ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Wissenschaftssprache: Begriffe ohne Anschauung

THEMEN DER ZEIT

Wissenschaftssprache: Begriffe ohne Anschauung

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-681 / B-583 / C-547

Dinkel, Lothar

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Zeichnung: Reinhold Löffler
Zeichnung: Reinhold Löffler
In der Wissenschaft muss man stets aufs Neue den Grundgehalt der verwendeten Begriffe überprüfen, was nur über die Anschauung, die sie vermitteln, möglich ist.
Mit dem Augenblick, da es – im Gegensatz zum Tierreich – jedem Einzelmenschen ermöglicht war, sich mehr oder weniger seine eigene Sprache bis hin zur höchst persönlichen Mundart zu formen, begann, was wir gemeinhin Kultur nennen. Denn jede Sprache ist eben nicht nur ein bloßes und zufälliges Verständigungsmittel, sondern zugleich auch immer eine eigene Meinung, Ausdruck einer eigenen Weltanschauung – ein prachtvolles Kunstwerk. Darum geht mit der Preisgabe der eigenen Sprache auch stets die eigene Kultur unwiederbringlich zugrunde.
Die Sprache – und das gilt für jede Muttersprache – ist nicht, wie viele meinen, von Gelehrten zur Blüte gebracht oder gar erfunden worden. Unsere Urahnen besaßen keine akademische Bildung, und bereits sie haben aus innerem Bedürfnis und Freude am Schönen und Vielfältigen sprachliche Unterscheidungen geschaffen, die erstaunlicherweise weit über das hinausgingen, was an Verständigung für ihren alltäglichen Umgang, das heißt die Sicherung ihres bescheidenen Lebensunterhalts und die Äußerung ihrer allgemeinen Gefühle, unerlässlich war. So ordneten sie beispielsweise jedes Hauptwort einem Geschlecht zu und unterschieden dazu nach Zahl, Fall und Bestimmtheit. Man weiß nicht, warum sie das taten – aber bestimmt nicht aus Tölpelhaftigkeit, auch wenn der sprachliche Reichtum mit unserer „Zivilisation“ mehr und mehr schwindet und gar nicht mehr als etwas Kunstvolles empfunden wird.
Was hat aber dies alles mit einer weltweiten einheitlichen Fachsprache zu tun, die man heute in den Wissenschaften – und was wird heute nicht wissenschaftlich betrieben – allenthalben fordert? Zum Glück recht wenig! Aber gerade dessen sollten wir uns eben bewusst bleiben, bevor wir uns vorschnell von der Fachsprache her über eine allgemeine Weltsprache auch menschlich „uniformieren“.
Eine Wissenschaftssprache muss nicht, wie ein Kunstwerk, erbaulich sein, sondern dient im Allgemeinen nur der kürzesten, farblosen Mitteilung eines nüchternen Sachverhalts. Sie begnügt sich oft mit bloßen Benennungen (Namen). Noch einfacher ist die Bezeichnung mit Zahlen oder Buchstaben, wie dies bei den chemischen Formeln üblich ist. Eine früher schon unentbehrliche Zeichensprache war das Morsen auf See, das der Digitalisierung der heutigen Rechner ähnlich ist.
Doch es gab damals keinen Matrosen, der sich auch im abendlichen St. Pauli durch Morsezeichen verständigen wollte, was beweist, dass die nützliche Zeichensprache, wie überhaupt jede Fachsprache, ein notwendiges Übel bleibt, das man nicht um seiner selbst willen pflegt. Dabei ist festzuhalten, dass Begriffe aus Sprachen, deren man nicht mächtig ist, meist gar nicht als Begriffe, sondern nur als bloße Namen erscheinen. Das Gehirn arbeitet aber sehr wesentlich mit Vorstellungen, die untereinander vernetzt sind, und nicht mit einer Fülle von Bezeichnungen, die man in immer kleinere Bestandteile „auffingern“, das heißt digitalisieren, kann (lateinisch „digitus“ = Finger).
