ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003zur Bankenkrise: Sprung in der Schüssel

VARIA: Schlusspunkt

zur Bankenkrise: Sprung in der Schüssel

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): [44]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS So, so, da hat sich der Gerhard Schröder in der Vorkarnevalszeit im Kanzleramt mit deutschen Spitzenbankern getroffen. Die einen sagen, es sei halt ein schlichter Informationsaustausch gewesen, die anderen flüstern, es wären dort gar Horror-Szenarien erörtert worden.
Ein eilig zusammengerufenes Geheimtreffen sei das gewesen, und die Herren hätten an diesem besagten Sonntag, es soll der 16. Februar gewesen sein, sogar einen Notfallplan für havarierte oder ins Schlingern geratene Banken eruiert.
Den Vogel, wenn es denn stimmt, schoss der Chef der Deutschen Bank ab. Josef Ackermann habe bei dieser trauten Runde angeregt, eine „Bad Bank“ zu gründen, die unter staatlicher Federführung in Not geratenen Banken faule Kredite abkauft. Für sein Institut schlösse er aber eigentlich solche Verkäufe aus.
Entweder weiß der Mann mehr als der Rest der Branche, oder er zündelt aus Brandlust – sein Institut sei ja, weil nicht betroffen, fein raus, was ich mir eigentlich nicht denken kann. So verrückt kann einer ja gar nicht sein, andere Banken ins Zwielicht pressen zu wollen. Oder Josef Ackermann hat, wie ich mir vorstellen könnte, einen akuten Anfall von Umnebelung des gesunden Menschenverstandes erlitten. Der Primus des deutschen Geldgewerbes darf solch horrible Sachen allenfalls denken, aussprechen jedoch keineswegs. Wie gesagt, kein Außenstehender weiß, was dort wirklich gesprochen wurde und welcher Teufel den geritten hat, der diese Gerüchte in die Presse brachte.
Der Vorschlag des Deutschbankers, so er ihn wirklich ausgesprochen hat, wäre in der Tat sensationell. Wenn der Staat betroffenen Banken wirklich für faule Kredite zur Seite springen soll, kann er sich direkt selbst mit ins Grab legen.
Die üble Gemengelage gab der Börse, wer will es ihr verdenken, den Rest. Zu den Irak-Ängsten brachte diese „BadBank“-Story das Fass zum Überlaufen. Der DAX rauschte bei hohen Umsätzen auf fast 2 400 Punkte, dem niedrigsten Stand seit 1996. Entsetzen allerorten.
Nun wäre es ein Leichtes, die Sache aus der Welt zu schaffen, so oder so. Entweder der Kanzler stellt sich hin und spricht einige klärende Worte. Bis jetzt Fehlanzeige. Prima Krisenmanagement. Oder der böse Bube Ackermann steigt in die Bütt und bringt Ordnung in das von ihm möglicherweise ohne Not angezettelte Angstszenario. Doch der taucht einfach ab, tourt durch Asien und ist für niemanden zu sprechen. Klarer Fall von Vogel Strauß.
Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, haben wir es mit einer Riesenblase an hysterischer Aufgeregtheit zu tun. Keine Frage, die deutschen Banken befinden sich in einer schweren Ertragskrise. Aber von einer Liquiditätsnot zu sprechen oder einen Systemzusammenbruch zu befürchten, dazu gibt es meines Erachtens wirklich keinen Anlass. Oder ich habe den Sprung in der Schüssel.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema