ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Psychotherapie: Hausgemachtes Problem
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LNSLNS Dass hier ein heikles Thema, nämlich sexueller Missbrauch von „Abhängigen“, zum Thema gemacht wird, ist begrüßenswert, es wird allerdings verschwiegen, dass dieses Problem ein hausgemachtes ist, insofern als das psychologische Arrangement in der „analytischen“ Sprechstunde so geartet ist, dass Klient und „Therapeut“ zwangsläufig in dieses risikobehaftete Fahrwasser hineingeraten müssen. Das Abkommen zwischen beiden fordert dem Klienten einseitig bedingungslos aufrichtige und vorbehaltlose biografische
Mitteilung, d. h. ein Vertrauen, eine „Hingabe“ ab, zu der dieser gar nicht befähigt ist, es sei denn, diese legitimiere sich in einer solchen fragilen Zweierbeziehung durch Zuneigung, wenn nicht gar durch „Liebe“! Die verschleiernde Freudsche Wortschöpfung „Übertragung“ weist auf den Zusammenhang hin: Das, was in der Entwicklungsgeschichte des Klienten, nennen wir diesen ruhig „Neurotiker“, fehlte, ist doch die elterliche Zuwendung und -neigung, er überträgt in einem psychischen Regressionsakt seine Kindheitsnot in die Sprechstunde, von der er bzw. sie sich Abhilfe erhoffen, sie werden anhänglich und abhängig. Damit wird dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Nach eigenem Bekunden kann kein „Therapeut“ Liebesmängel der Kindheit ausgleichen, ebenso wenig, wie Worte dies vermögen. Der Wahn des Klienten besteht in der Hoffnung, dass ein Nachtrag möglich sei, der des Psychologen besteht darin, diesen liefern zu können. Ursprung dieses Irrtums ist das Missverständnis, die Begriffe Psychoanalyse und Psychotherapie zu verwechseln, und für synonym zu halten, was nicht synonym ist. Analyse ist nicht Therapie, das weiß jeder Laborant: Analyse ändert die Stoffeigenschaft nicht! Im Zustand psychischer Regression ist der Liebesakt an der Klientin bzw. am Klienten, die diesen in Verkennung der Situation sogar fordern können, allerdings eine Vergewaltigung. „Therapeutische“ Auftritte kommen, jeder realistisch Denkende weiß dies, in jedem Fall zu spät, zur falschen Zeit am falschen Platz. Das Erziehungsmonopol der Eltern (Musterbildung, neurophysiologisch: adaptive shaping of the brain) erscheint insofern verbindlich zu sein.
Dr. med. Christian Dührssen, Knapper Straße 21–23,
58507 Lüdenscheid
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