In der Medizin bediente man sich schon früh, wie allgemein in der gelehrten Welt des Abendlandes, des von vielen griechischen Begriffen durchsetzten Lateins, das seinerseits mehr oder weniger in die sich damals entwickelnden europäischen Kultur- und Nationalsprachen eindrang, aber nicht umgekehrt. Das klassische Latein blieb nirgends als Volkssprache lebendig, wurde jedoch als kunstvolles, wenn auch „totes“, also unveränderliches, aber um so verlässlicheres Gebilde europäische Wissenschaftssprache. Damals verlangte man von dem angehenden Arzt nicht nur ein Latinum und Graecum als Zugangsvoraussetzung zur medizinischen Fachsprache, sondern ein Philosophikum als Zugangsvoraussetzung zur gesamten Wissenschaft.
Diese breite Grundlage ist Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben worden. Der Medizinstudent konnte die gewaltigen Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft (physika) nicht außer Acht lassen, die seinem Fach größte Erfolge beschert hatten. Man verlangte ihm jetzt anstelle des Philosophikums ein Physikum ab. Doch die alten Sprachen blieben dessen ungeachtet die Grundlage wissenschaftlicher Ausdrucksweise. Deren Begriffe behielten somit ihre Anschaulichkeit.
Anders war es nach dem Zweiten Weltkrieg: Graecum und Latinum verschwanden mehr und mehr aus dem Lehrplan höherer Schulen, sodass sich auch die Ärzte mit ihrer Terminologie schwer taten. Das Erstaunliche: Nicht nur bei diesen, sondern der mehr oder weniger gehobenen Schicht überhaupt hat seit dem Schwund der klassischen Bildung die gedankenlose Verwendung griechisch-lateinischer Begriffe in einem ungeahnten, ja geradezu beängstigenden Umfange zugenommen, wenn sie auch meist zu bloßen, oft gar anglisierten Fremdwörtern verkümmert sind, von denen zwar jeder in etwa zu spüren glaubt, was gemeint ist, die aber doch eine eigentliche, das heißt klare, Vorstellung längst vermissen lassen.
Dieser Verlust ist dem Denken höchst abträglich, denn: „Begriffe ohne Anschauung sind leer.“ (Kant)!
Die zivilisierte Welt hat zwar viele neue Begriffe geschaffen, aber deren Anschaulichkeit sträflich vernachlässigt, wie man schon an dem völlig leeren Ausdruck „zivilisiert“ selbst erkennt. Man nahm ihnen „alle Farben, alle Lebenstöne, und uns blieb nur das entseelte Wort“. (Schiller)
Das gilt besonders in der Medizin. Was wir heute unbedacht nachplappern, ist der ursprünglichen Bedeutung nach oft Unsinn. Dass Chirurg nichts anderes als Handwerker bedeutet, mag manchem noch geläufig sein. Aber schon der Orthopäde ist der ursprünglichen Bedeutung nach ein „gerades Kind“, der Logopäde ein „Wortknabe“, und richtig müssten sie „Orthopädeuten“ und „Logopädeuten“ heißen. Wenn die Arthritis eine Entzündung, die Arthrosis eine Abnützung der Gelenke ist, dann ist die Neuritis eine Nervenentzündung, die Neurose aber plötzlich eine Verhaltensstörung, die nicht in die Hand des Neurologen, sondern des Psycho-Fachmanns gehört. Doch um die Seele streiten sich bereits ein „Psycho-Loge“, ein „Psych-Iater“ und ein „Psycho-Therapeut“, auch der „Psych-Agoge“ ist vielleicht im Kommen. Manche nennen sich gar „Psychosomatiker“, und vielleicht wird es auch bald für Kranke, die den Verstand verloren haben, den „Logologen“ oder „Noologen“ geben. Die Helferinnen des Arztes sind zu technischen Assistentinnen, die Masseure gar zu Physiotherapeuten geworden. Nur die unschätzbaren Schwestern, Pfleger und Hebammen, die dem Kranken seelisch am meisten geben, blieben sich selbst treu.
Es gibt heute weltweit nur noch recht wenige Ärzte, die Griechisch und Latein überhaupt verstehen, das heißt mit dem Gesamtwortschatz und Formenreichtum dieser Sprachen vertraut sind, – was aber unerlässlich ist, wenn Begriffe aus den alten Sprachen anschaulich und nicht nur reine Namen bleiben sollen, deren Bedeutung stumpfsinnig über eine Terminologie auswendig gelernt wurde. In der Wissenschaft muss man stets aufs Neue den Grundgehalt der verwendeten Begriffe überprüfen, was nur über die Anschauung, die sie vermitteln, sauber möglich ist. Von Verwandtem kann man sich leichter „ein Bild machen“ als von Fremdem. Alle Begriffe erhalten Tiefe, Bestimmtheit und Farbe erst durch die Wort- und Silbenfamilien, denen sie entstammen.
Wenn jemand etwas als „irrelevant“ bezeichnet, so fängt er selbst mit diesem Wort gar nichts an, sondern ahmt nur denjenigen nach, von dem er dies voller Bewunderung gehört hat. Da dieses Wort aber für ihn, im Gegensatz zum Lateiner, nicht in eine größere Wort- und Stammsilbenfamilie und damit Anschaulichkeit eingebettet ist, kann er die Frage, was dieses Wort eigentlich bedeuten soll, auch nicht aus dem Stand heraus beantworten, sondern greift zunächst einmal zu der inzwischen bei manchem gelehrten Redner kürzesten, aber auch häufigsten Äußerung „äh . . .“, die ihm die Zeit sichert, sich auf seine Muttersprache zu besinnen; denn es ist ihm nicht geläufig, dass das lateinische „ir-re-levant“ wortwörtlich „un-er-heblich“ heißt. Es stört ihn auch nicht, wenn jemand statt irrelevant „illerevant“ sagt, wohl aber, wenn jemand statt unerheblich „unerbeblich“ sagen würde. Das Bedürfnis nach anschaulichen und deshalb lebendigen Begriffen ist ihm auch im Umgang mit sich selbst mehr und mehr abhanden gekommen, ohne dass ihm das bewusst oder gar von ihm als Verlust empfunden wird. Aus seinem anschaulichen und farbigen „eigenen Ich“ ist im Handumdrehen eine verblasste, nichts sagende „Identität“ geworden, „indem weit mehr die Menschen von der Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen“ (Fichte). Mit der Vielfalt der Muttersprache schwindet auch die Vielfalt des Gemüts.
Unvergorener Mischmasch
Begegnet man dieser Verarmung schon allenthalben in der täglichen Umgangssprache, so tritt sie in wissenschaftlichen Vorträgen in einem besonders bedenklichen Maße zutage. Damit sind nicht die wenigen, oft schwer zu veranschaulichenden Termini technici gemeint, um die man in keinem Fachgebiet herumkommt, sondern die allgemeine Überladung der Sprache des Vortragenden mit Fremdwörtern, die nur die Leere der Aussage verdecken sollen und keinerlei Anschauung mehr vermitteln. Ist man, nur weil man als Koryphäe – oder „Konifere“, wie manche sagen – gilt, seinem Ruf schuldig, stets eine therapeutische Behandlung zu empfehlen, anstatt sich mit einer bloßen Behandlung (griech.: therapia) zu begnügen? Man spricht von experimentellen Versuchen, von einer innovativen Erneuerung, einer konsequenten oder gar konsekutiven Folge, einer institutionellen oder gar institutionalisierten Einrichtung, von radioaktiven Strahlen oder einem zirkulären Kreislauf und fordert eine kooperative Zusammenarbeit. Wir reden doch in unserer Muttersprache auch nicht gedankenlos von einem runden Kreis, von nassem Wasser oder einer warmen Hitze. Muss man über Suizidalität referieren, statt über den Freitod zu berichten? Stimmt es nicht bedenklich, wenn im öffentlichen Streit um die Zulassung der embryonalen Stammzellenforschung ein hochrangiger Redner mit den Worten „Ich finde das unmoralisch und sittenwidrig, darüber hinaus unethisch, inhuman und zutiefst unmenschlich!“ tosenden Beifall erntet, aber bestimmt nicht die Bauersfrau, die ihre ablehnende Einstellung mit den einfachen Worten „Ich finde das unanständig“ viel kürzer und treffender auf den Begriff bringt und damit beglückend anschaulich macht, dass uns solches Verhalten – warum auch immer – einfach „nicht ansteht“? Berührt es nicht eigenartig, wenn im Fernsehen eine Ärztin die Bevölkerung in allgemein verständlichem Deutsch über den Zusammenhang von Schlaganfall, Hirnrinde und Lähmung aufklärt, dabei einen namhaften Kliniker zu Wort kommen lässt und dann als Dolmetscherin auftreten muss, da der hohe Herr nur von Apoplex, Cortex und Parese zu reden weiß? Hier schleicht sich schnell der Verdacht ein, dass ein solcher Mediziner vor lauter Fachbegriffen gar nicht mehr zum Arzt-Patienten-Gespräch befähigt ist, sondern vermutlich auch in seiner Klinik die Erhebung der Anamnese, einst Schatzgrube aller ärztlichen Diagnostik, seinen Nachgeordneten und vielleicht in einigen Jahren dem Computer überlassen zu können glaubt, da nur noch Begriffe, aber keine Anschaulichkeit derselben und damit keine Vertraulichkeit und kein Einfühlungsvermögen mehr gefragt sind.
Die heutige Wissenschaftssprache ist längst ein unvergorener Mischmasch aus verwildertem Englisch und misshandelten, oft bis zur Unkenntlichkeit entstellten lateinischen und griechischen Wortstücken, der die Umgangssprachen zu ersticken droht; denn wer wollte nicht auch im Alltag so gebildet erscheinen wie ein Gelehrter. Auch dem Englischen als einer schönen Muttersprache ist es abträglich, wenn man es allen anderen Muttersprachen als Weltsprache überordnen will, sodass es nicht mehr im freien Spiel der Kräfte gefordert ist. Wollen wir demnächst auch beim edlen Wettstreit (Concertamen) der Musik vereinfachend C-Dur zur „Welttonart“ erheben?
Kenntnis der alten Sprachen
Die gründliche Kenntnis der alten Sprachen, auf deren Trennschärfe die gesamte abendländische Wissenschaft und Geistesbildung ruht, muss als strenge Schulung des Denkens wieder zum unabdingbaren Rüstzeug des Medizinstudenten gehören. Wer seinen Geist schärfen will, kann auch des Schleifsteins nicht entbehren. Je aussagekräftiger eine Studie an sich, umso weniger bedarf es der Worte, sie vorzustellen: Je wertvoller die Perle, umso bescheidener kann die Fassung sein. Bleibt also nur noch ein Wort zu dem treuherzigen Einwand: „Wir können doch heute in unserer ,globalen‘ Welt nicht ohne Einheitssprache leben!“
Die Welt war immer „weltweit“, und die Menschheit ist auch ohne Weltsprache bis zum Mond vorgedrungen und wird auch ohne Englisch nicht untergehen. Wir lesen doch heute die Zeit auch nicht mehr an einer Sonnenuhr ab und wissen dennoch auch ohne Schatten viel genauer, wie viel Uhr es ist. Und so werden wir künftig durch ein kleines Knöpfchen im Ohr und das kaum auffällige Sprechröhrchen in Kehlkopfnähe dank eines winzigen Rechners in der Lage sein, der Anschaulichkeit unserer Sprache auch im fremden Lande freien Lauf zu lassen, des anderen fremde Worte in unserem Ohr auf Deutsch zu vernehmen und unsere eigenen Worte in bestem Spanisch in des anderen Ohr zu wissen. Das wäre wahrer Fortschritt.

Meinem verehrten Lehrer Prof. Dr. Hans-Georg Gadamer gewidmet

Dr. med. Lothar Dinkel
Clußstraße 6, 74074 Heilbronn
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