amgen, das weltgrößte Biotech-Unternehmen, für 2003 ein Umsatzwachstum von 47 Prozent auf 7,2 Milliarden Dollar. Amgen setzt vor allem auf zwei Neuentwicklungen: Darbepoetin-alpha (Aranesp™) zur Therapie der Anämie sowie auf den hämatopoetischen Wachstumsfaktor Pegfilgastrim (Neulasta™), der bei Chemotherapie-bedingten Infektionen eingesetzt wird.
Zu den weiteren Favoriten der Analysten gehören Genentech, Idec Pharmaceuticals, Cephalon, Gilead Sciences und Medimmune. Dessen Influenzaimpfstoff FluMist™, eine erstmals als Nasenspray applizierbare Lebendvakzine, hat die ersten Begutachtungen durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA bestanden und soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Das Unternehmen erwartet allein für dieses Präparat einen Umsatz von bis zu einer Milliarde Dollar pro Jahr.
„In der Biotechnologie wird die Musik noch immer in den USA gespielt“, sagt Dr. Jens Katzek (Geschäftsführer der BIO Mitteldeutschland GmbH, Halle). Um aufholen zu können, sind die deutschen Biotech-Unternehmen auf ein günstiges wirtschaftspolitisches Umfeld angewiesen. „Dies erfordert klare rechtliche und politische Rahmenbedingungen“, so Katzek. In eine gute Ausgangsposition hätten sich vor allem Unternehmen gebracht, die fusionierten – wie der Impfstoffhersteller Rhein Biotech und der Schweizer Konkurrent Berna.
Einig sind sich die Experten, dass die derzeitige Lage der Biotech-Firmen zwar angespannt ist, aber einen normalen marktgesteuerten Ausleseprozess darstellt. Die Branche werde aus der Konsolidierung mit einer kleineren Zahl von Firmen, aber gestärkt hervorgehen. Und Neugründungen, davon ist DIB-Vorsitzender Stadler überzeugt, werden zukünftig ein erheblich größeres Entwicklungspotenzial haben: „Die Produkte und Dienstleistungen der Biotech-Firmen werden ihren
Weg in den Markt finden. Das betrifft nicht nur neue Arzneimittel und Diagnostika, sondern auch umweltschonendere Produktionsverfahren und gentechnisch veränderte Nutzpflanzen.“ Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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