ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Krieg oder Frieden: Zauberlehrlinge von heute

THEMEN DER ZEIT

Krieg oder Frieden: Zauberlehrlinge von heute

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): A-614 / B-524 / C-496

Hoffmann, Horst A.

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Demonstration gegen den Krieg am 15. Februar . . .
Demonstration gegen den Krieg am 15. Februar . . .
Die Folgen eines Irak-Krieges sind nicht kontrollierbar. Die reine Machtpolitik sollte der sozialen Verantwortung weichen.

Horst A. Hoffmann


Vielleicht wird manch einer von uns angesichts der weltpolitischen Eskalationen der letzten Monate an ein Gedicht aus seiner Schulzeit erinnert worden sein. Ich meine den „Zauberlehrling“ von Altmeister Goethe. Da löste ein unfolgsamer Lehrling der Zauberei, sich selbst überschätzend, einen Wasserschwall aus, der außer Kontrolle geriet. „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ Aber der große Zaubermeister kam noch rechtzeitig und konnte größeres Unheil verhindern. „In die Ecke Besen! Besen! sei’s gewesen!“ Und damit war der Spuk zu Ende.
Aber so wenig Ähnlichkeit ein simpler Besen mit einem Tarnkappenbomber hat, so wenig gleicht ein Wasserschwall dem Vernichtungspotenzial von heute. Ein gütlicher Ausgang ist nur in Märchen sicher. Heute werden wir solche Werke selber vollbringen müssen.
Wir müssen uns leider darauf einrichten, in der Welt zu leben, die uns real umgibt. Aber diese Welt, von der wir hofften, dass sie uns bewahrt bleiben möge, ist schon seit geraumer Zeit dabei, sich zu verändern.
Das Problem des Terrorismus, mit einigem Abstand und mehr Übersicht betrachtet, macht Folgendes deutlich: Die weltpolitischen Lösungsversuche der westlichen Industrienationen waren in den letzten Jahrzehnten in sträflicher Weise nur auf machtpolitische, strategisch-militärische Aktionen beschränkt. Der Faktor Mensch, die innere Dynamik der Konflikte, die immer von den Menschen ausgehen, die in den ihnen gegebenen Umständen leben müssen, wurde von den Mächtigen immer unterschätzt. Das Potenzial dieser Menschen, die unter den vielfältigen Folgen der Umverteilung von Ressourcen zu unserem Vorteil zu leiden hatten, zählt Milliarden, und diese Menschen werden den Ausgang des Konfliktes à la longue entscheiden. Die allein machtpolitisch motivierte Strategie der einzig verbliebenen Weltmacht in ihrer beklemmenden Selbstherrlichkeit und Blindheit wird mit der Zuverlässigkeit eines Axioms auf uns zurückschlagen.
Der Begriff vom „Kampf der Kulturen“ ist bereits ein Teil der psychologischen Kriegsführung. Er dient der Vorbereitung eines Konfliktes und suggeriert ein immanentes Konfliktpotenzial zwischen den Hemisphären, das instrumentalisiert werden soll, wobei aber wohlweislich Ursache und Wirkung vertauscht werden. Die Inszenierung dieses Konfliktpotenzials ist allerdings die Voraussetzung für die Durchsetzung einer global umfassenden Strategie, bei der es um die Festigung und Ausweitung einer Vormachtstellung und die Sicherstellung von Ressourcen geht. Aber aus der Sicht der Völker ist dieser Konflikt keineswegs unvermeidlich.
Die Wirklichkeit sieht anders aus und scheint auf eine nahe liegende Weise einfacher und menschlicher. Jeder, der mit unverstelltem Blick die Regionen der geplanten Konflikte bereist, erlebt es: Die Menschen dort sind verzweifelt, weil sie, nach Geburt und Geographie benachteiligt, nicht den unverdienten Vorzug einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft genießen, in der Menschenrechte, Meinungsfreiheit, ein geordnetes Gemeinwesen gewährleistet sind. Sie haben keine Alternative zu diesem ihrem Leben unter einem despotischen Regime. Und zuvorderst: Sie sind verzweifelt, weil bedrückende materielle Not und konkrete Lebensangst schon sehr lange zu ihrem Alltag gehören, weil dieser Zustand bei uns niemanden zu kümmern scheint, bei uns, den Völkern des Westens.
Resultat von Ungleichheit
. . . auch unter Beteiligung vieler Ärzte . . .
