ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Drogenproblematik bei Kindern: Der „Schwarze Peter“ gebührt den Erwachsenen

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Drogenproblematik bei Kindern: Der „Schwarze Peter“ gebührt den Erwachsenen

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 120

Habschick, Klaus

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An Schulen wird gedealt. Lehrer erfahren nur etwa 10 Prozent des kriminellen Gesamtgeschehens. Foto: Mauritius
An Schulen wird gedealt. Lehrer erfahren nur etwa 10 Prozent des kriminellen Gesamtgeschehens. Foto: Mauritius
Der Drogenmissbrauch wird nach Ansicht des Autors aktiv gefördert.

Alles gar nicht so schlimm“ – die aktuellen politischen Verlautbarungen zur Drogenproblematik führen speziell bei Minderjährigen zur eklatanten Fehlinterpretation. Die Drogenmissbrauchsdiskussion müsste hingegen viel stärker auf Prävention gerichtet sein. Noch erhalten Minderjährige von vielen Erwachsenen ideologisch beabsichtigt oder mangels besseren Wissens unbewusst missbrauchsfördernde Signale. Dies sind inhaltliche wie sprachliche Verharmlosungen ebenso wie das Ansinnen, angeblich „weiche Drogen“ freizugeben. Aus pharmakologischer Sicht gibt es keine einzige „weiche Droge“. Es scheint widersprüchlich, dass verantwortliche Erwachsene einerseits den Drogenmissbrauch fördern, andererseits jährlich die Zunahme vor allem junger Missbraucher beklagen. Dieses Verhalten ist häufig verbunden mit der ignoranten Weigerung, Drogensituationen Minderjähriger zur Kenntnis zu nehmen, selbst bei den eigenen Kindern. Dabei geht es oft um tatsächlichen Drogenmissbrauch. Merkmale des Missbrauchs sind Minderjährigkeit des Drogengebrauchers, drogenbedingte Dosierungsprobleme und Regellosigkeit des Drogengebrauchs. Wegen der Eigendynamik einer jeden Droge ist eigentlich auch der „Drogengenuss“ infrage zu stellen.
„Drogen als Kavaliersdelikt“ – so titelte eine rheinische Tageszeitung einen Bericht zur Drogensituation an Schulen. Unter dem Bild eines Haschisch rauchenden Jugendlichen stand: „Alkohol, Ecstasy, Kiffen – der Konsum von Rauschmitteln gehört in vielen Schulen zum Alltag.“ Praktiker der Polizei und des Jugendamtes ergänzen bei diesem Thema: „Man hat den Eindruck, dass heute alle Jugendlichen kiffen (Haschisch rauchen). Manche kommen schon morgens bekifft zur Schule, andere erscheinen erst gar nicht mehr.“ Die Dealer seien auch an den Schulen. Eine Kollegin berichtete über drei Neuntklässler, die regelmäßig Drogen an Schüler der Klassen sechs und sieben verkaufen und dadurch über ein Monatseinkommen von 500 Euro verfügten. Untersuchungen zufolge erfahren Lehrer aber nur etwa zehn Prozent des kriminellen Gesamtgeschehens an den Schulen, die Polizei etwa fünf Prozent. Im außerpolizeilichen Bereich wird viel konsequent vertuscht. Eltern und Schule reagieren auf das inzwischen sehr weit verbreitete Drogenproblem unterschiedlich: Viele ignorieren und verleugnen es, manche versuchen, es offensiv anzugehen. Dabei hat das Eintreten gegen den Drogenmissbrauch mitunter pervers anmutende Folgen. Wagt eine Schulleitung, vernünftigerweise, aber vielleicht etwas zu forsch gegen jugendliche Drogenmissbraucher und Drogenhändler in der Schule vorzugehen, bekommt sie Ärger mit den Eltern und den Rechtsanwälten der Minderjährigen. Für die Kinder ein sehr zweifelhafter Lernerfolg.
Die Politiker unternehmen nach dem politischen Standardschema „verleugnen“, „minimieren“, „relativieren“, „psychologisieren“, „pädagogisieren“ und „sich von der Verantwortung lossagen“ alles, um Probleme für die Öffentlichkeit möglichst harmlos und sich selbst bemüht aussehen zu lassen. Die „Sucht- und Drogenberichte 2000 und 2001“ der Bundesregierung sind exzellente Beispiele dafür. Abgesehen davon, dass die Jahresberichte immer „softer“ werden, unterscheidet sich der Bericht aus dem Jahr 2000 von früheren vor allem durch die Wahl des Schwerpunkts „Drogenmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen“. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, sagt als Fazit in ihrem Bericht: „Jugendliche halten sich nicht für suchtgefährdet und sind durch die Angebote der Drogenhilfe kaum erreichbar. Etwa 90 Prozent der jungen Drogenmissbraucher geben mit der Verantwortungsübernahme als Erwachsene ihr Drogenverhalten auf. Bei rund zehn Prozent der Betroffenen (mehrere Hunderttausend!) kommt es zu exzessivem Gebrauch mit den Drogen Tabak, Alkohol und Cannabis.“ Die Vorgängerin der jetzigen Drogenbeauftragten, Christa Nickels (Bündnis 90/Die Grünen), hatte bereits im März 1999 resümiert, dass sich der Prozentsatz der drogenerfahrenen jungen Leute im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren von 17 Prozent Ende der 80er-Jahre auf 22 Prozent erhöht hat. Mindestens 35 Prozent der Jugendlichen, mit denen die Polizei zu tun hat, haben Drogenprobleme.
Caspers-Merk begründet im „Drogenbericht 2000“ den sich ausbreitenden Drogenmissbrauch unter Minderjährigen ausschließlich mit den Argumenten „Drogenmissbrauch aufgrund von Problemen beim Erwachsenwerden“ und mit „Jugendlicher Drogenmissbrauch als Folge der neuen Spaßgesellschaft“. Damit schiebt sie den „Schwarzen Peter“ unzulässigerweise den Minderjährigen zu und lenkt nahezu perfekt von der fördernden Rolle der Erwachsenen und von deren vorbildhaftem Missbrauchsverhalten ab.
Ursache „Spaßgesellschaft“ ist fragwürdig
Dabei drängt sich zunächst die Frage auf, wie man angesichts der aktuellen Lebensumstände Minderjähriger überhaupt ernsthaft „Spaßgesellschaft“ als Ursache für den sich ausweitenden Drogenmissbrauch ins Spiel bringen kann. Familienfeindliche Sozialpolitik, massenhaft zerbrochene Elternhäuser, Kindsein als zunehmendes eigenes und familiäres Armutsrisiko, jugendliche Orientierungsprobleme aufgrund veränderter Werte und zerstörter Traditionen, zunehmende kindliche Desintegration und Verinselung, nachlassende Bildung sowie mangelnde Ausbildungs- und Berufsperspektiven sind für Kinder und Jugendliche keine Attribute einer „Spaßgesellschaft“. Nicht einmal die im Drogenbericht genannten drei bis vier Prozent Ecstasy-Missbraucher, die ein Wochenende „Spaßstress“ unter Drogen als Flucht aus dem Alltagsdruck benutzen, leben in der „Spaßgesellschaft“. Keinem gefährdeten Minderjährigen und seinen Bezugspersonen ist durch die bloße Beschreibung der gestiegenen Drogenmissbrauchssituation sowie unsinnigen Erklärungen geholfen. Die amtlichen Drogenberichte sind dringend ergänzungsbedürftig. So sollte grundlegend darauf hingewiesen werden, dass jugendlicher Drogenmissbrauch neben Kriminalität, Gewalt und Suiziden nur eine Form abweichenden beziehungsweise ausweichenden Verhaltens Minderjähriger mit seismographischer Bedeutung für den Zustand der Gesellschaft ist. Weiterhin gehört dazu, dass nur höchstens zehn Prozent des Drogenmissbrauchs und der damit zusammenhängenden Beschaffungs-, Begleit- und Folgekriminalität bekannt werden. Die klare Formulierung, dass Drogenmissbraucher pharmakologisch und toxikologisch mit Giften hantieren, würde den Drogenberichten zumindest den Touch eines präventiven Charakters verleihen. Die Sammelbezeichnung „Drogen“ verschleiert die Gefahren der Eigendynamik eines legalen und illegalen Suchtstoffs ebenso wie die tatsächlichen Auswirkungen des Missbrauchs. Gerade dies verdeutlicht die Paradoxie, den Missbrauch von Rauschgiften politisch zur „Normalität in der neuen Spaßgesellschaft“ hochzustilisieren. Auch wenn die Zahl der Drogenmissbraucher steigt, sie sind eine Minderheit.
Den Rahmen des ausufernden jugendlichen Drogenmissbrauchs bilden
- ein weit verbreiteter problematischer Drogenmissbrauch durch Erwachsene mit entsprechend häufig bei ihnen ausgeprägter Sucht;
- weit verbreitete Unwissenheit bei Erwachsenen hinsichtlich der psychischen und organischen Auswirkungen des Missbrauchs von Suchtstoffen;
- ausgeprägte Problem-Ignoranz bei Erwachsenen hinsichtlich der persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Belastungen durch Drogenmissbrauch;
- starke Ideologisierung der Drogendiskussion (besonders in der Politik und in Schulen) mit oftmals sehr verharmlosenden, unsachlichen Wertungen;
- ausgeprägtes Vertuschungsverhalten bei Institutionen (besonders in Schulen aus Angst vor Imageverlust), oft gepaart mit fehlendem institutionellen Konfliktmanagement der verantwortlichen Personen;
