ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Musiktherapie: Eine Atmosphäre von Lebensfreude

VARIA: Feuilleton

Musiktherapie: Eine Atmosphäre von Lebensfreude

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-720 / B-611 / C-574

Verres, Rolf

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Musiktherapie für geistig behinderte Kinder: Dass die zehnjährige Ina nur mit den Füßen mitspielt, ist für den Diplom-Musiktherapeuten des Würzburger Blindeninstituts, Markus Rummel, schon ein Erfolg. Foto: dpa
Musiktherapie für geistig behinderte Kinder: Dass die zehnjährige Ina nur mit den Füßen mitspielt, ist für den Diplom-Musiktherapeuten des Würzburger Blindeninstituts, Markus Rummel, schon ein Erfolg. Foto: dpa
In der ehrwürdigen Oxford University zeigten rund 700 Teilnehmer
des 10. Weltkongresses für Musiktherapie, wie mit kreativen Behandlungsmethoden die moderne Medizin unterstützt werden kann.

Bei der Ankunft im edlen Ambiente der ehrwürdigen Oxford University hätte man annehmen können, dort werde eine kontemplative Veranstaltung stattfinden. Doch weit gefehlt: Die Kreativität der 700 Teilnehmer aus etwa 40 Ländern mit 250 offiziellen Beiträgen und vielen spontanen Aktionen war grenzenlos. Innerhalb weniger Tage entstand – unter Einbezug von Gärten und Festzelten – eine Atmosphäre von Lebensfreude.
Am deutlichsten zeigte Risenga Makondo aus Südafrika, wie kulturelle Identität und interkulturelle Offenheit in Einklang gebracht werden können. Im prachtvollen Gewand mit Federschmuck zog der barfüßige Wanderer zwischen den Welten die Aufmerksamkeit auf sich. Für ihn steht die gemeinsame „Körpermusik“ im Vordergrund, bei der zunächst ganz einfach die Stimmen, die klatschenden Hände und die stampfenden Füße in eine rhythmische Vielfalt gebracht werden. Wenn jeder im Kreis dann noch eine Trommel bekommt, regt der Afrikaner an, so aufeinander zu hören, dass sich auch die Schwächeren wahrgenommen fühlen und sich als Teil eines größeren Ganzen erleben können.
Den Organisatoren Prof. Dr. Leslie Bunt (Wissenschaftlicher Leiter) und Nigel Hartley (Kongressmanager) gelang es vortrefflich, bei aller kulturellen Vielfalt auch Integrationsmöglichkeiten professioneller Musiktherapie und moderner Medizin deutlich werden zu lassen. Besonders interessant waren diejenigen Referenten, die ihre Ausbildung in einer anderen als der eigenen Herkunftskultur absolviert hatten. So konnte Risenga Makondo nicht nur durch seine profunde Erfahrung als südafrikanischer Musiker die Herzen erobern, sondern seine akademische Ausbildung in Großbritannien war ebenfalls unverkennbar.
Kontakte per Internet
Sowohl mit rezeptiver als auch mit aktiver Musiktherapie lassen sich veränderte Bewusstseinszustände auslösen, die bei fachkundiger Begleitung zur Erweiterung von Erlebens- und Verhaltensspielräumen genutzt werden können. Erfolge wurden vor allem
aus folgenden Anwendungsfeldern berichtet: Psychiatrie
und Psychosomatik, Geburtsvorbereitung, Pädiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Schmerzbehandlung, Neurologie, Onkologie, Palliativmedizin, Geriatrie, Rehabilitation von Behinderten. Auch differenzierte Spezialisierungen wurden vorgestellt, so zum Beispiel Musiktherapie mit Gehörlosen nach Cochlea-Implantat, mit komatösen Patienten oder mit traumatisierten Flüchtlingen und Opfern von Missbrauch und Folter.
Mehrere Referenten versuchten, therapeutische Konzepte mit Theorien aus Soziologie und Anthropologie, Sozialpsychologie und Ethnologie zu verbinden. Erst ein so erweitertes Kulturverständnis werde es möglich machen, subjektives Erleben sowohl mit Blick auf die aktuelle Umgebung als auch mit Blick auf die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung besser zu verstehen. Zur Kreativität, so meinten viele Referenten, kann auch gehören, gemeinsam mit dem Patienten die Mauern der therapeutischen Institution zu verlassen. So bieten der Soziologe Stuart Wood und der Musiktherapeut Jack Tan mitten in London Gesangsgruppen an und stiften Kontakte per Internet. Andere Beispiele sind öffentliche Aufführungen einer Theatergruppe Behinderter, Selbsterfahrungsgruppen im Strafvollzug, Workshops für Erzieher, Gruppen mit Schwangeren und Hebammen auch außerhalb der Kliniken, Improvisationsgruppen für Ärzte und musiktherapeutische Anreicherungen von Balint-Gruppen.
Suche nach Spiritualität
Beim Abschlussvortrag in der voll besetzten Oxford Town Hall fasste der ehemalige Dean of Westminster, Michael Mayne, seine langjährigen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Musiktherapeuten – vor allem bei der Begleitung von Menschen am Lebensende – so zusammen: Neben der kognitiven und emotionalen Intelligenz könne auch eine spirituelle Intelligenz angenommen werden. Musik sei vor allem deshalb so wirkungsvoll, weil sie eine Möglichkeit biete, Zeit und Raum zu transzendieren. Die Suche nach Spiritualität sei keineswegs etwas Abgehobenes für Esoteriker, sondern sie spiegele letztlich ganz einfach die Suche des Einzelnen nach Authentizität wider.
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Verres, Heidelberg
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