ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Atemwegsinfektionen bei Kindern: Web-basiertes Frühwarnsystem

THEMEN DER ZEIT

Atemwegsinfektionen bei Kindern: Web-basiertes Frühwarnsystem

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-613 / B-523 / C-495

Weigl, Josef; Puppe, Wolfram; Meyer, Claudius; Forster, Johannes; Berner, Reinhard; Zepp, Fred; Schmitt, Heinz-Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Bildschirmansicht des Forschungsnetzwerks unter www.pid-ari.net
Bildschirmansicht des Forschungsnetzwerks unter www.pid-ari.net
Das infektionsepidemiologische Forschungsnetz PID-ARI.Net
untersucht akute respiratorische Infektionen im Kindesalter.

Seit 1999 werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Berlin, drei infektionsepidemiologische Forschungsnetzwerke gefördert. Eines davon, PID-ARI.Net („pediatric infectious diseases – acute respiratory tract infections network“), befasst sich mit akuten respiratorischen Infektionen im Kindesalter. Ziel des Netzwerkes ist es, mit molekularbiologischen Nachweisverfahren die Epidemiologie von akuten Atemwegsinfektionen bei Kindern (bis 16 Jahre) zu erforschen. Bisher wurde die Infektionsepidemiologie in der Wissenschaftsförderung wenig berücksichtigt. Akute Atemwegsinfektionen (ARI) haben zudem auch in Deutschland eine große Bedeutung. Beidem soll das Netzwerk Rechnung tragen. ARI führen zwar bei Kindern selten zu Todesfällen, aber die Bedeutung für die Anzahl an Krankenhauseinweisungen, die Zahl der Praxiskontakte und der damit verbundene Antibiotika-Verbrauch begründen eine hohe Prioritätensetzung für ARI (1). Bei Kindern können derzeit nur solche Mikroorganismen in der Routinediagnostik unmittelbar nachgewiesen werden, die die oberen Atemwege nicht kolonisieren und somit beim Gesunden nicht oder nur selten vorkommen (2).
An den Standorten Kiel (KI), Mainz (MZ), Freiburg (FR) wurden von Nord nach Süd drei epidemiologische Rekrutierungssysteme aufgebaut. Sie sollen räumlich und zeitlich hochauflösende Daten liefern. Krankenhäuser, Kinderarztpraxen und der öffentliche Gesundheitsdienst sind darin für mehrere Teilprojekte vereint. Grundsätzlich werden Kinder mit tiefen und somit schweren Atemwegsinfektionen untersucht und dazu Nasopharyngealsekret nach Kiel zur einheitlichen Diagnostik verschickt. Im mikrobiologischen Labor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie der Universität Kiel, der zentralen Netzwerk-Ressource, werden die Proben mit einer früher 9-, jetzt 16-valenten Multiplex-RT-PCR untersucht (3). Da die Symptome tiefer Atemwegsinfektionen vor allem bei Kindern unspezifisch sind, greift eine Erfassung eines oder nur weniger Erreger zu kurz. Eine Erfassung über Einzelverfahren für jeden der zu untersuchenden Erreger würde den Kosten- und Arbeitsrahmen sprengen. Das Multiplex-PCR-Verfahren ermöglicht den simultanen Nachweis von 16 Erregern, ist kostengünstig und erleichtert die Logistik. Im Gegensatz zu Kulturverfahren bedarf es keiner vermehrungsfähigen Erreger.
Die gewonnenen Daten lassen sich unmittelbar zur deskriptiven Epidemiologie und für analytisch-epidemiologische Untersuchungen zur Erfassung von Risikofaktoren verwenden, oder die Patienten können gegebenenfalls in weiterführende Spezialprojekte eingebunden werden. Dies sind zum Beispiel Untersuchungen zur Immunologie (MZ), zur molekularen Epidemiologie (FR) und zwei Kohorten-Studien (FR); die erste befasst sich mit der Antibiotikaresistenz kolonisierender Bakterien, die zweite mit Spätfolgen von ARI. Das Hauptziel ist, international konkurrenzfähige epidemiologische Daten zu generieren, die dann für verbesserte klinische Handlungskonzepte, für Forschung und Entwicklung und für Präventionsstrategien umgesetzt werden sollen. Die Daten werden in wissenschaftlichen Publikationen, einem Newsletter und einem web-basierten Frühwarnsystem veröffentlicht.
Behandlung verbessern
Bisher gibt es in Deutschland kein Surveillance-System1, das simultan Daten zu mehreren Erregern von akuten Atemwegsinfektionen bei Kindern liefert. Den Ärzten soll es durch dieses Frühwarnsystem ermöglicht werden, Interventionsmaßnahmen, wie die passive Immunisierung gegen RS-Viren, Epidemie-synchron vorzunehmen. Zusätzlich soll die Information das Bewusstsein für entsprechende epidemiologische Abläufe fördern und die medizinische Versorgung weiter verbessern helfen.
Auf der Website www.pid-ari.net kann der Nutzer Informationen zur Mikrobiologie, Epidemiologie und Immunologie von ARI bei Kindern abrufen (Abbildung). Unter der Rubrik „Literatur“ sind Publikationen aus dem Netzwerk zu finden. Die Bereiche „Studienportal“ und „Material“ sind nur Netzwerkmitgliedern zugänglich. Nach dem Anklicken von „WebWarn“ kann der Nutzer zwischen „Wochenübersicht“, „Kommentare“ und „Jahresübersicht“ wählen. Seit Oktober 2002 werden hier wöchentlich die Surveillance-Daten zu den untersuchten Erregern publiziert. In den Spalten sind die Gesamtzahl der Proben, der Anteil der positiven Proben und die 16 Erreger aufgeführt. In den Zeilen sind die letzten fünf Kalenderwochen im Detail und eine Zeile mit den kumulierten Daten ab Juli des betreffenden epidemiologischen Jahres abrufbar. Da ein Kalenderjahr für die Betrachtung von ARI eine unpassende Größe ist, wird das epidemiologische Jahr von Juli des einen Jahres bis Juni des Folgejahres definiert. Die ARI-Saison wird dann nicht durch den Kalenderumbruch geteilt. Die Kommentare beschreiben kurz den Hintergrund zum betreffenden Erreger und die Epidemiologie im engeren Sinn. Zusätzlich umfassen sie eine aktuelle Literaturangabe möglichst aus Deutschland, die Vorhersage für das laufende epidemiologische Jahr, wann ein entsprechender Ausbruch zu erwarten ist, und eine Beschreibung des Ist-Zustands. Die Jahresübersicht gibt einen Überblick seit 1998/1999. Man kann die Rhythmizität und die jahreszeitliche Bedeutung der Erreger erkennen.
Das PID-ARI.Net ermöglicht es, deskriptive, analytische und interventionelle Studien zu ARI bei Kindern durchzuführen. Es soll nachhaltig in Deutschland operieren. Mit dem Frühwarnsystem liegt erstmals ein Surveillance-System vor, das Erreger-spezifisch und relativ umfassend ist. Die Verfasser wollen so einen Beitrag leisten, die Kenntnisse zur Epidemiologie von ARI und deren Behandlung zu verbessern.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit1003 abrufbar ist.