- fehlendes pädagogisches Wissen bei verunsicherten, frustrierten, selbstverwirklichungsorientierten und mit der Erziehung der Kinder überforderten Eltern und Lehrern;
- verbreitetes elterliches Desinteresse am Tun ihrer Kinder, auch hier verbunden mit fehlenden pädagogischen Konfliktlösungskonzepten, geringer oder fehlender Überzeugungskraft und ausgeprägter Delegationsmentalität;
- der gnadenlose Lobbyismus der Süchtigen, der Händler und der Finanzpolitiker. Alle haben ein gemeinsames Interesse an florierenden, perfekt organisierten Drogenmärkten;
- weit verbreitete Angst vor konsequentem Verhalten und Hilflosigkeit in Problemlagen;
- eine Politik, die den Verdacht schürt, dass nicht das Normale, sondern das Anormale gefördert wird.
Dem gegenüber stehen: kindliche Unerfahrenheit, Nachahmungsverhalten, kindliche und jugendliche Sinn- und Orientierungssuche, jugendtypische Neugier gepaart mit hoher Risikobereitschaft und nicht zuletzt der allen Menschen innewohnende Wunsch nach Zuwendung, Geborgenheit, Liebe und Glück. Minderjährige werden durch Erwachsene wegen der Bequemlichkeit, der Selbstverwirklichung, der Doppelbelastung und des Profitstrebens zu einem Verhalten animiert, für das sie durch die Natur (Sucht, Persönlichkeitsschäden, Krankheit oder Fehlgeburten) oder durch die Erwachsenen mit Strafverfolgung, Entzug der Fahrerlaubnis, negativen sozialen Auswirkungen zur Rechenschaft gezogen werden.
Der „Schwarze Peter“ ist an die Erwachsenen zurückzugeben. Wenn sich die Gesellschaft aus der Sicht Minderjähriger überhaupt als „Spaßgesellschaft“ deklarieren ließe, sind es Angehörige der Generation der heutigen Erwachsenen gewesen, die durch System-, Schul-, Autoritäts- und Leistungsverweigerung die Grundsteine für eine solche Entwicklung gelegt haben. Angehörige der jetzigen Erwachsenengeneration waren es auch, die in den 60er- und 70er-Jahren die Cannabisprodukte Haschisch und Marihuana im Kampf gegen das Establishment instrumentalisierten, Tausende junger Menschen zum Missbrauch illegaler Drogen animierten und so motorisch auf die explosionsartige Zunahme des Drogenproblems wirkten. Die spätere Entpolitisierung des Drogenmissbrauchs konnte die von ihnen in Gang gesetzte Drogenwelle nicht mehr aufhalten. Erwachsene betreiben aggressive Werbung für die Einstiegsdrogen. Sie fördern den legalen Drogenmissbrauch, der teilweise sogar als „gesellschaftsfähiger Drogenkonsum“ bezeichnet wird. Produzenten, Händler, Finanzpolitiker verdienen legal Milliardenbeträge auf Kosten vieler – auch kindlicher und jugendlicher – Drogenkonsumenten. Einheimische Erwachsene bekämpfen den illegalen ausländischen Drogenhandel. Grund dafür dürfte sein, dass mehrstellige Milliardenbeträge nicht im Land bleiben, sondern in die Taschen internationaler Drogenkartelle und Banden fließen. Die Mafia, schätzen Experten, macht derzeit weltweit bis zu 500 Milliarden Dollar Umsatz mit Drogen. Die immensen Geldbeträge in Händen der vornehmlich ausländischen Drogen liefernden und perfekt organisierten Kriminellen stellen eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die innere Sicherheit demokratischer Länder dar. Teile der kriminellen Gewinne werden auch in Deutschland in Wirtschaft und Kultur investiert, wodurch Kriminelle Wirtschaft, Politik und Gesellschaft korrumpieren und so gesellschaftlichen Einfluss und Macht erlangen.
Wahlorientierte Politiker, verantwortliche Institutionen und die Gesellschaft verweigern aus fragwürdigem Freiheitsverständnis ein ideologiefreies, ganzheitliches Langzeitkonzept gegen abweichendes Verhalten wie Drogenmissbrauch. Ein solches Konzept müsste auf Erziehung und Bildung basieren, aber auch mit einem Paket von Konsequenzen versehen sein, das auch den Nachwuchs überzeugt. Der Verzicht auf konsequentes Reagieren konterkariert die Prävention und damit die Eingrenzung des Problems.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 245–247 [Heft 5]

Anschrift des Verfassers:
Klaus Habschick
Auf dem Kuhl 42, 58099 Hagen
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