ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Spendenaufruf: Vergleich war deplatziert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Auch ich hatte vor wenigen Monaten Gelegenheit, einen ehemaligen holländischen Zwangsarbeiter kennen zu lernen, der in einer Rüstungsfabrik meines Heimatortes arbeiten musste.
Auch wenn Herr Kollege Pillhatsch es als offensichtlich durchaus harmlos und positiv darstellt (Knete hat gestimmt!), sehen es die meisten Betroffenen nicht so. Sie mussten im Land des Aggressors, der ihre Heimat besetzt hielt, zwangsweise wie im oben geschilderten Fall dafür sorgen, dass der Waffennachschub funktionierte. Allein das ist schon eine Infamie!
Der holländische alte Herr berichtete, dass er sich im Gegensatz zu russischen und polnischen Zwangsarbeitern anfangs nach der Arbeit noch frei im Ort bewegen durfte. Trotz seiner bezahlten Tätigkeit habe er stark unter Hunger gelitten und sei schon nach wenigen Monaten erheblich untergewichtig gewesen. Er selbst sei bis auf Ausnahmen auch korrekt behandelt worden, anders als die als „Untermenschen“ (nazideutsch) bezeichneten Zwangsarbeiter aus den östlichen Ländern. Sie lebten in Massenunterkünften (Baracken) unter erbärmlichen Bedingungen und durften keine privaten Kontakte zu Deutschen haben. Sie bekamen auch keinen Urlaub. Er habe russische und ukrainische Arbeitskolleginnen gehabt, die Lehrerinnen, Krankenschwestern und Dolmetscherinnen waren und in Deutschland unter miesen Bedingungen Maschinenarbeiten verrichten oder Fabrikhallen schrubben mussten, und alles für ein Volk, welches in der Zwischenzeit ihr Heimatland zerstörte und Familienangehörige umbrachte. Übrigens zog es der oben zitierte Herr vor, anlässlich eines Urlaubs in Holland in den Untergrund zu gehen. Er wurde von seiner späteren Frau unter lebensgefährlichen Umständen versteckt gehalten. Hätte er das riskiert, wenn seine Zwangsarbeit so erquicklich gewesen wäre, wie es Dr. Pillhatsch darstellt? Wenn Dr. Pillhatsch von „so genannten Opfern“ schreibt, betrachte ich das als Verhöhnung vieler Tausender Zwangsarbeiter, von denen ja auch eine beträchtliche Anzahl in Deutschland umgekommen ist.
Die Sache mit der kollektiven Verantwortung ist ein anderes Thema. Aber vergessen sollten es gerade wir Deutsche niemals! Es war und ist ein großes Unrecht. „Verbrechen“ wäre in meinen Augen der korrektere Ausdruck. Übrigens: Der Vergleich mit den deutschen Zwangsarbeitern war wohl völlig deplatziert, denn sie war eine Folge der deutschen Aggression, die ja bekanntermaßen an Grausamkeit alles bis dahin in Kriegen Erlebte in den Schatten stellte. Deshalb billige ich keinesfalls die Behandlung deutscher Zwangsarbeiter im Ausland, aber sie ist für mich begreiflich.
Elisabeth Holland-Cunz,
Am Denkmal 6, 98544 Zella-Mehlis
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige