ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Krankheit als dramatisches Element

VARIA: Feuilleton

Krankheit als dramatisches Element

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 140

Rühmkorf, Daniel

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Foto: Berlinale
Foto: Berlinale
Leid und Entwurzelung durchzogen die diesjährigen Filmfestspiele.

Viele Besucher stellten bei den diesjährigen Filmfestspielen Mitte Februar mit Verwunderung fest, dass Krankheit und Tod mehr als jemals zuvor auf der Berlinale thematisiert wurden. Die Zuschauer waren Zeugen von Schmerzen, Hilflosigkeit, Angst und Leiden, erlebten aber gleichzeitig, wie trotz oder wegen der Krankheit Menschen neuen Mut fassen, Pläne schmieden, längst anstehende Probleme lösen und eine neue Form von Stärke finden.
Warum widmen sich Filmregisseure so gern diesem Thema? Solange der Mensch sein Leben berechnen kann, er vor Überraschungen gefeit ist und sein Auskommen gefunden hat, ist er träge und satt. Aus diesem Alltag kann er nur gerissen werden, indem sein Leben erschüttert wird. Das kann durch die große Liebe geschehen, durch Trennung, Verlust von Arbeit und Besitz. Oder der Mensch wird durch die existenzielle Angst vor Krankheit und Tod wachgerüttelt. Die Endlichkeit des eigenen Seins, immer erahnt, wird plötzlich greifbar. Und indem die verbleibende Zeit knapp wird, werden bisherige Einstellungen, Lebensweisen und Wertvorstellungen überdacht.
In dem Film „My life without me“ von Isabel Coixet wird bei der 23-jährigen Ann (Sarah Polley) ein metastasierendes Ovarialkarzinom diagnostiziert. Da der Arzt ihr noch eine Lebenserwartung von zwei bis drei Monaten einräumt, aber keine Behandlungsmöglichkeit mehr sieht, beschließt sie, einfach nicht zu einer bedauernswerten Patientin zu mutieren, sondern ihr Leben als Ehefrau, Mutter und Angestellte so normal und so lange wie möglich weiterzuleben. Und so erleben die Zuschauer nicht den körperlichen Verfall, denn der beginnt an der Stelle, wo der Film endet. Vielmehr besticht dieser Film gerade durch die Klarheit, mit der Ann ihre noch verbleibende Zeit plant. Ann spürt, dass auch wenn nichts mehr gegen den Tod zu machen ist, sie immer noch etwas für ihr Leben tun kann. Eine Liste entsteht: „What to do before I die“. Erst nachdem die einzelnen Punkte abgearbeitet sind, kann sie den nahenden Verfall und Tod akzeptieren. Die Regisseurin Isabel Coixet sagte zu den Beweggründen, diesen Film zu machen: „Ich wollte, dass sich die Menschen die Möglichkeit, sich zu ändern, vergegenwärtigen. Lebe dein Leben erfüllt.“ Eine Zuschauerin war von der Rolle der Hauptdarstellerin überwältigt: „Ann ist so stark, dass sie die Leben der Menschen um sie herum über ihren Tod hinaus rettet.“
Foto: Daniel Rühmkorf
Foto: Daniel Rühmkorf
Der Film „Son frère“ (Foto oben) von Patrice Chéreau erzählt die Geschichte zweier Brüder, die durch die Krankheit des einen wieder zueinander finden. Luc, ein Mann Anfang dreißig, wird von seinem älteren Bruder Thomas, der an einer Thrombozytopenie erkrankt ist, um Hilfe gebeten. Beide sind nach jahrelanger Kontaktsperre zunächst noch verhaftet in den Verhaltensmustern ihrer Kindheit. Aber im Laufe des halben Jahres nutzen sie ihre Chance, um sich wieder miteinander auszusöhnen. Das geht einher mit vielen Vorwürfen, aber durch gegenseitigen Respekt schaffen sie es, sich Kraft zu geben. In den Phasen, in denen die Krankheit Thomas schwächt, ist es Luc, der ihn wäscht, unterhält und tröstet. Die Rollen des großen und des kleinen Bruders werden getauscht. Thomas verflucht seine Krankheit, die ihm ein übervorsichtiges Verhalten diktiert, damit er nicht verblutet. Er muss damit leben, dass sich die Ärzte nicht über die Ursache seiner Erkrankung im Klaren sind. Auch die Splenektomie bringt keine Verbesserung. Je mehr Thomas die Hoffnung auf Besserung verliert, umso stärker wird der Halt, den Luc ihm gibt. Patrick Chéreau erhielt für seinen Film den Silbernen Bären für die beste Regie.
Deutscher Wettbewerbsfilm bieder
Dagegen fällt der Wettbewerbsfilm „Der alte Affe Angst“ von Oskar Roehler deutlich ab. Innerhalb von 90 Minuten müssen Roberts (André Hennicke) Erektile Dysfunktion, Krebs und Tod des Vaters, Aids bei Prostituierten und ihren Kindern, Schwangerschaft, Fehlgeburt, Suizidversuch und eine psychiatrische Behandlung der Kinderärztin Marie (Maria Bäumer) vom Zuschauer verkraftet werden. Leider hatte sich Roehler nicht die Mühe gemacht, den einzelnen Figuren nachvollziehbares Leben einzuhauchen. So bleiben sie nur Marionetten, die leiden, ohne zu leiden. Die Dialoge gehen ins Nichts. Nach gefeierten Filmen wie „Die Unberührbare“ hat Roehler sichtbar nachge-
lassen.
Trotz der vielen Krankheitsfilme machte ein anderer Film das Rennen: Michael Winterbottoms Flüchtlingsdrama „In this World“ gewann den Goldenen Bären.
Dr. med. Daniel Rühmkorf
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