ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Eric Peters: Aussen ist innen

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Eric Peters: Aussen ist innen

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 139

Schneider, Andrea

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LNSLNS Der Aachener Maler Eric Peters macht mit seinen Bildern Innenwelten sichtbar.

„Wenn Du hinaus in das Universum stapfst, achte auf die rechte Kopfbedeckung“, 2002, 195 cm × 115 cm, Öl auf Leinwand. Fotos: Eric Peters
„Wenn Du hinaus in das Universum stapfst, achte auf die rechte Kopfbedeckung“, 2002, 195 cm × 115 cm, Öl auf Leinwand. Fotos: Eric Peters
Der Museumsleiter wand sich. Gerade wollte eine Reinigungskraft wissen, was sie mit den ausgelatschten Gummistiefeln machen solle. Seit Tagen schon habe sie die Treter mit äußerster Vorsicht abgestaubt. Die Frau war vorsichtig. Immerhin wusste sie, welches Wehklagen Kunstgourmets einst erhoben, als Kolleginnen im Wuppertaler Museum eine fettige und mit Heftpflaster beklebte Badewanne gescheuert und dann auch noch als Bierkühler für ein Fest verwendet hatten. Zurückhaltung war also geboten. Waren die Gummitreter nun Kunst oder nicht? Nein, musste der Museumsleiter einräumen. Jedenfalls keine, die er angekauft hatte. Die Stiefel waren von Jugendlichen hinterlassen worden und gingen nach der Enttarnung den Weg alles Überflüssigen.
Ein Schicksal, das Eric Peters mit den jungen Leuten teilt. Ausgeschlossen wird der Aachener Maler immer dann, wenn Trendsetter die Kunst der Zukunft benennen sollen. Zu traditionell sind den Visionären seine Methoden und zu sehr in der Vergangenheit verhaftet.
Peters’ Bilder laden zu einem Ausflug der Sinne ein. Voller ästhetischem Reiz sind sie technisch ausgereift. Man möchte die Bilder begreifen, das Material fühlen, die Risse und Aufbrüche mit den Fingern nachzeichnen. Fragen kommen den Betrachtern vielleicht erst später, wenn man sich jenseits des lustvollen Sinnenerlebnisses auf die Bilder einlassen möchte: Was hat das träge Karnickel auf dem Kopf eines Leoparden zu suchen? Weshalb setzt der Maler einer Frau ein Kaninchen mit Einhorn auf die Haare? Eric Peters spielt mit den Symbolen, mit Charakteren und Empfindungen. „Nichts ist, wie es scheint“, sagt er, und genau das drückt er auf der Leinwand oder plastisch in Holz aus. Den Menschen setzt er ihr Innenleben auf den Kopf, macht Facetten der Persönlichkeit sichtbar: Die Sehnsucht nach dem mümmelnden, faulen Kaninchen, die Kraft und die mythologisch unbezwingbare und gleichzeitig erhabene Energie eines Einhorns.
Eric Peters schmunzelt jungenhaft, wenn er von den Rissen und Brüchen in dem pastosen Farb- und Holzauftrag spricht: „In Aachen sagt man ,auf Alt jemaat‘“. Selbst mit solchen Urteilen hat Peters keine Probleme. Denn sie zeigen ihm, wo seine Wurzeln sind. Tief in der kunstgeschichtlichen Vergangenheit, in der Renaissance. Betrachtet man heute italienische oder flandrische Renaissance-Künstler, dann findet man eben diese Brüche in der Malerei, das Splittern der Farbe, das allerdings im Gegensatz zu Eric Peters nur eine Alterserscheinung ist und nicht den Blick auf eine andere Ebene freigibt. Ähnlich wie die alten Vorbilder sucht auch Eric Peters die Formen- und Symbolsprache der christlich motivierten und auch mythischen Geschichte, die über das Gefallen hinausgeht und auf die Metaebene der menschlichen Sinnfragen Bezug nimmt.
„Die Dame mit dem Einhorn“, 2002, 42 cm × 257 cm, bemaltes Lindenholz und Blattvergoldung, Sammlung Creutz, Raeren
„Die Dame mit dem Einhorn“, 2002, 42 cm × 257 cm, bemaltes Lindenholz und Blattvergoldung, Sammlung Creutz, Raeren
Für Eric Peters ist die Malerei Ausgleich der Extreme. Er versucht, eine Balance zu schaffen und Innenwelten sichtbar zu machen. Leben und Lebendigkeit versteht er wie seine Bilder als Kreisbewegung – nur dass seine Bilder eher in einer Spirale verhaftet sind. Denn der Ausgangspunkt wird nie wieder erreicht. In einem Essay über Eric Peters, der demnächst in einem Buch erscheinen wird, erwähnt der Psychoanalytiker und Essayist Micha Hilgers das Bild des „Hanging Man“. Auf den Kopf gestellt sieht die Welt ganz anders aus. So versteht Eric Peters das Leben, das er abbilden will. Dreht man seine kreisbewegenden Bilder um, so erscheint nie die gleiche Stimmung. Was gerade noch betulich oder arrogant wirkte, entpuppt sich plötzlich als hämisches Grinsen oder zornige Angriffslust.
Die Kreise sind in seinen Bildern enthalten. So zeigt Peters zwei Raubtierköpfe, die, wären sie nebeneinander gehängt, mit ihren kreisförmigen Schädeln das mathematische Symbol der Unendlichkeit darstellen würden: die liegende Acht, die in ihrer Unendlichkeit ebenso wenig zu begreifen ist wie die menschliche Seele. Unendlich sind die Facetten, die Eric Peters malerisch, symbolhaft nur in ihren Extremen, aufzeigen kann. Das Kaninchen als traute Pantoffel-Sehnsucht, das Einhorn in der ungezügelten Kraft, die unterschiedlichen Affen, menschenähnlich, aber in der Fantasie immer noch einem unentdeckten Kontinent zugehörig. Immer auch präsentieren die Bilder die Hoffnung, dass jeder Mensch die Wahl hat, frei zu entscheiden, mit welcher Haltung er durchs Leben gehen will. Andrea Schneider
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