ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Psychologische Psychotherapeuten: „Wir sind enttäuscht“

POLITIK

Psychologische Psychotherapeuten: „Wir sind enttäuscht“

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-676 / B-578 / C-543

Bühring, Petra

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Die Psychologischen Psychotherapeuten fordern mehr Mitwirkung. Foto: Heribert Joisten
Die Psychologischen Psychotherapeuten fordern mehr Mitwirkung. Foto: Heribert Joisten
Die Integration in die Strukturen der kassenärztlichen Versorgung ist aus Sicht der Psychologischen Psychotherapeuten nicht gelungen.
Wir sind enttäuscht.“ Hans-Jochen Weidhaas, Vorsitzender der Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten, brachte die Stimmung während des 4. Deutschen Psychotherapeutentages Ende Februar in Hamburg auf den Punkt. „Die Selbstverwaltung ist nicht mehr in der Lage, unsere Probleme zu lösen“, beklagte Weidhaas.
Rund vier Jahre nach In-Kraft-Treten des Psychotherapeutengesetzes, das die Integration der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in die vertragsärztliche Versorgung regelte, ist von der ursprünglich euphorischen Stimmung nicht viel übrig geblieben. Die Vergütungsfrage ist immer noch ungeklärt. Versorgungsdefizite bestehen besonders in den neuen Bundesländern. Bundesweit fehlen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Die Integration in die Gremien der kassenärztlichen Versorgung ist nach Meinung der Psychotherapeuten immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Auch in die Versorgung chronisch kranker Patienten im Rahmen der Disease-Management-Programme wurden die Psychologischen Psychotherapeuten bisher nicht eingebunden.
Zur Lösung des Vergütungsproblems schlagen die Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten und der Deutsche Psychotherapeutenverband e.V. (DPTV), die nach eigenen Angaben rund zwei Drittel der Psychologischen Psychotherapeuten vertreten, eine „Organisationsreform“ der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) vor. Dabei sollen Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten jeweils eine selbstständige Interessenvertretung bilden mit einem eigenen Verhandlungsmandat gegenüber den Krankenkassen. Dieses Modell – eine Sektionierung der KVen – wurde während der Podiumsdiskussion von den beiden Bundestagsabgeordneten Horst Schmidbauer (SPD) und Dr. med. Hans Georg Faust (CDU) unterstützt. Zurzeit werden Psychologische Psychotherapeuten den Fachärzten zugerechnet und aus dem Facharzttopf vergütet – was zu Spannungen führt. In einem reformierten Modell wollen die Psychotherapeuten mit den Hausärzten kooperieren. „Wir fühlen uns den Hausärzten näher“, betonte Weidhaas. Auch Dr. med. Diethard Sturm, stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands e.V., attestiert „eine enge Verzahnung mit den Psychotherapeuten“. Die Psychotherapeuten sehen die Hausärzte jedoch nicht als „Lotsen“ im Gesundheitssystem. „Das Erstzugangsrecht der Patienten zu einem Psychotherapeuten seiner Wahl muss uneingeschränkt erhalten bleiben“, betonte der stellvertretende Präsident des DPTV, Detlef Kommer. Die Funktion des Lotsen für psychisch kranke Patienten könne auch der Psychotherapeut einnehmen, meint Faust.
Im Rahmen der Disease-Management-Programme könnten Psychotherapeuten psychologische Interventionen zur Bewältigung der chronischen Erkrankungen anbieten, zum Beispiel in Form von Patientenschulungen und Verhaltenstraining. Ein Konzept für die vier Krankheitsbilder (Diabetes mellitus, Asthma, koronare Herzkrankheit und Mammakarzinom) hat die Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten beim letzten Psychotherapeutentag im Februar 2002 in Mannheim vorgelegt. Die Kompetenzen der Berufsgruppe seien seitdem jedoch von der Selbstverwaltung „in keinem einzigen Punkt“ beachtet worden, kritisierte Weidhaas. Die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Nordrhein, Monika Konitzer, beklagte, dass bei der KV Nordrhein ihr Konzept zur psychosozialen Versorgung bei Brustkrebs-Patientinnen mit Mammakarzinom „im Sande verlaufen“ sei.
Nicht nur in Bezug auf die Chroniker-Programme werde den Psychotherapeuten kein Mitspracherecht eingeräumt. Auch in den KVen hätte die Berufsgruppe kaum Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen, da die Mitwirkung der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auf zehn Prozent aller Vertreter beschränkt ist. „Man wird einfach immer überstimmt“, beschrieb eine Psychotherapeutin aus dem Publikum die Situation. Der SPD-Abgeordnete Schmidbauer erklärte seine Bereitschaft zur Unterstützung: „Wir brauchen mehr Mitwirkung der Psychotherapeuten.“ Allein der stellvertretende Leiter der Vertragsabteilung des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen e.V., Thomas Ballast, hatte kein Verständnis: „Die Mitwirkungsrechte sind vorhanden.“ Er machte die Uneinigkeit der psychotherapeutischen Berufsverbände für den fehlenden Einfluss verantwortlich. Doch die Psychotherapeuten sind auf dem besten Weg zu mehr Einigkeit: DPTV und die Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten kooperieren seit einiger Zeit und haben erstmals gemeinsam einen Psychotherapeutentag durchgeführt. Petra Bühring
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