ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Der Wunsch als Vater des Gedankens

POLITIK

Der Wunsch als Vater des Gedankens

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 113

Kloiber, Otmar

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Foto: Ferdinand Fraß
Foto: Ferdinand Fraß
Die Schweizer erfreute ihr neues Kran­ken­ver­siche­rungsgesetz, weil zum ersten Mal alle Bürger eine Kran­ken­ver­siche­rung erhielten. Ein großer sozialer Fortschritt. Die ebenfalls eingeleiteten Man-aged Care-, HMO- und Hausarztmodelle sind aber nach wenigen Jahren nur dort noch interessant oder gar lebensfähig, wo sie von Ärzten geleitet werden. Gerade die Hausarzttarife können schon nach wenigen Jahren nur noch als „Marketing-Gag“ bezeichnet werden. Sozialpolitisch betrachtet sind sie wegen der beobachteten Risikoselektion als entsolidarisierend zu bewerten. Diese entsolidarisierende Wirkung entfalten auch HMOs, Franchisen und der Kopfbeitrag. Letzterer befreit das Gesundheitswesen zwar von der Standort-, aber nicht von der Kostendebatte. Denn erstaunlicherweise müssen auch die Schweizer für ihre gesundheitliche Versorgung zahlen – und das reichlich.
Die Einführung einer Kopfpauschale macht nichts billiger oder besser. Im Gegenteil: In der Schweiz sind die meisten Familien – selbst die mit einem passablen Einkommen – Bittsteller bei der Regierung, damit sie die Prämien für die Krankenkassen bezahlen können. Einer Regierung, die dies in Deutschland einführt, kann man bei der nächsten Wahl nur viel Glück wünschen.
Bleibt die Frage, warum uns die Schweiz, die USA und die Niederlande so oft als Exempel vorgehalten werden. Ist es die Unkenntnis der Experten? Oder sind diese ideologisch so verbogen, dass einfach nicht sein kann, was nicht sein darf? Oder glauben sie wirklich daran, dass durch Wettbewerb Sozialschutz geleistet werden kann?
Dass von den Expertokraten neben den Kopfprämien die Franchisen und Managed Care als positive Elemente der Schweizer Reform in den Vordergrund geschoben werden, macht klar, worum es geht: Das Machtgleichgewicht der Partner – Krankenkassen und Leistungsträger – soll zugunsten einer Dominanz der Kassen geändert werden. Aber auch was dann passiert, können sich geneigte Politiker in der Schweiz anschauen. Budgethalter (HMOs, Hausarztmodelle oder Krankenkasse) werden manchmal knauserig, wenn es um Diagnose- oder Therapieoptionen geht. Der Dumme ist der Patient, besonders, wenn er richtig krank ist. Aber um den geht's ja nicht mehr, denn wir haben ja keine Krankenkassen, sondern nur noch „Gesundheitskassen“.
Dr. Otmar Kloiber
stellv. Hauptgeschäftsführer
Bundes­ärzte­kammer
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