ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Nachahmungshandlungen: Signifikanter Anstieg nach Terroranschlägen

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Nachahmungshandlungen: Signifikanter Anstieg nach Terroranschlägen

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 123

Häfner, Heinz; Krumm, Bertram

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Vermeintliche Milzbrandbriefe führten bei der Post zu erheblichen Verzögerungen. Foto: dpa
Vermeintliche Milzbrandbriefe führten bei der Post zu erheblichen Verzögerungen. Foto: dpa
Der Anschlag auf das World Trade Center und der Versand von Anthraxsporen in den USA führten in Deutschland zu einer Vielzahl von Attentatsdrohungen. Über den psychologischen Mechanismus der Imitation ist nur wenig bekannt.

Am 11. September 2001 steuerten Al-Qaida-Terroristen zwei voll besetzte Verkehrsflugzeuge in das World Trade Center (WTC). Beide Türme stürzten ein und begruben etwa 3 000 Menschen in den Trümmern. Das grauenhafte Geschehen war, von CNN übernommen, von den deutschen Fernsehanstalten höchst anschaulich vom Nachmittag des 11. September an über mehrere Tage gesendet worden. Die Berichte füllten alle Zeitungen. Bald danach tauchten die ersten besorgten Meldungen über „Trittbrettfahrer“ in den Medien auf. Bombendrohungen hielten Behörden, Polizei, Feuerwehr und Bahn noch wochenlang in Atem.
Die Berichterstattung über Milzbrandattentate lief langsamer an. Am
6. Oktober 2001 wurde der erste Erkrankungsfall in den USA recht unauffällig gemeldet, am 8. Oktober 2001 ein weiterer Fall und der erste Todesfall. In den Tagen darauf folgten weitere Berichte über Milzbrandbriefe und -erkrankungen. Am 15. Oktober 2001 und an den Folgetagen wurden in allen Medien Nachrichten aus den USA verbreitet, Postsendungen mit Milzbrandsporen seien an Senatoren und Bundesbehörden in Washington gesandt worden. Beunruhigende Meldungen über Milzbranderkrankungen von Postbediensteten, Drohbriefe und weitere Sendungen mit Anthraxsporen wiederholten sich in den folgenden Wochen. Erst im Laufe des Monats Dezember verschwanden sie aus dem Aufmerksamkeitsfokus der Medien und der Bevölkerung.
Nach den Berichten über Anthraxbriefe in den USA gab es in Deutschland eine Welle von verdächtigen Postsendungen; an Bahnhöfen oder in Zügen wurden Behältnisse abgelegt, die den Eindruck erweckten, Anthraxsporen zu enthalten. Sendungen mit pathogenen Erregern und Milzbranderkrankungen sind in Deutschland nicht beobachtet worden.
Das Phänomen der Nachahmung außergewöhnlicher Taten, eines Attentats oder Selbstmords, einer Straf- oder Heldentat ist wohl bekannt. Mit den psychologischen Mechanismen der Imitation außergewöhnlicher, in der Öffentlichkeit wahrgenommener Taten hat sich die Forschung überwiegend nur indirekt beschäftigen können. Die meist anonym handelnden Täter der Nachfolgeakte sind nur in Einzelfällen zu ermitteln und zu untersuchen. Das gilt auch für diese Fälle. Deshalb müssen Einsichten aus analogen Imitationseffekten und aus Laborversuchen dem Verständnis dieser Ereignisfolgen hypothetisch zugrunde gelegt werden.
Die Deutsche Bahn AG registriert alle als Betriebsstörung definierbaren Ereignisse auf ihrem Schienennetz und ihren Anlagen (zum Beispiel Bahnhöfen). Die Statistik unterscheidet Attentatsdrohungen, bei denen es sich fast nur um Bombendrohungen handelte, und Drohungen mit gesundheitsgefährdenden Stoffen (Milzbrandbakterien), bei denen meist Verpackungen mit weißem Pulver verdachtserregend präsentiert wurden. Die Orte, an denen sich diese Drohungen ereigneten, waren über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Eine Häufung von Bombendrohungen war in Großstadtbahnhöfen zu verzeichnen. Sie hatten meist Räumung und Durchsuchung der Gebäude sowie der Gleisanlagen und erhebliche Verkehrsbehinderungen zur Folge. Schwere Attentate mit Verlust von Menschenleben waren nicht zu verzeichnen.
Bei der Vortäuschung gesundheitsgefährdender Stoffe stieg die Fallzahl von einem Mittelwert um null in den vorausgehenden Monaten im Oktober signifikant auf 46 an, um bereits im November wieder auf 15 zu sinken. Einen steilen Anstieg verzeichnete man auch bei den Attentatsdrohungen: Von einem durchschnittlichen Basiswert von 19,9 stiegen sie unmittelbar nach dem Attentat im September auf 82, um bereits im Folgemonat wieder zu sinken. Zwei Monate später lagen sie wieder nahe beim Durchschnitt. Die Aufgliederung in Tageseinheiten lässt den steilen Anstieg der Vorfälle in beiden Kategorien unmittelbar nach den auslösenden Ereignissen erkennen – die Attentatsdrohungen stiegen nach dem Bekanntwerden der Milzbrandbriefe und der Todesfälle noch einmal, und zwar rascher als die direkten Nachahmungen an. Deutlich wird der klar rückläufige Trend im zweiten Monat (Grafik 1).
Während die Deutsche Bahn AG einen bei null liegenden Basiswert bei der Vortäuschung gesundheitsgefährdender Stoffe aufweist, verzeichnet die Deutsche Post AG einen niedrigen Basiswert an Bombendrohungen. Die Monatswerte lagen im Jahr 2001 sämtlich unter fünf. Mit jeweils einer Drohung am 17., 19. und 20. und zwei Drohungen am 18. findet sich das bescheidene Maximum im September unmittelbar nach dem Attentat auf das WTC, erreicht aber kein Signifikanzniveau.
Ein anderes Bild bietet sich bei den verdächtigen Sendungen. In Tageseinheiten dargestellt, bleiben sie bis zum 13. Oktober unter fünf, um dann am 15. Oktober extrem steil anzusteigen und ihr Maximum bereits am 18. und 19. Oktober mit Tageswerten von jeweils 73 zu erreichen. Von da an setzt – mit deutlichen Schwankungen – ein rückläufiger Trend ein. Er nähert sich etwas später als die Attentatsdrohungen bei der Deutschen Bahn dem Ausgangsniveau wieder an. Auch im dritten Folgemonat ist es mit einem Monatswert von 93 noch nicht wieder erreicht (Grafik 2).
Der höhere und länger anhaltende Anstieg der Nachahmungshandlungen nach den ersten Milzbrandbriefen und Todesfällen hat vermutlich zwei Ursachen. Das Ereignis selbst hat weniger elementaren Schrecken verbreitet und das Modell nicht nur für ernste, aus aggressiven Motiven gespeiste, sondern auch für ungefährliche Nachahmungshandlungen, für „dumme Jungenstreiche“, abgegeben, die mit bescheidenem Aufwand beachtliche Effekte erzielten. Die Hemmschwelle ist hier vermutlich geringer als bei der Drohung mit Bombenattentaten unter dem Eindruck der Selbstmordattentate auf das WTC. Der Grund für die verzögerte Rückkehr zum Ausgangsniveau dürfte in der breiteren Zeitdimension der Modellhandlungen, in den über mehrere Wochen verteilten Meldungen über neu entdeckte Anthraxsendungen sowie Erkrankungs- und Todesfälle liegen.
Hinweise auf individuelle Risiko- und Dispositionsfaktoren für das Imitationsverhalten waren nur in Einzelfällen zu gewinnen. Die Deutsche Bahn AG hat unter 73 dokumentierten Betriebsstörungen aller Art nur in einem Fall eine Täterin identifizieren können. Diese war wahrscheinlich psychisch krank und konnte ihr Handeln nicht verbergen. Weitere Hinweise auf psychisch Kranke waren aus den Daten nicht zu gewinnen. Alle übrigen Täter blieben anonym.
Auch wenn man die wenigen bisher abgeurteilten Fälle aus den USA heranzieht, bleibt der Eindruck, dass eine psychische Krankheit zwar das Risiko, ergriffen zu werden, erhöht, zur Erklärung des Handlungsmusters „Attentatsimitation“ aber wenig beiträgt. Verallgemeinerungsfähige psychologische Einsichten lassen sich aus den allenfalls auf erhöhtes Geltungsbedürfnis verweisenden Einzelfällen nicht gewinnen.
Nachahmung von Straftaten
Der Kriminologie ist der kurzfristige Anstieg von Straftaten nach Schlüsselereignissen seit langem bekannt (2, 7). In jüngerer Zeit wurden vor allem die Folgen entsprechender Berichte in den Massenmedien untersucht. So kamen Brosius und Esser (2) in einer Mehrebenenanalyse der Zeitungs- und Fernsehberichterstattung über fremdenfeindliche Straftaten in der Zeit vom August 1990 bis Juli 1991 im Vergleich mit Kriminalstatistiken und Bevölkerungsumfragen zu sehr differenzierten Resultaten. Während die Gesamtzahl einschlägiger Zeitungsberichte keine signifikanten Effekte hatte, führten die beiden „erfolgreichen“ Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte in Rostock und Hoyerswerda unter Beteiligung der dortigen Bevölkerung nach einer Woche zum massenhaften Anstieg modellgetreuer Nachahmungstaten. Wegen ihrer hohen Verbreitung und ihrer Bildhaftigkeit hatten Fernsehberichte die stärksten Effekte. Im Gegensatz dazu hatten die beiden tödlichen Brandanschläge gegen Gastarbeiterfamilien in Mölln und Solingen keine ansteckende Wirkung, obwohl weniger schwerwiegende Berichte über Personenangriffe, zumal wenn die Täter nicht gefasst werden konnten, häufiger modellähnliche Straftaten an anderen Orten auslösten.
Nach den initiierend motivierten fremdenfeindlichen Nachfolgetaten verblieb ein Basiseffekt: Die gleich gerichtete Tathäufigkeit hat längerfristig leicht zugenommen. Gegenreaktionen, wie Lichterketten und Demonstrationen, erreichten keinen Abschwung. Berichte über Strafverfahren und Gesetzesinitiativen zum Verbot radikaler Gruppen führten sogar zum Anstieg von Anschlägen und Straftaten im Mittel nach zwei Wochen. Die Erklärung – und hier liegt eine diskussionsbedürftige Parallele zu den Ereignissen vom 11. September 2001 und zu den Anthraxsendungen – sehen die Autoren in einem fremdenfeindlichen Meinungsklima, das Motive zu Gewalthandlungen liefert. Eingebettet darin ist eine größere Zahl solcher gewaltbereiter Personen, die damit motivational auf Auslösemomente vorbereitet sind.
Die Tatsache, dass auch medienvermittelte fiktive Suizidmodelle eine Welle von Nachahmungstaten auslösen können, ist seit Goethes „Leiden des jungen Werther“ (1774) bekannt. Der Nachweis des Werther-Effekts gelang Schmidtke und Häfner (5, 8), als sie die Suizide auf dem gesamten Schienennetz der Bundesrepublik vor und nach der zweimaligen Aussendung der ZDF-Fernsehserie „Tod eines Schülers“ 1981 und 1982 untersuchten. Grafik 3 zeigt den Durchschnitt der Eisenbahnsuizide pro Tag in Deutschland für 15- bis 19-jährige Männer und Frauen im ersten (18. Januar 1981 plus 70 Tage) und im zweiten (24. Oktober 1982 plus 68 Tage) Sendezeitraum und in den datumsgleichen Perioden davor und danach. Die beiden Gruppen kamen im Alter dem in der TV-Serie gezeigten Modell am nächsten, die jungen Männer entsprachen ihm auch im Geschlecht. Sie zeigten nach der ersten Sendung einen deutlichen Anstieg mit dem Maximum bei der modellähnlichsten Gruppe junger Männer. Die geringen Anstiege nach der zweiten Sendung waren proportional zu den geringeren Einschaltquoten. Die Spezifität des Effekts, die den Gesetzmäßigkeiten des Modelllernens entspricht, wurde an seiner Abnahme mit der Entfernung vom Modell nach Alter und Geschlecht deutlich: Bei 15- bis 19-jährigen Männern mit maximaler Modellnähe betrug der Anstieg gegenüber den Vergleichswerten in der ersten Sendeperiode 175 Prozent, bei den Frauen des gleichen Alters immerhin noch 167 Prozent. Bei 30- bis 39-jährigen Frauen und bei 40- bis 49-jährigen Männern war kein signifikanter Anstieg mehr zu registrieren. In der Gruppe mit maximalem Anstieg beschränkte sich die Periode mit signifikanter Differenz zu den Erwartungswerten auf etwa fünf Wochen (5). Eine detaillierte Analyse, wie sie damals an den nach Alter und Geschlecht exakt aufgegliederten Daten der Bundesbahn möglich war, ist bei den Imitationseffekten der hier diskutierten Attentate nicht realisierbar.
Die Zusammenhänge zwischen der Exposition gegenüber fiktiven Gewaltdarstellungen im Fernsehen und dem Häufigkeitsanstieg von Gewalttaten bei Kindern und Jugendlichen ist weithin diskutiert und in Laborsituationen mehrfach untersucht worden. Die Untersuchung der Realität ist schwieriger, weil, anders als beim beschriebenen Eisenbahnsuizid, der Einzelne gleichzeitig einer Fülle von Gewaltakten in den Medien und in der Realität ausgesetzt ist. Effekte eines einzelnen, von keinerlei anderen Einflüssen überlagerten Ereignisses können deshalb nur ausnahmsweise ermittelt werden.
In Feldstudien ist versucht worden, den Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Expositionszeit gegenüber Gewaltszenen im Fernsehen und nachfolgendem aggressivem Verhalten bei Jugendlichen über längere Perioden hin zu ermitteln (4, 6). Das Ergebnis, vereinfacht dargestellt, bestätigt die Laboruntersuchungen: Innerhalb von drei Jahren steigen die Aggressivitätsmaße im Zusammenhang mit der Gewaltexposition bei Jungen etwa zweimal so hoch wie bei gleichaltrigen Mädchen. Der höchste Anstieg findet sich bei Jugendlichen, die bereits bei Studienbeginn ein erhöhtes Aggressionsniveau aufwiesen – ein deutlicher Hinweis, dass ein individueller Dispositionsfaktor die Größe des Imitationseffekts mitdeterminieren kann.
Psychologischer Mechanismus der Nachahmung
Eine klassische Erklärung von Imitationseffekten ist Durkheims (3) für die Suizidimitation formulierte Annahme, das Modell führe lediglich zur Auslösung bereits beabsichtigter Suizide und verursache deshalb keine echte Zunahme. Dem Gipfel in den Wochen nach der Modellexposition müsste eine Abnahme unter den Erwartungswert folgen. Nach der statistischen Analyse kam es bei den Attentatsdrohungen nach dem zweiten Gipfel zwischen dem achten und etwa dem 30. Oktober nur zu einer Rückkehr zur Basisrate. Daraus ist die Durkheimsche Hypothese nicht belegbar. Bei der Deutschen Post stellt sich die Rückkehr zum Ausgangsniveau ohne jeden quantitativen Ausgleich des Anstiegs eindeutig dar. Auch bei den Eisenbahnsuiziden nach der ZDF-Serie „Tod eines Schülers“ konnte ein „Durkheim-Effekt“ ausgeschlossen und eine Zunahme der absoluten Zahl von Suiziden belegt werden.
Eine interessantere Hypothese ist das Lernen am Modell. Darunter versteht man nach Bernhard Bandura (1) den Erwerb neuer Verhaltensweisen durch Beobachtung, ohne dass ihr Vollzug einer Verstärkung bedürfte. Dieser Effekt müsste zu einer echten Zunahme modellähnlicher Handlungsmuster führen. Für die Suizidwelle, die dem Fernsehmodell folgte, steht dies außer Zweifel. Inwieweit dieses Modell zur Erklärung der Nachahmungswellen nach dem Flugzeugattentat am 11. September und nach der Versendung von Anthraxsporen beiträgt, lässt sich nicht direkt prüfen, weil geeignete Merkmale der meist anonym gebliebenen Täter nicht zur Verfügung stehen. Immerhin sprechen die objektive Zunahme der modellähnlichen Handlungen im zeitlichen Zusammenhang mit den Schlüsselereignissen und die Plausibilität für einen wesentlichen Anteil dieser Hypothese an der Erklärung der Phänomene.
Individuelle und kollektive Handlungsdisposition
Der Erfolg von Modelllernen hängt, das hat eine Analyse der Selbstmorde nach der Sendung „Tod eines Schülers“ gezeigt, von der Ähnlichkeit zwischen Beobachter und Modell hinsichtlich Alter und Geschlecht ab. Ein vergleichbares Muster ist bei den Nachahmungen der beiden Attentate deshalb kaum zu erwarten, weil die Täter als Personen, von ihrem Al-Qaida-Fundamentalismus abgesehen, ziemlich undeutlich geblieben oder wie bei den Anthraxbriefen zur Zeit der Nachahmungen gar nicht ermittelt werden konnten.
Zu den individuellen Risikofaktoren zählt auch die motivationale Disposition. Bei der Nachahmung des Suizidmodells mögen dies depressive Verstimmungen sein. Bei aggressiven Handlungen nach Gewaltdarstellungen im Fernsehen war es ein individuell erhöhtes Aggressionsniveau und bei den Nachahmungshandlungen fremdenfeindlicher Straftaten das Eingebettetsein in ein fremdenfeindliches Meinungsklima. Das Attentat vom 11. September entbehrt weitgehend eines solch modellgleichen Motivationshintergrunds oder Meinungsklimas in der deutschen Bevölkerung, nicht jedoch in Amerika-feindlichen fundamentalistisch-moslemischen Bevölkerungen anderer Staaten – dort scheint deshalb das Risiko von Nachfolgetaten weiter zu bestehen. Als Ereignis vermittelten die Sendungen über die Zerstörung der beiden WTC-Türme einen grauenhaften Eindruck mit katastrophalen Folgen: Echte Imitationstendenzen mit gleichem Handlungsmuster sind deshalb, ähnlich dem Ausbleiben von Nachahmungseffekten nach den Brandstiftungen in Mölln und Solingen, in einer humanitär geprägten Bevölkerung nur in geringer Zahl zu erwarten. Der Flug mit einem unrechtmäßig benutzten Motorsegler über Frankfurt, verbunden mit der Drohung, in eines der Bankhochhäuser zu fliegen, ist eines der seltenen Beispiele. Die dahinter stehende Motivation zeigt allerdings erhebliche Unterschiede zur Indextat und deutlich abnorme Züge.
Die Anrufer bei Bombendrohungen waren fast ausschließlich Männer. Ähnlich den langfristigen Effekten von Gewaltdarstellungen im Fernsehen ist es wahrscheinlicher, dass nicht die Identifikation mit den Attentätern, sondern ein erhöhtes Aggressionsniveau der Nachfolgetäter als individuelle Disposition verantwortlich ist. Bei Männern, vor allem im Alter von 15 bis 30 Jahren, findet sich eine ungleich größere Zahl von Individuen mit hoher Gewaltbereitschaft als bei gleichaltrigen Frauen.
Die beiden Attentate, die Zerstörung des WTC am 11. September und die Nachrichten über die Versendung von Milzbrandbriefen ab 6. Oktober 2001, haben zu signifikanten Anstiegen modellähnlicher, aber offenbar nicht ernsthaft gefährdender oder gar tödlicher Nachfolgehandlungen mit der Folge der Beunruhigung der Bevölkerung, der Bedrohung Einzelner und der Störung lebenswichtiger Verkehrs- und Kommunikationssysteme geführt.
Die signifikanten Häufigkeitsanstiege erfolgten wie bei allen vergleichbaren Studienergebnissen unmittelbar nach dem Modellereignis. Nach dem Attentat auf das WTC kam es bei der Deutschen Bahn AG, nicht aber bei der Deutschen Post AG, zu einer signifikanten Zunahme von Attentatsdrohungen. Das Maximum wurde bereits am Tag nach dem Attentat erreicht. Anders bei den Drohungen mit gesundheitsgefährdenden Stoffen. Hier erfolgte ein extrem steiler Anstieg in beiden Systemen, Post AG und Bahn AG, von Vergleichswerten um null. Die Drohung mit Milzbrandsporen ist also erst durch die Wahrnehmung des Modells ausgelöst worden. Die Anstiege der Nachahmungshandlungen dauerten wie bei allen bisher untersuchten vergleichbaren Ereignissen nur wenige Wochen. Der breitere Gipfel und das leicht verzögerte Abklingen der Anthraxdrohungen gehen vermutlich auf nachfolgende Berichte über die Entdekkung weiterer Anthraxbriefe oder ihre Folgen zurück.
Nach Befragungen des Instituts für Praxisforschung bei niedergelassenen Allgemein- und Fachärzten konzentrieren sich die medizinisch relevanten Folgen auf eine Zunahme von Ängsten, nicht aber von Depressionen, die überwiegend bei angstbereiten Personen ausgelöst worden waren. Die Patienten mit verstärkten Angststörungen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mit den hier beschriebenen Tätern identisch. Psychische Krankheit oder mentale Beeinträchtigung (zum Beispiel Steuerungsverlust durch Alkohol) scheinen keine wesentliche Rolle zu spielen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 535–539 [Heft 9]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit0903 abrufbar ist.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Heinz Häfner
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J5, 68159 Mannheim
E-Mail: hhaefner@as200.zi-mannheim.de
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1.
Bandura B: Lernen am Modell. Stuttgart: Klett 1976.
2.
Brosius H-B, Esser F: Eskalation durch Berichterstattung? Opladen: Westdeutscher Verlag 1995.
3.
Durkheim E: Le suicide: Etude de sociologie. Paris: Alcan 1897 (Dt. Ausgabe: Durhkeim E: Der Selbstmord. Neuwied: Luchterhand 1973).
4.
Fraczek A: Socio-cultural environment, television viewing, and the development of aggression among children in Poland. In: Huesmann LR, Eron LD, eds: Television and the aggressive child: a cross-national comparison. London: Lawrence Erlbaum 1986; 119–160.
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