ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Europäisches Ärzteforum in Berlin: Meinungsaustausch auf internationaler Ebene

POLITIK

Europäisches Ärzteforum in Berlin: Meinungsaustausch auf internationaler Ebene

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-674 / B-576

Lenze, Susanne

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LNSLNS Die Arbeitsbedingungen für Mediziner haben sich in allen 51 Mitgliedsländern des Forums verschlechtert.
Wir sind kein beschlussfähiges Gremium, kein Verein, sondern ein einmaliger Club – ein Marktplatz“, sagte Dr. med. René Salzberg, Generalsekretär der einzigen paneuropäischen Ärzteorganisation EFMA/
WHO (European Forum of Medical Associations and World Health Organization), bei einer Pressekonferenz Anfang Februar in Berlin. „Wir sprechen nicht über Krebserkrankungen oder über Chirurgie, sondern über verschiedene Gesundheitssysteme und die Qualität der ärztlichen Versorgung“, beschrieb Dr. med. Mila Garcia-Barbero vom Regionalbüro der WHO in Barcelona das Europäische Forum der Ärzteverbände und der WHO. Der Club tagte vom 7. bis zum 9. Februar erstmals in Berlin.
Diskussionen über Gesundheitsreformen 1984 gründete die WHO in Kopenhagen ein gemeinsames Forum mit den europäischen Ärzteverbänden. Mittlerweile zählt der Zusammenschluss 51 Mitglieder, 41 davon waren zu Gast in Berlin. „Der Kreis der mitwirkenden Verbände reicht inzwischen von Island bis nach Russland und umfasst auch Länder wie Aserbeidschan und Kasachstan sowie Tatschikistan“, sagte Salzberg. Jede demokratisch und frei gewählte Ärztegesellschaft eines Landes könne Mitglied im Forum werden.
Auf dem Programm standen Vorträge und Diskussionen über Gesundheitsreformen in Europa, Anti-Tabak-Kampagnen, Telemedizin, Burnout-Syndrom bei Ärzten sowie über die gegenseitige Anerkennung von Diplomen und Qualifikationen. Zum Burnout-Syndrom äußerte sich Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Hierbei handele es sich nicht um eine „eigensüchtige Angelegenheit“ der Ärzte. Die Arbeitsbedingungen der Mediziner und die Möglichkeiten der Patientenversorgung seien in allen Ländern schlechter geworden. Die hohe Arbeitsverdichtung, Dauereinsätze von 30 Stunden am Stück, unbezahlte Überstunden und schlechte Bezahlung haben viele Ärzte demotiviert. Der sich abzeichnende Ärztemangel werde die Situation weiter verschärfen und habe jetzt schon zur Konsequenz, dass Stellen nicht mehr nachbesetzt werden können.
„Mit Managed Care, Primärarztmodellen und staatlicher Qualitätssicherung haben viele Länder bereits Erfahrungen gemacht, die uns besser erspart blieben“, sagte Hoppe. In Großbritannien sei der Ärztemangel besonders ausgeprägt. In den Niederlanden dauern die Wartezeiten auf fachärztliche Versorgung oft Monate. In der Schweiz habe sich das Hausarztprinzip mit Lotsenfunktion für die Patienten nicht bewährt, fügte Hoppe hinzu. Dort müssten viele Familien aus staatlichen Töpfen unterstützt werden, weil die finanzielle Belastung untragbar geworden sei. Hätte die Bundesregierung nur den Mut, Ergebnisse ausländischer Reformen anzusehen, so würde sie feststellen, dass viele Reformideen Irrwege sind, betonte Hoppe. Viele Praxen auf dem Lande seien wegen geringer Einnahmen nicht mehr zu halten.
Auf die abschließende Frage an Garcia-Barbero, „welches Gesundheitssystem ist für Sie weltweit das beste?“, antwortete sie diplomatisch lächelnd: „Bisher keines.“ Susanne Lenze
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