ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2003Ali und Fatme: „Ali, mein Schimmelhengst“

KUNST + PSYCHE

Ali und Fatme: „Ali, mein Schimmelhengst“

PP 2, Ausgabe März 2003, Seite 144

Kraft, Hartmut

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„Traumlandschaft“ (1942), schwarze Tusche auf Papier;31,7 cm x 39 cm. Foto: Eberhard Hahne
„Traumlandschaft“ (1942), schwarze Tusche auf Papier;
31,7 cm x 39 cm. Foto: Eberhard Hahne
Die Geschichte taugt zum Kunst- und Künstlerrätsel. Als der Schriftsteller Oscar A. H. Schmitz ihr von seiner Analyseerfahrung bei Carl Gustav Jung erzählte, kamen sie auf das Zeichnen zu sprechen, das der Analytiker verordnet hatte. „Was aber dann, wenn man nicht zeichnen kann?“ – „Das ist egal. Man muss es eben nur tun, egal, was dabei herauskommt.“ Als er der jungen Frau seine Zeichnungen zeigte, sagte sie: „Das kann ich auch!“ – und begann im Alter von 37 Jahren zu zeichnen. Es war zunächst der Wunsch, Träume und „Gesichte“ aus ihrer Vorstellungswelt festzuhalten. „Nicht ich zeichne. Es zeichnet!“, hat sie einmal gesagt.
Kurz vor seinem Tode zeigte Oscar A. H. Schmitz ihre Arbeiten einem berühmten Zeichner und Illustrator. 1932 lernt sie diesen kennen, kurz darauf werden sie ein Liebespaar. In der Korrespondenz zwischen den Treffen – beide waren und blieben verheiratet – nannte sie ihn oft zärtlich „Ali, mein Schimmelhengst“, sie selber war Fatme, die Schimmelstute. Ali war die Abkürzung seiner drei Vornamen. Allerdings warnte der Künstler sie vor dem „Gegenali“, einer bösartigen Schindermähre, die gleichsam seine Schattenseite darstelle. Als seine Frau ihn vor die Wahl stellt, sich zwischen ihr und seiner Geliebten zu entscheiden, bleibt er bei seiner Frau. Die Geliebte verlässt geschockt sein Haus und beginnt von da an fieberhaft zu zeichnen. Ihre Gefühle schwanken noch lange zwischen Hoffnung auf Wiederherstellung ihrer Liebe sowie Wut und Depression.
Das hier vorgestellte Bild entstand viele Jahre später und zeigt einen Hengst und eine Stute in einer Traumlandschaft. Übergroß wie ihre (einstige) Liebe sind die beiden Pferde, die Kopf an Kopf wie große Felsen hinter einem kleinen Gehöft liegen. Eine dicke Lage Striche umfängt die Szene und schirmt das Liebespaar gegen den Rest der Welt ab. Für Jahrzehnte war es eine nur eingeweihten bekannte Liebesgeschichte, ein Geheimnis. Wer war es?
Alfred Leopold Isidor Kubin (1877 bis 1959) war Ali, Emmi Haesele (1894 bis 1987) war Fatme. Heute ist der Kokon der Zeichnung aufgebrochen, die Liebesgeschichte ist Teil der Kunstgeschichte(n). Hartmut Kraft

Biografie Emmi Haesele:
Geboren 1894 in Wien. Durch Anregung von Oscar A. H. Schmitz beginnt sie 1931 zu zeichnen. 1932 lernt sie Alfred Kubin kennen, bald darauf sind sie bis 1936 ein Liebespaar. Unterbrochen durch den Krieg beginnt sie 1947 wieder intensiv zu zeichnen, eine erste Ausstellung erfolgt 1948 in Linz. Zunehmende Anerkennung als Künstlerin. Gestorben 1987 in Bad Leonfelden.

Literatur
Emmi Haesele. Katalog der Galerie Altnöder, Salzburg 1989.
Wally W: Emmi Haesele 1894–1987. Leben und Werk. Niederösterreichisches Dokumentationszentrum für moderne Kunst und Galerie Altnöder (Salzburg), St. Pölten 1993.
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