ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1996Der Fall Anthony Bland: Prinzip der Unantastbarkeit des Lebens

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Der Fall Anthony Bland: Prinzip der Unantastbarkeit des Lebens

Meran, Gobertus

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LNSLNS Der tragische Fall von Anthony Bland, der als 17jähriger im Hillsborough-Fußballstadion in ein Massengedränge geraten war und sich anschließend mehr als drei Jahre im Persistent Vegetative State (PVS) befand, wurde vor drei Instanzen der englischen Gerichte verhandelt. Die zu klärende Frage war, ob die Ärzte verpflichtet sind, den Patienten weiter künstlich über Magensonde zu ernähren, oder ob die Therapie eingestellt werden dürfe. Das britische House of Lords als oberste Instanz bestätigte die vorausgegangenen Entscheidungen, daß nämlich die Behandlungspflicht der Ärzte nicht gegeben ist. Diese Entscheidung, über die der Autor des folgenden Artikels berichtet, hat die Euthanasiedebatte neu entfacht.


Das britische House of Lords vertrat die Ansicht, daß es nicht in Blands "best interest" liege, weiter der Behandlung ausgesetzt zu sein (1). Diese Gerichtsentscheidung wurde unlängst von dem amerikanischen Philosophen Peter Singer als Indiz dafür angeführt, daß die Jahrtausende gültige traditionelle Ethik der Unantastbarkeit des Lebens nun zusammenbreche (2). Kennzeichen der "neuen Ethik" (der in Deutschland heftig widersprochen wird [3]) sei, daß in Krankenhäusern, Gerichten und Parlamenten Überlegungen zur Lebensqualität bei der Entscheidung über Leben und Tod sich durchsetzen und dem Bedürfnis nach aktiver Sterbehilfe stattgegeben werde. Die Entscheidung der englischen Gerichte scheint jedoch bei näherer Betrachtung Singers Forderungen nur partiell zu unterstützen.


Wert der Therapie
Seine Behauptung, daß die Gerichte Blands Leben als "nicht lebenswert" beurteilt haben, ist eine Interpretation, die von der Majorität des Gerichtes explizit abgelehnt wurde. Alle Richter stimmten überein, daß es nicht um die Beurteilung gehen kann, ob es im besten Interesse Blands sei zu sterben, sondern darum, ob die Fortsetzung der Behandlung in seinem Interesse liege. Nicht der Wert des Lebens, sondern der Wert der Therapie stand zur Entscheidung. Außerdem behauptete Singer, daß die Gerichte den Begriff der Lebensqualität statt den der Unantastbarkeit des Lebens (sanctity of life) als Grundlage der Entscheidung akzeptierten. So weit ging das Gericht jedoch nicht. Ausdrücklich wurde das Prinzip der Unantastbarkeit des Lebens bestätigt, freilich nicht als ein absolut geltendes, man denke an Notwehr.
Auch ist die Angabe von Singer falsch, daß sich "die anderen Law Lords und alle britischen Richter, die mit dem Fall befaßt waren", der Ansicht von Lord Keith angeschlossen hätten, daß es für ein Individuum ohne geistige Kapazitäten unerheblich sein müsse, ob es lebt oder tot ist. Diese Ansicht, die auf einem problematischen Personalitätskonzept beruht, blieb in der Minorität und wurde lediglich von Lord Mustill bestätigt. Die folgenschwerste Interpretation des Urteils durch Singer besteht aber in der Folgerung, daß das Gericht ". . . es Blands Arzt erlaubte, Maßnahmen zu ergreifen, die ausdrücklich darauf zielten, dessen Leben zu beenden . . ." Singer setzt damit voraus, daß die schwierigen Fragen, ob beabsichtigte und vorhergesehene Folgen moralisch gleichwertig zu behandeln seien, bereits in seinem konsequentialistischen Sinne entschieden wurden. Die traditionelle Ethik beruht aber auf einer moralischen Unterscheidung zwischen beabsichtigter Tötung und dem nicht beabsichtigten, aber vorhersehbaren Tod als Folge von gerechtfertigter Therapieeinstellung. Für einen Arzt ist es ein wesentlicher Unterschied, ob er einem Patienten Schmerzmittel gibt, um ihn zu töten oder um seine Schmerzen zu lindern. Dieser moralische Unterschied bleibt auch dann bestehen, wenn der Patient in beiden Fällen an den Folgen der Schmerzbehandlung stirbt. Das House of Lords ließ jedenfalls keinen Zweifel daran, daß die aktive, beabsichtigte Tötung eines Patienten strafbar ist. Der wahre Kern an Singers Interpretationen der schwierigen und umstrittenen Entscheidung, die auch von den Richtern als ein Dilemma empfunden wurde, ist die Grauzone, die zwischen rechtfertigbarer Unterlassung von Behandlung und der unerlaubten Verletzung der Behandlungspflicht liegt.


Euthanasiedebatte
Eine Kommission des britischen House of Lords hat klare Antworten gegeben, die sich von Singers Interpretationen deutlich unterscheiden: Es gebe trotz tragischer Fälle keine ausreichenden Gründe, das grundsätzliche Tötungsverbot aufzuweichen. Die Bland-Entscheidung ist zweifellos ein Meilenstein des englischen Medizinrechtes und hat die Euthanasiedebatte erneut entfacht, ohne die bewährten Grenzen grundsätzlich zu verwerfen.


Literatur
1. Airdale NHS Trust v. Bland [1993] 1 All E.R. 821, 1993 12 BMLR 64
2. Singer P: Dilemma von Leben und Tod. Universitas 51. 1996; 599: 432-437
3. Klinkhammer G: Widerstand gegen eine "neue" Ethik. Dt Ärztebl 1996; 93: A-1508–1509 [Heft 23]
4. v. Cox R. (1992) 12 BMLR 38 (bestätigt in Airdale NHS Trust v. Bland)
5. House of Lords: Report of the Select Committee on Medical Ethics. HMSO; London, 31 January 1994


Anschrift des Verfassers:
Dr. med Johannes Gobertus Meran
Abt. Hämatologie und Onkologie
Medizinische Hochschule Hannover
Konstanty-Gutschow-Straße
30623 Hannover

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