ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Rehabilitation: Ambulant und wohnortnah

POLITIK

Rehabilitation: Ambulant und wohnortnah

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-671 / B-573 / C-540

Kalinka, Uwe

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Medizinische Trainingstherapie: Bestandteil der ambulanten Rehabilitation Foto: Peter Wirtz
Medizinische Trainingstherapie: Bestandteil der ambulanten Rehabilitation Foto: Peter Wirtz
Ergebnisse einer Studie im Rehabilitationszentrum Dresden-Strehlen belegen: Ambulante wohnortnahe Rehabilitation erzielt gute Ergebnisse und eine hohe Patientenzufriedenheit.
Vor dem Hintergrund der gesundheitspolitischen Forderung „Rehabilitation vor Rente“ und „so viel wie möglich ambulant – so wenig wie nötig stationär“ wurde an der Technischen Universität Dresden die ambulante wohnortnahe Rehabilitation untersucht. In die Studie wurden 379
orthopädisch-traumatologische und 53 neurologische Fälle einbezogen. Weiterhin wurden 173 Patientenfragebögen nach erfolgter Rehabilitation ausgewertet. Die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich:
c 80 Prozent der Patienten erreichten die gestellten Rehabilitationsziele. In 17 Prozent der Fälle wurden die Rehabilitationsziele zumindest teilweise und in drei Prozent nicht erreicht.
c Die Nachbeobachtung bei der Auswertung der Fragebögen betrug durchschnittlich 18,8 Monate und erlaubte auch Aussagen zur Nachhaltigkeit. Den Rehabilitationserfolg beurteilten 86 Prozent der befragten Patienten mit „gut“ beziehungsweise „sehr gut“, was die klinische Bewertung noch übertrifft.
c 85 Prozent wohnten nicht weiter als zehn Kilometer vom Rehabilitationszentrum entfernt. Der Verbleib im familiären und sozialen Umfeld wurde von den meisten Patienten als vorteilhaft bezeichnet. 79 Prozent würden die ambulante Rehabilitation wieder einer stationären Kur vorziehen.
Diese Ergebnisse reihen sich in eine Vielzahl vergleichbarer Untersuchungen mit positiver Bewertung der ambulanten Rehabilitation ein: Basierend auf Studien an den Universitäten Bielefeld und Hamburg an 14 Rehabilitationseinrichtungen und mehr als 2 000 Patienten, wurde festgestellt, dass die wohnortnahe ambulante Rehabilitationsmaßnahme ebenso gute Therapieergebnisse wie die stationäre Behandlung in Rehabilitationskliniken erreichte.
Ohne dass für den Patienten Abstriche bei der Behandlung gemacht werden müssen, könnte das Gesundheitswesen, wenn es dieser Rehabilitationsform im Vergleich zur „Kurmedizin“ noch mehr Beachtung schenken würde, erhebliche Kosten sparen.
Die ambulante Rehabilitation ist inzwischen den Kinderschuhen entwachsen und hat sich als hochwertiges Therapieverfahren neben der Anschlussheilbehandlung, stationären Rehabilitation und Kur etabliert. Eine schlüssige Einbindung in die medizinische Versorgungskette und die Schnittstellendefinition für die teilstationäre und ambulante Rehabilitation stehen jedoch immer noch aus. Neben der medizinischen Indikation spielt bei der ambulanten Rehabilitation die Mobilität des Patienten und die Versorgung in der Häuslichkeit eine wichtige Rolle und sollte, sofern diese Voraussetzungen vorliegen, die Entscheidung zur Verordnung einer ambulanten Rehabilitationsmaßnahme nahe legen.
Inhaltlich erweitert
Die neue Konzeption der ambulan-
ten Rehabilitation hat die ehemalige „Erweiterte Ambulante Physiotherapie“ beziehungsweise „Ambulante Orthopädisch-Traumatologische Rehabilitation“ abgelöst. Sie beinhaltet jetzt, inhaltlich und strukturell erweitert, auch Komponenten der sozialen und beruflichen Rehabilitation. Diese sind in den Rahmenempfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Frankfurt/Main, vom 20. Oktober 2000 für die „Ambulante Muskuloskelettale, Neurologische und Kardiologische Rehabilitation“ verankert. Mit diesem Ansatz wird dem Paradigmenwandel von der ehemals allein struktur- und diagnosebezogenen Wiederherstellung von Funktionsstörungen zur umfassenden Rehabilitation von Fähigkeitsstörungen und sozialen Beeinträchtigungen der Patienten Rechnung getragen.
Eine Optimierung des Prozessma-
nagements, insbesondere eine engere Verknüpfung zwischen Krankenhäusern, Praxen und Rehabilitationsein-
richtungen sowie die Beschleunigung und Entflechtung der administrativen Zwänge im Interesse eines verzugslosen Rehabilitationsbeginns, ist jedoch dringend erforderlich.
Eine Neukonzeption des medizinischen Qualitätsmanagements beispielsweise durch Erstellung von Bewertungsinstrumenten in Anlehnung an die ICIDH (International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps) und darauf basierende weitere, vorzugsweise prospektive, Multicenterstudien sollten erfolgen, um umfas-
sende und statistisch hinterlegbare Er-
gebnisse veröffentlichen zu können. Entsprechende Verfahren wie der IRES-Fragebogen (Indikatoren des Reha-Status) oder der FFBH (Funktionsfragebogen Hannover) gibt es bereits an einzelnen Einrichtungen. Die Medizi-
nischen Dienste der Krankenkassen
wenden im Rahmen der sozialmedizinischen Begutachtung die ICIDH an und sollten bei der Etablierung solcher
Instrumente einbezogen werden.
Der Bedarf für ambulante Formen der Rehabilitation ist derzeit noch nicht konkret bestimmt. Er stößt teilweise auch auf Widerstände, vermutlich unter anderem auch deshalb, weil er, insbesondere in Zeiten rückläufiger Antragseingänge und Minderbelegungen in vielen Rehabilitationskliniken, die Interessen der bereits vorhandenen Anbieter von rehabilitativen Leistungen berührt.
Die Therapie ist geeignet, in kürzester Zeit zu besseren funktionellen
Ergebnissen zu führen, die Gefahren von Wiederholungsverletzungen und Spätschäden zu mindern sowie dem
Patienten mehr Partizipation am beruflichen und sozialen Leben zu ermöglichen. Die Fortführung und Optimierung der Rehabilitationsmethode ist
gerechtfertigt. Die Kostendiskussion im Gesundheitswesen sollte jedoch nicht zur Folge haben, dass angesichts leerer Kassen Quantität und Qualität der
Therapie schlechter werden, sondern dass durch Optimierung von Therapie- und Administrationsprozessen das hohe
Niveau der (Rehabilitations-)Medizin erhalten und verbessert werden kann.

Literatur beim Verfasser
Dr. med. Uwe Kalinka
E-Mail: rehazentrum-dresden@t-online.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema