ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 1/2003Datenschutz in der Arztpraxis: Institutionellem Missbrauch vorbeugen

Supplement: Praxis Computer

Datenschutz in der Arztpraxis: Institutionellem Missbrauch vorbeugen

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): [4]

Escher, Wolfgang

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Für den Umgang mit personenbezogenen, sensiblen Daten in der Arztpraxis ist der Datenschutz unverzichtbar. Die fahrlässige Weitergabe oder nachlässige Handhabung von Einzeldaten muss verhindert werden, um noch schwerwiegendere Folgen auszuschließen. Denn erst das Zusammenführen der Einzeldaten zu großen Datenmengen ermöglicht ein systematisches Auswerten, Abgleichen und eine Manipulation dieser Daten.
Kann ein Patient sicher sein, dass persönliche Informationen, die er seinem Arzt vertraulich offenbart hat, nicht irgendwann, zum Beispiel in Fragen von Renten, Beruf, Recht, Steuer, Strafrecht, Versicherungsrecht und Werbung, erneut auftauchen und – von ihm nicht beeinflussbar – zu einer Entscheidungsgrundlage werden? Hier liegt das Risiko. Deshalb muss alles daran gesetzt werden, dass vertrauliche Daten in der Arztpraxis auch vertraulich bleiben.
Die Vermutung, Behörden, Körperschaften des öffentlichen Rechts und privatrechtliche Unternehmen würden sich stets an alle datenschutzrechtlichen Verfügungen halten, muss sich nicht immer bewahrheiten (zumal es genügend Grauzonen und Neuentwicklungen gibt).
Auch im Hinblick auf die geplante „Krankenakte auf der Chipkarte“ ist abzuklären, ob diese nicht im Widerspruch zum informellen Selbstbestimmungsrecht des Patienten steht. Zwar kann es sinnvoll sein, notfallrelevante Daten, wie zum Beispiel Diabetes und Herzklappenprothesen, auf dieser Karte mit Blutgruppe und Impfstatus aufzunehmen. Es stellt sich aber die Frage, ob der im Notfall eintreffende Ersthelfer ein Lesegerät hat und dies auch richtig bedienen kann. In der Regel wäre hierfür ein internationaler Notfallpass in Schriftform geeigneter.
Ob eine komplette Krankenakte mit sämtlichen diagnostischen und therapeutischen Verästelungen gespeichert werden sollte, ist allerdings fragwürdig. Ein Beispiel: Eine Patientin, die als Jugendliche einmal in die Krankenhausambulanz gebracht und mit der Diagnose Alkoholintoxikation oder der Fehldiagnose Alkoholdelier entlassen wurde, könnte diese für ihren weiteren Lebenslauf irrelevante und schädliche Diagnose möglicherweise ohne ihr Wissen in einer solchen Chipkarte tradieren.
Bisher verlassen in der Regel Patientendaten die Arztpraxis ohne Kenntnis und Einverständnis des Patienten nicht. Die Krankenkassen erhalten lediglich Diagnosen als Abrechnungsbegründung. Sie sind nach §§ 284 bis 287 Sozialgesetzbuch V verpflichtet, die Daten nicht personenbezogen auszuwerten, es sei denn, es handelt sich um ein genehmigtes Forschungsvorhaben. Der Patient kann jederzeit durch Gespräche mit seinem Arzt Einfluss auf den Informationsstatus nehmen. Er kann auch durch Arztwechsel einen Schlussstrich unter seine bisherige Patientenkarriere ziehen. Dies alles wäre bei umfänglich gespeicherten Daten auf der Chipkarte zumindestens ohne hohen bürokratischen und/oder datenverarbeitungstechnischen Aufwand nicht möglich.
Die Chipkarte zur Übertragung „volatiler Daten“, das heißt als Transfermittel zu verwenden, erscheint jedoch sinnvoll. Der Arzt speichert vorübergehend auf der Chipkarte das Rezept, der Apotheker liest es ein und löscht es anschließend. Oder der Arzt speichert auf der Chipkarte die Überweisung, die spätestens am Quartalsende wieder gelöscht wird. So wäre auch eine ausufernde Parallelinanspruchnahme („Chipkartentourismus“) einzugrenzen. Ähnliches ist beispielsweise hinsichtlich der hausärztlichen Betreuung und des Direktzugangs zu bestimmten Fachrichtungen denkbar.
Bestrebungen, die Chipkarte gleichzeitig als Medikamentenpass mit der Angabe der verordneten Medikamente zu verwenden, ist kritisch zu hinterfragen. Jede Verordnung sollte der Arzt stets sorgfältig prüfen. Jede Neuverordnung eines zusätzlichen Medikaments sollte die Überprüfung sämtlicher anderer Medikamente einschließen. Nur wenn zum Beispiel sowohl die (probeweise) Einführung als auch das Absetzen der Medikamente und das Speichern von ausgegebenen Mustern einfach handhabbar ist, wäre dies zu realisieren. Hierfür kann der Verwaltungsaufwand beträchtlich sein.
Eine erweiterte Chipkarte bietet vor allem auf sozialrechtlichem und verfahrenstechnischem Gebiet Vorteile. Ob diese Chipkarte in großem Umfang medizinisch relevante Daten speichern sollte, ist sorgfältig abzuwägen. Schließlich bietet das erleichterte Einlesen relevanter Daten und Weiterverarbeiten in den zentralen Rechnern der Institutionen, wie zum Beispiel Krankenkassen, Krankenhäusern, Statistischen Ämtern und Versicherungen, ein hohes Missbrauchspotenzial. Nicht die Frage, ob Frau Müller erfährt, dass Frau Meyer Husten hat, ist die brisante Frage der Zukunft, sondern der private und institutionelle Missbrauch von Daten unter Zuhilfenahme der Möglichkeiten der Datenverarbeitung.
Dr. rer. nat Wolfgang Escher, Cloppenburger Straße 199, 26133 Oldenburg
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