ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Ambulante Neuropsychologie: Vom Aus bedroht

POLITIK

Ambulante Neuropsychologie: Vom Aus bedroht

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-677 / B-579 / C-544

Hübener, Karin

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LNSLNS Die Krankenkassen lehnen immer öfter eine Kostenerstattung ambulanter neuropsychologischer Leistungen ab.
Menschen nach Schlaganfällen oder schweren Unfällen mit Kopf- und Hirnverletzungen haben bei rechtzeitiger neuropsychologischer Diagnostik und Therapie gute Chancen, ihre Fähigkeiten wieder herzustellen und bleibende Behinderungen zu vermeiden. Angewandt wird Neuropsychologie in der stationären Akutbehandlung, der stationären Rehabilitationsbehandlung sowie in der ambulanten Weiterbehandlung. Die ambulante neuropsychologische Versorgung hirngeschädigter Patienten droht jedoch zusammenzubrechen. Grund: die zunehmende Praxis der Krankenkassen, die Kostenübernahme für neuropsychologische Leistungen abzulehnen.
Neuropsychologie ist keine Ergotherapie
Ambulante Neuropsychologie ist keine Regelleistung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie, ansässig bei der Bundes­ärzte­kammer, erkannte die neuropsychologische Therapie zwar für „Hirnorganische Störungen“ bei Erwachsenen als wissenschaftliches Therapieverfahren an. Aufgrund der auf wenige Anwendungsbereiche begrenzten Wirksamkeitsnachweise wurde sie jedoch nur als Zusatzverfahren in der Ausbildung für Psychologische Psychotherapeuten beziehungsweise Zweitverfahren in der ärztlichen Weiterbildung empfohlen – nicht für die vertiefte Ausbildung beziehungsweise als Hauptverfahren. Dies wäre die Voraussetzung für die Anerkennung als Richtlinien-Psychotherapie-Verfahren durch den Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen. Ambulante Neuropsychologie wurde jedoch bisher von den Krankenkassen im Rahmen der Kostenerstattung bezahlt. Es gab eine Empfehlungsvereinbarung zwischen den Spitzenverbänden der Krankenkassen, ambulante neuropsychologische Therapie auf diesem Weg zu vergüten. Dies wird nun immer schwieriger: Die Kassen verweisen auf die „Richtlinien über die Bewertung ärztlicher Untersuchungs- und Behandlungsmethoden“ nach § 135 Abs. 1 SGB V (BUB-Richtlinien), die die Möglichkeit der Kostenerstattung nur noch dann vorsehen, wenn lebensbedrohliche Zustände vorliegen oder schwerste irreversible Behinderungen in den nächsten Wochen zu befürchten sind, sowie auf den am 1. Mai 2001 in Kraft getretenen Heil- und Hilfsmittelkatalog – in dem „Hirnleistungstraining“ und „neuropsychologisch orientierte Behandlung“ als Leistungen der Ergotherapie definiert werden.
Neuropsychologische Therapie ist jedoch keine Ergotherapie. Für die Therapie krankheitsbedingter Störungen der neuropsychologischen Hirnfunktionen sind Ergotherapeuten wegen unzureichender Ausbildung auf dem Gebiet der Klinischen Neuropsychologie nicht qualifiziert. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat auch festgestellt, dass „Aufgaben- und Funktionsspektrum von klinischer Neuropsychologie und Ergotherapie sowie deren jeweiliger professioneller Hintergrund wesentliche Unterschiede“ aufweisen. Wenn Ergotherapie statt neuropsychologischer Therapie erbracht wird, ist dies eine gravierende Fehlversorgung.
Neuropsychologische Therapie ist im Sinne der Psychotherapie-Richtlinien keine Psychotherapie. Sie stellt ein eigenständiges für die Behandlung hirngeschädigter Patienten in rasanter Entwicklung begriffenes Behandlungsverfahren bei Leistungs-, Erlebens- und Verhaltensbeeinträchtigungen sowie bei Störungen hirnorganischer Ätiologie dar. Sie wird von Klinischen Neuropsychologen durchgeführt, die eine postuniversitäre Zusatzausbildung haben. Die Gesellschaft für Neuropsychologie als größte bundesweite Fach- und Berufsgesellschaft der Klinischen Neuropsychologen mit mehr als 1 000 Mitgliedern sowie der Verband niedergelassener Neuropsychologen als Berufs- und Fachverband bieten jeweils ein Curriculum an, das mit der Zertifizierung zum Klinischen Neuropsychologen abschließt und vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen als Zusatzqualifikation für die Abrechnung ambulanter neuropsychologischer Behandlungsleistungen anerkannt ist.
Ambulante Behandlung kostengünstiger
Auf der Grundlage neuropsychologischer Diagnostik werden die kognitiven Defizite und Störungen erfasst, aber gleichgewichtig auch die verbliebenen Fähig- und Fertigkeiten, auf denen die Behandlungsmaßnahmen aufbauen können. Gerade im ambulanten Bereich geht es oft darum, dass hirnorganisch geschädigte Patienten lernen müssen, mit den verbliebenen Veränderungen, Defiziten und Störungen zu leben. Eine aufwendige psychische Integrationsarbeit ist Voraussetzung für die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen am Heilungs- und Rehabilitationsprozess beteiligten Berufsgruppen wie den Hausärzten, Neurologen, Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten.
Aufgrund der zunehmenden Ablehnung der Krankenkassen, die Kosten ambulanter neuropsychologischer Diagnostik- und Therapiemaßnahmen zu übernehmen, müssen niedergelassene Klinische Neuropsychologen Patienten empfehlen, sich um eine stationäre Behandlung zu bemühen. Dies ist jedoch gerade im Zuge der angestrebten Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen kontraproduktiv.

Dr. paed. Karin Hübener,
Psychologische Psychotherapeutin, Klinische Neuropsychologin, Zweite Vorsitzende des Verbandes Niedergelassener Neuropsychologen
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