ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2003Von Burgern und Schokoriegeln

VARIA: Post scriptum

Von Burgern und Schokoriegeln

Dtsch Arztebl 2003; 100(10): [44]

Ellermann, Bernd

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Die 20-jährige New Yorkerin Jazlyn Bradley bringt bei einer Körpergröße von nur 1,67 Metern 122 Kilo auf die Waage. Das reichte jetzt ihrem Vater: Er verklagte McDonald’s wegen des Übergewichts seiner Tochter. In der Annahme, McDonald’s sei gesund für seine Kinder, habe er sie mit Burgern, Chicken-Nuggets und Milkshakes großgezogen und müsse nun schockiert – weil nicht gewarnt – das Ergebnis sehen.
Vergleichbare Fälle gibt es in den USA genug. Bekanntlich muss der Tabakkonzern Philipp Morris an Angehörige verstorbener Kettenraucher hohe Entschädigungssummen zahlen. Dass übermäßiges Rauchen Lungenkrebs verursachen kann, wussten die Verstorbenen nicht – so die Argumentation der Hinterbliebenen.
Im US-Staat Illinois trank ein junger Mann zwischen seinem 17. und 21. Lebensjahr so viel Whiskey, dass er den Schulabschluss verpasste, den Führerschein und alle Jobs verlor. Dann machte er eine Entziehungskur und verklagte den Hersteller seines Whiskeys auf Schadenersatz, weil dieser auf der Flasche nicht darauf hingewiesen hatte, wie gefährlich Alkohol sei.
Nun liegt es nahe, dies alles als „typisch amerikanisch“ abzutun. Weit gefehlt! Das Oberlandesgericht Düsseldorf musste jetzt die Klage eines zuckerkranken Richters (!) gegen den Süßwaren-Hersteller Masterfoods verhandeln. Der Jurist führt seinen Diabetes auf den Verzehr von Schokoriegeln zurück und monierte den fehlenden Warnhinweis. Die Klage wurde abgeschmettert! Aber dennoch: Wenn schon Richter klagen – dann können das Normalbürger erst recht. Weinhändler, Wurstfabrikanten, Schnapsbrenner und Schokoladenproduzenten müssen aufpassen. Wer weiß, vielleicht werden auch deutsche Gerichte, dem Verbraucherschutz ohnehin immer mehr zugetan, bald derartige Haftpflichtansprüche anerkennen.
Die Tendenz wird klar: Es ist immer ein anderer schuld! Und der soll zahlen. Wenn Skifahrer, Freeclimber und Drachenflieger verunglücken; Übergewichtige, Trinker und Raucher erkranken – irgendeiner müsste sich doch finden lassen, der dafür geradesteht. Geradestehen wollen zum Beispiel die Krankenkassen nicht mehr – ihre geplanten Bonus-Tarife sollen ja gesundheitsbewusstes Verhalten honorieren. Konsequenz: Wer sündigt, kriegt weniger oder zahlt mehr . . . Bernd Ellermann
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