ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003E-Health und E-Commerce in der Praxis: Mehr Qualität und Effizienz

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E-Health und E-Commerce in der Praxis: Mehr Qualität und Effizienz

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-683 / B-585 / C-549

Krüger-Brand, Heike E.

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Alles auf einen Blick: Bildschirmansicht der in der Klinik Münsterland verwendeten elektronischen Patientenakte (Lösung der Firma Optimal Systems, Berlin)
Alles auf einen Blick: Bildschirmansicht der in der Klinik Münsterland verwendeten elektronischen Patientenakte (Lösung der Firma Optimal Systems, Berlin)
Elektronische Kommunikation trägt dazu bei, die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Kosteneinsparungen durch E-Commerce sind jedoch erst mittel- bis langfristig zu erzielen.
E-Health ist ein wichtiges Feld für eine zukunftsorientierte Gesundheitspolitik geworden“, betonte Manfred Beeres vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) in seiner Einführungsrede bei der 5. E-Health-Konferenz von MedInform in Berlin. „E-Health-Treiber“ seien vor allem Disease-Management-Programme, die integrierte Versorgung, Fallpauschalen im Krankenhaus und Entwicklungen innerhalb der EU, wie zum Beispiel der Aktionsplan eEurope 2005 mit hohen Investitionen im Bereich Gesundheit. Im Mittelpunkt der BVMed-Veranstaltung standen elektronische Anwendungen im Gesundheitswesen, wie die elektronische Patientenakte, vernetzte Strukturen im Krankenhaus und elektronische Beschaffungsprozesse.
Rationalisierungspotenzial
Zwischen 20 und 40 Prozent der Leistungen im Gesundheitswesen seien Datenerfassungs-, Wissensverarbeitungs- und Kommunikationsleistungen, die mit IT-Technik erheblich rationeller und qualitätssteigernd gestaltet werden könnten, meinte Dr. Stefan Bales vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Bonn. Exemplarisch hierfür sei der Krankenhausbereich, in dem Ärzte sich häufig mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Informationsverarbeitung, zum Beispiel für administrative Zwecke, beschäftigen müssten. Einen großen Vorteil versprächen Informations- und Kommunikationstechnologien auch bei der Qualität der medizinischen Behandlung, wenn beispielsweise wichtige Gesundheitsinformationen der Patienten – insbesondere zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen – schneller und strukturierter ausgetauscht würden. Hier setzt die Bundesregierung auf die elektronische Gesundheitskarte (siehe DÄ, Heft 49/2002). Die Karte soll ab 2006 in Verbindung mit elektronischen Heilberufsausweisen innerhalb einer umfassenden Tele­ma­tik­infra­struk­tur flächendeckend eingeführt werden.
Nicht zwangsläufig weniger Kosten
Dass elektronische Kommunikationsprozesse dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, effizienter zu gestalten und die Beschaffungsprozesse zwischen Krankenhäusern und Herstellern zu optimieren, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Zurückhaltender sind einige Experten bei der Einschätzung, ob damit auch Kosteneinsparungen einhergehen werden. Nach Auffassung von Dr. Dieter Sommer, Zentrum für angewandte Gesund­heits­förder­ung und Gesundheitswissenschaften, Berlin, wird der technische Fortschritt in der elektronischen Kommunikation eher zu einer Qualitätssteigerung als zu Kosteneinsparungen führen. Beispiel „elektronisches Rezept“: Zwar werden die Kostenträger bei maßvollen Investitionen hohe Einsparungen erzielen. Bei den Apotheken jedoch lägen die Investitionen bereits etwas höher als ihre Einsparungen, wohingegen bei den Ärzten bei hohen Investitionen kaum Einsparungen zu erwarten seien. Die Patienten könnten qualitativ profitieren, wenn sie zum Beispiel verbesserte Informationen erhalten. Sommer verwies darauf, dass 80 Prozent der Ressourcen im Gesundheitswesen für 20 Prozent der Patienten aufgewendet werden. Die Compliance bei chronisch Kranken, wie zum Beispiel Diabetikern, liege nur bei 30 bis 60 Prozent – entsprechend auch die Behandlungseffizienz. Hier sei das Kosteneinsparungspotenzial durch Maßnahmen wie Kosten- und Angebotstransparenz im Gesundheitsmarkt (etwa via Internet), durch Verbesserung des Präventivverhaltens und der Compliance sowie durch aktives Patientenmanagement „gigantisch“. Das Fazit Sommers: „Kosteneinsparungen werden vielmehr durch Veränderungen im individuellen Verhalten des Patienten erreicht. E-Health kann helfen, den Patienten konstruktiv am Leistungsprozess zu beteiligen und das Gesundheitssystem zu demokratisieren.“
Am Anfang der Entwicklung
Die Kluft zwischen den technischen Möglichkeiten einer elektronischen Vernetzung und der Wirklichkeit im Gesundheitswesen ist groß. Die Gründe für die zahlreichen Informations- und Kommunikationsbrüche liegen unter anderem in der Verschiedenartigkeit und mangelnden Integration der vorhandenen Datenformate und IT-Systeme sowie in fehlenden Standards und Normen. Nach einer Umfrage des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden, Wiesloch, unter 122 Krankenhäusern steht beispielsweise die elektronische Patientenakte (EPA) noch ganz am Anfang: Nur zwei Prozent der Häuser arbeiten mit einer EPA, und ebenfalls nur zwei Prozent haben die erfassten Daten auch bei einer Visite am Krankenbett zur Verfügung.
Über die Einführung einer elektronischen Patientenakte in der Praxis berichtete Dr. med. Marion Kalwa, Oberärztin an der Klinik Münsterland der LVA Westfalen für orthopädisch-rheumatologische Erkrankungen. Das Projekt (siehe www.epa.de/reha) sollte historisch gewachsenen Strukturen und neuen technologischen Entwicklungen gleichermaßen Rechnung tragen. Ansatz war eine „Best-of-Breed-Lösung“, bei der Konzepte mehrerer, auf jeweils unterschiedliche Gebiete spezialisierte Anbieter integriert wurden. Elemente des Projekts waren neben der EPA ein Order-Entry-Verfahren (beleglose Erfassung von Aufträgen) für Therapieanforderungen sowie ein Zeit- und Ressourcenmanagementsystem. Hinzu kamen eine weitgehend automatisierte Entlassungsberichtschreibung, die Visualisierung der Labordaten und die elektronische Leistungserfassung. Die bestehenden Subsysteme sind über einen zentralen Kommunikationsserver verbunden, der den datenformatunabhängigen Austausch zwischen den Anwendungen unterstützt. Das System läuft seit einem Jahr im Echtbetrieb. Vorteile sind die Zeitersparnis und der geringere administrative Aufwand, bedingt durch die zentrale Datenhaltung, die einfache Statusverfolgung und die einheitliche grafische Arbeitsoberfläche. Darüber hinaus stehen zusätzliche Recherchemöglichkeiten und strukturierte Daten für statistische Auswertungen und Forschungszwecke zur Verfügung. Die zweite Projektstufe sieht unter anderem den papierlosen Datenaustausch mit den Krankenkassen und mit ausgewählten Akutkliniken vor.
E-Commerce
Das elektronische Beschaffungswesen (E-Commerce beziehungsweise E-Procurement) im Medizinproduktebereich wird sich nach Meinung von Experten mittelfristig durchsetzen, auch wenn die Goldgräberstimmung vorbei ist und sich die überzogenen Erwartungen der ersten Geschäftsmodelle nicht erfüllt haben. Viele Anbieter sind wieder vom Markt verschwunden. Nur wenige E-Commerce-Plattformen, darunter GHX – Global Healthcare Exchange, Medicforma, Medvantis und PLCnet, haben den Zusammenbruch des Neuen Marktes überlebt. Erfolge in diesem Bereich erfordern auch Geduld: „Langfristig sind erhebliche Kostenreduzierungen zu erwarten. Kurzfristig sind jedoch zunächst enorme Investitionen erforderlich. Die Einsparpotenziale liegen beim E-Commerce vor allem bei den Prozesskosten, nicht bei den Einkaufspreisen“, meint Manfred Beeres.
Dies deckt sich mit den Erfahrungen, die Fred Oberhag, Leiter der Abteilung Wirtschaft und Versorgung der Kath. St.-Johannes-Gesellschaft, Dortmund, in einem E-Commerce-Projekt mit dem Anbieter GHX gesammelt hat. Seit Februar 2003 wickelt die Einrichtung ihre Warenbestellungen mit zwölf Unternehmen ausschließlich elektronisch ab. Dies repräsentiert 23 Prozent des Umsatzes. Ab April ist darüber hinaus die elektronische Übermittlung von Rechnungen geplant. Als Vorteile des elektronischen Einkaufs sieht Oberhag vor allem den schnellen und sicheren Datenaustausch, weil Medienbrüche bei Bestellungen, Auftragsbestätigungen und Rechnungen wegfallen, die Reduzierung von Fehllieferungen, die Verringerung der Lagerbestände, die Vereinfachung der Stammdatenpflege und die Zeitersparnis bei administrativen Tätigkeiten. Voraussetzung dafür sei jedoch die tiefe Integration in die Materialwirtschaftssysteme der Krankenhäuser und Hersteller. Sein Fazit: „Einsparungen werden überwiegend durch eine Optimierung der Prozessketten erreicht und lassen sich nur bei gleichzeitiger kritischer Prüfung der Organisationsstrukturen im Einkauf realisieren.“
Viele Krankenhäuser halten sich zurzeit mit Investitionen in E-Commerce-Anwendungen allerdings noch zurück, weil Standardlösungen und Schnittstellen fehlen, ebenso wie eine internationale Standardisierung der Nomenklaturen und Artikelnummern. Heike E. Krüger-Brand
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