Anschrift für die Verfasser*:
Dr. med. Josef Weigl
Klinik für Allgemeine Pädiatrie
Schwanenweg 20, 24105 Kiel
Anzeige
1.
Michaud CM, Murray CJL, Bloom BR: Burden of disease – Implications for Future Research. JAMA 2001; 285: 534–539. MEDLINE
2.
Weigl J, Forster J, Berner R, Puppe W, Neumann-Häfelin D, Meyer CU, Zepp F, Schmitt HJ: Virale Atemwegsinfektionen mit saisonaler Häufung bei Kindern. Eine Übersicht mit Schwerpunkt auf Daten aus Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2003; 46: 9–19.
3.
Gröndahl B, Puppe W, Hoppe A, Kühne I, Weigl JAI, Schmitt HJ: Rapid Identification of Nine Microorganisms Causing Acute Respiratory Tract Infections by Single-Tube Multiplex Reverse Transcription-PCR: Feasibility Study. J Clin Microbiol 1999; 37: 1–7. MEDLINE
1.Michaud CM, Murray CJL, Bloom BR: Burden of disease – Implications for Future Research. JAMA 2001; 285: 534–539. MEDLINE
2.Weigl J, Forster J, Berner R, Puppe W, Neumann-Häfelin D, Meyer CU, Zepp F, Schmitt HJ: Virale Atemwegsinfektionen mit saisonaler Häufung bei Kindern. Eine Übersicht mit Schwerpunkt auf Daten aus Deutschland. Bundesgesundheitsbl 2003; 46: 9–19.
3.Gröndahl B, Puppe W, Hoppe A, Kühne I, Weigl JAI, Schmitt HJ: Rapid Identification of Nine Microorganisms Causing Acute Respiratory Tract Infections by Single-Tube Multiplex Reverse Transcription-PCR: Feasibility Study. J Clin Microbiol 1999; 37: 1–7. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema