ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Arzthaftung: Die Angst steht mit am Operationstisch

POLITIK

Arzthaftung: Die Angst steht mit am Operationstisch

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-668 / B-570 / C-538

Rabbata, Samir

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Bei Schadensfällen drohen das berufliche Aus oder gar strafrechtliche Sanktionen. Foto: Caro/Dobiey
Bei Schadensfällen drohen das berufliche Aus oder gar strafrechtliche Sanktionen. Foto: Caro/Dobiey
Personalnot, Organisationsdefizite und überbordende Bürokratie im Krankenhaus beeinträchtigen die Patientenversorgung und steigern das medizinrechtliche Risiko des Arztes.
Wenn Peter Gausmann und seine Mannschaft anrücken, ist es meist noch nicht zu spät. Mit geübtem Blick fahnden die Risikoberater nach Schwachstellen bei der Patientenversorgung im Krankenhaus. Mangelnde Patientenaufklärung, lückenhafte Dokumentation oder unkoordinierte Arbeitsabläufe – Gausmann weiß genau, wo die Knackpunkte liegen, die häufig zu Haftungsfällen für Klinikbetreiber und Ärzte werden.
So genanntes Riskmanagement, wie von Gausmann und seinen Mitarbeitern von der Gesellschaft für Risiko-Beratung angeboten, gewinnt in deutschen Kliniken immer mehr an Bedeutung. Das verwundert nicht, stellt doch das Organisationsverschulden inzwischen die zweithäufigste Anspruchsgrundlage bei Haftpflichtfällen dar. An der Spitze der von Patienten erhobenen Vorwürfe stehen zwar immer noch so genannte ärztliche Kunstfehler, diese aber immer häufiger in Verbindung mit organisatorischen Mängeln. So sorgt die Möglichkeit, ohne direktes eigenes Verschulden in einen Schadensfall verwickelt zu werden, bei Ärzten zunehmend für Verunsicherung. Schließlich drohen das berufliche Aus oder gar strafrechtliche Sanktionen.
Verschärft wird die Situation durch die Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung. Typische Kooperationsrisiken an den Schnittstellen der Leistungsbereiche sind programmiert. Koordinationsmängel und unklare Kompetenzabgrenzungen sind dabei nur zwei Beispiele für Schwachstellen bei der Zusammenarbeit von mehreren Ärzten und einem Team mit nichtärztlichem Personal. Darauf verwies Rechtsanwalt Prof. Dr. jur. Dr. rer. pol. Klaus Ulsenheimer beim 27. Symposion für Juristen und Ärzte der Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin. Bei der in diesem Jahr unter der Überschrift „Rechtsprobleme des Arztes im Krankenhaus“ stehenden Expertentagung sprach sich Ulsenheimer für ein aktives „Schnittstellen-Management“ auf allen Ebenen aus. „Das Riskmanagement ist deshalb für den Organisationsbereich geradezu prädestiniert“, sagte Ulsenheimer. Aus Fehlern und Beinahe-Schäden lernen sei dabei die ebenso simple wie wirkungsvolle Devise.
Risiko Überlastung
Als weitaus schwieriger dürfte sich dagegen erweisen, Behandlungsrisiken auszuschalten, die der zunehmenden Arbeitsbelastung von Krankenhausärzten geschuldet sind. Bei Mitarbeiterbefragungen wird auch Risikoberater Gausmann regelmäßig mit den zum Teil katastrophalen Arbeitszeitbedingungen für Krankenhausärzte konfrontiert.
„Wir kompensieren das“, laute meistens die Antwort der betroffenen Ärzte. Gausmann weiß aber auch, dass man rechtlich nur schwer nachweisen könne, ob tatsächlich eine Arbeitsüberlastung für einen Schadensfall ursächlich sei.
Angesichts von oft mehr als 80 Wochenstunden für Ärzte im Krankenhaus sei es aber nur eine Frage der Zeit, bis Patientenanwälte versuchen werden, die Überlastung eines Arztes in zivilrechtlichen Prozessen geltend zu machen, glaubt der Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Abhilfe könne nur die Neuverteilung von Arbeit schaffen. Im Klartext heißt das: Neue Ärzte müssen eingestellt werden. Etwa 15 000, schätzt Montgomery. Das erfordere rund eine Milliarde Euro. Bezogen auf einen Umsatz von über 50 Milliarden Euro, den die deutschen Krankenhäuser erwirtschaften würden, „eine eher kleine Summe“, so der MB-Chef.
Kommt es zu einem Schadensfall, droht dem Arzt sowohl ein Strafverfahren als auch eine Zivilklage sowie ein Verfahren vor dem Berufsgericht (Entzug der Approbation). Allein die Zahl der zivilrechtlichen Schadensersatz- und Schmerzensgeldverfahren gegen Ärzte wird jährlich auf mehr als 10 000 geschätzt.
Besonders bei strafrechtlichen Ermittlungsverfahren führen die von den Behörden vorgebrachten Vorwürfe häufig zu einem Rechtfertigungsdruck und zu der Neigung des Arztes, umfassende Angaben zu machen, ohne den genauen Gegenstand des Vorwurfs zu kennen. Hiervon rät der Berliner Rechtsanwalt Dr. jur. Daniel Krause dringend ab. Jede erfolgreiche Verteidigung setze eine genaue Analyse der Vorwürfe voraus. Zudem seien wegen der mittlerweile stark ausdifferenzierten Rechtslage zur strafrechtlichen Haftung für Behandlungsfehler die verschiedenen Verteidigungsoptionen nur durch eine kompetente rechtliche Begleitung effizient zu nutzen. Über einen Rechtsanwalt könne in die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Einsicht genommen werden. Bis dahin komme dem Arzt ein Schweigerecht zu, von dem er in jedem Fall Gebrauch machen sollte, rät der Anwalt.
Ärzte wieder Ärzte sein lassen Budgetvorgaben und juristisch einklagbare Forderungen der Mitarbeiter stellen insbesondere leitende Ärzte vor Konflikte. Die Finanz- und Personalhoheit liege beim Träger, die sich aus den Budgets ergebenden Konsequenzen blieben dagegen beim leitenden Arzt hängen, kritisierte Prof. Dr. med. Hans-Friedrich Kienzle von der Chirurgischen Klinik im Krankenhaus Köln-Holweide. Kienzle wies am Rande des Symposions der Kaiserin-Friedrich-Stiftung darauf hin, dass dies seit einiger Zeit sogar in Chefarztverträgen festgeschrieben werde. Es müsse deshalb dringend diskutiert werden, wer für etwaige Fehler einzustehen habe, die sich aus zu kurzen Übergaben, nicht ausreichenden Weiterbildungsmöglichkeiten und eingeschränkten internen Besprechungszeiten in der Klinik ergäben. Die Konflikte würden nur gelöst, wenn man „Ärzte wieder Ärzte“ sein ließe. Dies bedeute auch, dass Chefärzte nicht als Manager deformiert würden und Aufgaben bekämen, für die sie nicht ausgebildet seien. Kienzle: „Welcher Gesundheitsökonom oder Verwaltungsleiter kann schon einen Blinddarm operieren? Also braucht ein Chirurg auch keine Bilanz erstellen zu können.“ Samir Rabbata
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