. . . auch unter Beteiligung vieler Ärzte . . .
Wir aber sollten bedenken, dass Kriege letztendlich immer von den Menschen gewonnen oder verloren werden, nicht von einem industriellen Vernichtungspotenzial und sei es noch so erdrückend. Die gegenwärtige Kluft zwischen den Kulturen, die auseinander driftenden Identitäten der Völker und das zunehmend militante Potenzial des Islam, wir haben es selber verursacht. Es ist Resultat der von uns verursachten Ungleichheiten, nicht deren Ursache!
Nun sagen die Apologeten der allein auf Machtpolitik basierenden Strategie, dass es eben gerade diese Machtpolitik, die Präsenz militärischer Stärke war, die in der Vergangenheit einen heißen Krieg der Blöcke vermieden und die Überwindung des Ost-West-Konfliktes, die Demokratisierung der Ostblockstaaten et cetera ermöglicht hätten. Sie haben auch Recht damit, denn leider gilt in den Schaltzentralen der Macht weltweit noch der traditionelle Umgang mit der Macht. Und derjenige, der im Besitz der Macht ist, sieht keinen Grund, aus übergeordnetem Interesse – das immer auch sein eigenes Interesse sein wird (!) – seine Macht anders als zur Ausdehnung und Festigung seiner gegenwärtigen Position einzusetzen. Er etabliert sogar seine eigenen Vorstellungen von Wahrheit, Schuld und Recht. Vor allem aber war das Bedrohungspotenzial der ehemaligen Sowjetunion und des Warschauer Paktes konkret und realistisch. Die Situation heute ist eine ganz andere. Es geht heute um einen Präventivkrieg mit konstruierten Begründungen im Rahmen einer globalen Strategie.
Und so ist obige Rechtfertigung nur die halbe Wahrheit. Denn haben nicht gerade unsere westlichen Industrienationen, unter Verrat ihrer ureigensten Prinzipien, immer wieder Bündnisse mit korrupten Regimen geschlossen, wenn es nur in ihr eigenes Kalkül passte, bis die Ereignisse – aus eben diesem Grunde außer Kontrolle geraten – sie selber in anderen Dimensionen wieder einholten. Das Wort von dem Fluch der bösen Tat ist hier angebracht.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Weltpolitik dieser Art endlich Vergangenheit sein sollte. Es ist traurig und eine verhängnisvolle Fehlleistung, dass nach all den Erkenntnissen von Analytikern und Vordenkern, von Philosophen und Naturwissenschaftlern verschiedener Disziplinen, die diese Zusammenhänge als eine geradezu gesetzmäßige Gegebenheit erkannt haben, dass nach diesem Erkenntnisstand eine solch kurz angelegte Weltpolitik überhaupt noch möglich ist.
Zurzeit erleben wir eine explosive Kumulation solcher Gegebenheiten, deren Ausgang sehr wahrscheinlich anders ausfallen wird, als es sich die Manager in ihren weitgehend von der Volksmeinung abgekoppelten Denkprozessen vorstellen können. Sie kalkulieren einen kurzen erfolgreichen Waffengang und mögen damit auch Recht haben. Man liest: „Ein kurzer Krieg ist gut für das Geschäft.“ Aber: Sind 500 000 tote Kinder im Irak als Folge eines unmenschlichen Embargos nicht genug? Was hat ein Embargo zur Verhinderung von Massenvernichtungswaffen mit dem Vorenthalten von Impfstoffen, Antibiotika, Babynahrung und den Ersatzteilen für Frühgeborenen-Inkubatoren zu tun? Krankenhäuser und Schulen im Irak, soweit sie nicht längst geschlossen wurden, sind zu Aufenthaltsstätten für unterernährte Kinder degradiert.
. . . mit einer halben Million Teilnehmern Fotos: Daniel Rühmkorf
. . . mit einer halben Million Teilnehmern Fotos: Daniel Rühmkorf
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„Wir sind das Volk“, riefen vor einem Jahrzehnt die Menschen in Halle und Leipzig auf den Straßen und schafften etwas, das niemand für möglich gehalten hätte. Wir brauchen heute wieder diesen reinigenden Zorn.
Spätestens an dieser Stelle wird vielleicht die Frage laut, ob das Thema von Krieg und Frieden unter den konkreten Bedingungen in unserer Zeit nicht eine politische Frage ist und ob die Behandlung solcher Fragen in einer Ärztezeitschrift zulässig ist. Wir brauchen aber auf der Suche nach Vorbildern und Beispielen nicht erst große Namen wie Albert Schweitzer und Rudolf Virchow zu bemühen. Es gibt auch heute viele Ärzte, die das Anliegen ihres Berufes als das eines Kulturberufes so verstehen, dass für sie streng fachlich definiertes Wirken mit politisch-gesellschaftlichem Engagement ohne Brüche zusammengehören. Organisationen wie die IPPWN1, „Ärzte ohne Grenzen“ oder die Kolleginnen und Kollegen, die sich im „Komitee Cap Anamur“ engagieren, sind beredte Beispiele aus unserer Zeit. Unser Ärzteblatt ist auch ihr Berufsorgan und sollte auch ihre Gedankenwelt abbilden dürfen. Und um mit dem oben genannten Rudolf Virchow zu sprechen: „Die Ärzte sind die natürlichen Anwälte der Armen, und die soziale Frage fällt zu einem erheblichen Teil in ihre Jurisdiktion.“ An anderer Stelle sagt er: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“2 Dem ist nichts hinzuzufügen.
Was würde Virchow wohl heute sagen? Undenkbar, dass er schweigen würde, weil seine Stimme über die strengen Grenzen des Medizinischen hinausgeht. Jeder von uns, der sich diese Frage der Zulässigkeit stellt, muss für sich alleine entscheiden, was er damit meint, wenn er von sich sagt: Ich bin ein Arzt. Das Spektrum ist hier weit und sollte auch weit bleiben.
Das Ausmaß der menschlichen Tragödie, des unermesslichen Leides, der „Kollateralschäden“, die von demokratisch legitimierten Kulturnationen in diese ohnehin durch uns benachteiligten Regionen hineingetragen werden sollen, kann noch gar nicht ermessen werden. Für die Planungsstäbe sind das allerdings nur Nebenprodukte, die bestenfalls bei der Kalkulation der Kosten und der Aufgabenverteilung bei den danach notwendigen Aufbauleistungen eine Rolle spielen. Wie würde eine solche Planung aussehen, bekäme ein Menschenleben dort dasselbe Gewicht wie das Leid von Terroropfern in unseren Regionen, in der so genannten Ersten Welt?
Schub an neuem Terrorismus
Wir befinden uns in einem Wettlauf um die Köpfe und die Herzen. Es genügt nicht, kopfschüttelnd die Ereignisse an den Bildschirmen zu verfolgen, die uns im Ernstfall einen sauberen Krieg – pardon, einen „Eingriff“3 – mit sorgsam selektierten Bildern nach Art einer Sportreportage in unsere Wohnstuben flimmern lassen. Wir werden später von unseren Kindern gefragt werden, warum wir das haben geschehen lassen.
Es ist keine Frage, dass eine waffentechnische Übermacht in der Lage sein wird, militärisch einen schnellen Sieg zu erringen. Die geplanten Neuordnungen, an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen dort und an ihrer Identität vorbeigeplant, werden einen nicht enden wollenden Schub zu neuem Terrorismus bringen, gegen den unsere hoch organisierten und gerade deshalb so verletzlichen Staaten mit ihren störanfälligen Vernetzungen nicht gerüstet sind. Und wenn wir anfangen, uns durch Rasterfahndung und Lauschangriffe im Inneren, durch Bastionen nach außen an unseren Grenzen darauf einzustellen, werden wir aufhören, das zu sein, was wir sind. Wir verlieren endgültig die Leuchtkraft der persönlichen Freiheit, der Freizügigkeit, des Pluralismus der Meinungen, all die lang erkämpften Formen des Zusammenlebens, die zu unserem Wertesystem gehören und die für all die Benachteiligten und Unterdrückten auf dieser Welt einmal angestrebte Zukunftsvision waren. Haben die Strategen des gegenwärtigen Szenarios begriffen, welche Kräfte sie da entfesseln?
Die modernen Zauberlehrlinge spielen mit Vernichtungskräften ganz anderer Art, und alle Menschen dieser Erde, ob direkt oder mittelbar, werden davon betroffen sein. Die Gewissheit eines guten Ausgangs gibt es nur in unseren Märchen. Die dringliche Einsicht, angesichts dieser Herausforderung, aktiv zu werden, das Äußerste zu tun, um die Entwicklung noch zu stoppen, muss jetzt alle Köpfe erreichen. Zauberlehrlinge können wir uns nicht leisten.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 614–616 [Heft 10]

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Horst A. Hoffmann
Kinderarzt, Psychotherapie
Aalborgring 38, 24109 Kiel

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