ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Hörbehinderte: „Pseudoversorgungsangebot“

POLITIK

Hörbehinderte: „Pseudoversorgungsangebot“

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 108

Leven, Regina

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LNSLNS Gehörlose und Hörgeschädigte haben das Recht auf psychotherapeutische Versorgung. Doch es fehlen Therapeuten, die der Gebärdensprache mächtig sind.

Hörbehinderte haben das Recht, bei der Ausführung von Sozialleistungen, insbesondere auch bei ärztlichen Untersuchungen und Behandlungen, Gebärdensprache zu verwenden – so lautet § 17 Absatz 2 SGB I. Daraus ergibt sich der Anspruch auf Gebärdensprache auch für die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung. Die Krankenkassen sind verpflichtet, die durch die Verwendung der Gebärdensprache und anderer Kommunikationshilfen entstehenden Kosten zu tragen, auch die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher.
Die gesetzlichen Grundlagen sind vorhanden, doch die Realität sieht anders aus: Ambulante psychotherapeutische Behandlung ist für Hörgeschädigte, besonders für Gehörlose, kaum zugänglich. In Deutschland gibt es nur eine Hand voll approbierter Psychotherapeuten, die die verschiedenen Kommunikationsformen Hörgeschädigter, insbesondere die Deutsche Gebärdensprache, aktiv und passiv beherrschen.
Lange Zeit waren die Wissenschaftler davon überzeugt, dass Defizite, die durch den Hörverlust und durch die besondere Sozialisation bedingt sind, bei Hörbehinderten zu einem charakteristischen Persönlichkeitsprofil führen. Aus heutiger Sicht werden hörgeschädigte Patienten – nicht zuletzt wegen der Vielzahl von Fehldiagnosen psychischer Störungen und unangemessener Hospitalisierungen – als „psychiatrieverletzte“ Klientel bezeichnet. Die neuere Literatur zeigt sich differenzierter: Die Tendenz hörender Fachleute, gehörlose Menschen auf der Grundlage der eigenen Normen zu beurteilen und damit zu stigmatisieren und zu pathologisieren, ändert sich zugunsten einer zunehmenden Anerkennung der Kultur hörbehinderter Menschen. Erst in profunder Kenntnis der Gehörlosenkultur kann eine zuverlässigere Diagnose psychischer Störungen gelingen und eine „gehörlosenfreundliche“ Behandlung durchgeführt werden.
Ohne Beherrschung der Gebärdensprache und interkultureller Kompetenz des Therapeuten erhöht sich die Zahl der Fehldiagnosen und -behandlungen, sodass von einem „Pseudoversorgungsangebot“ gesprochen werden muss. Der auffällig hohe Anteil an chronifizierten Störungen mit Beginn in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter spiegelt den Mangel an adäquaten ambulanten psychotherapeutischen Angeboten für Schwerhörige und besonders für Gehörlose wider.
Hörbehinderte Psychologie-studierende qualifizieren
Es ist zu gewährleisten, dass Hörbehinderte in der Behandlung psychischer Störungen nicht benachteiligt werden oder sogar erneute Traumata durch Kommunikationsstörungen in der Therapie erleiden. Wichtig wäre, selbst hörgeschädigte Menschen zu qualifizieren. Gehörlose und schwerhörige Psychologiestudierende oder im psychosozialen Bereich tätige Hörgeschädigte könnten zum Beispiel mit Stipendien in die Lage versetzt werden, eine anerkannte Zusatzausbildung zu absolvieren. In die Hochschulstudiengänge „Gebärdensprachdolmetschen“ sollte das Dolmetschen im medizinischen Setting als Pflichtfach aufgenommen werden.

Literatur
Leven R: Gehörlose und schwerhörige Menschen mit psychischen Störungen. Hamburg: Verlag hörgeschädigte Kinder 2003

Prof. Dr. phil. Regina Leven
Psychologische Psychotherapeutin
E-Mail: regina.leven@sgw.hs-magdeburg.de
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