ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Polikliniken: Staatsmedizin – Was ist das?
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LNSLNS Was bedeuten Polikliniken in der Wirklichkeit? Was bedeuten die Ziele einer „Staatsmedizin“ überhaupt? Wohin steuert das Ganze? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren: So recht weiß es keiner. Es schweben ökonomische Vorteile vor, wobei die Lenkbarkeit den größten Reiz darstellt. Hat jemand schon überlegt, wohin „Lenkbarkeit“ in dem höchstkomplizierten Medizin-Versorgungsbetrieb führen kann? Gibt es Beispiele?
Das Sowjetmodell ist das einzige Beispiel, das reichlich Erfahrung in diese Diskussion bringen kann. Schemaschko-System. Krankenhaus mit Polikliniken, mit Tschinovnyik-Ärzten, die für Hungerlohn alles geben. Die Krankenhäuser werden durch die Partei „gelenkt“, der Mann, der dort etwas zu sagen hat, ist nicht der Chefarzt, nicht der Direktor, sondern der Parteisekretär. Ein wunderbares System! Kein Ärger mit Selbstverwaltung, mit anderen lästigen Sachen! Das Zentralkomitee gibt die Direktiven aus, unten wird es gemacht, und Schluss (oder: „Basta“. Ggf. „Konjec“).
Und wie läuft das dann in der Wirklichkeit? Es gibt Polikliniken. Ja, sie machen schon um fünf oder sechs Uhr in aller Früh die Tür auf, damit die armen Patienten in der Kälte nicht draußen Schlange stehen müssen. Erst geht es zur „Anmeldung“. Die wird schon um acht Uhr geöffnet! D. h., das kleine Fensterchen wird aufgemacht, und eine lustlose Stimme hallt durch den Flur: „Wer will wohin?“ Jetzt sind es nur noch wenige Stunden, und schon hat man die Chance, auf den nächsten Flur zu kommen, dort vor einer Tür stehen zu dürfen (wer Glück hat, darf sogar einen abgenutzten Stuhl ergattern!), wo z. B „Frauenarzt“ geschrieben steht, auf einem Blatt Papier, mit Bleistift geschrieben, mit Leukoplast angeklebt. Dann erscheint irgendwann eine Schwester, etwas kauend, in der Hand eine Kaffeekanne, und schreit los: „Wer denkt, er wäre schwanger, geht zum Klo Urin abgeben! Wer mit Ausfluss da ist, bleibt vor der Tür 22 stehen!“ – und verschwindet wieder. Jetzt sind es nur noch ein bis zwei Stunden, und wer wieder Glück hat, wird einem jungen Doktor vorgestellt, der im Op.-Hemd (durchgeschwitzt) nervös nach den Beschwerden fragt, etwas zitterig (seine Hände sind vom Hakenhalten erschöpft) untersucht, der schließlich halblaut murmelnd etwas verschreiben lässt, durch die Schwester, versteht sich (die daneben an einem kleinen, abgenutzten Schreibtisch sitzt und nebenbei gerade mit ihrem Mann telefoniert).
Genug? Sollen wir aufhören? Alles Blödsinn?
Wir bestätigen hiermit unter Eid, dass der Alltag in einer Poliklinik so gestaltet ist. In verschiedenen Ostblockländern hatten wir beide die Ehre gehabt, jahrelang in solchen Institutionen zu arbeiten (Sowjetunion und Ungarn). Nicht zufällig wollten wir unter diesen Umständen nicht weiter Ärzte sein! Ausgenutzt, entnervt, zynisch missbraucht mussten wir täglich unsere Patienten auf dem kürzesten Wege so versorgen. Keine langen Gespräche, keine Fragen von „mündigen Patienten“, umständliche „Aufklärungen“. . . . Patienterechte? Gefühl der Geborgenheit? Gefühl der Hilfe in Not? Mitnichten. Desinteresse, Demotivation, Fließbandmedizin, völlig seelenlos, nur das Notwendigste – auch das nicht immer. Schreckliche Zustände! Wer konnte, versuchte mindestens hin und wieder eine Behandlung, einen „richtigen Arzt“ im Westen, wenn auch nur für einige Minuten, zu erwischen. Wer von uns hat nicht Patienten aus der DDR behandelt, mit Medikamenten versorgt? Vor nicht einmal 15 Jahren! Und wir reden jetzt von Polikliniken, über mögliche Züge einer staatlich gelenkten Medizin!
Nun ja, wenn die Ärzte nicht gewillt sind, alles zu tun, was höchstqualitativ notwendig ist, na dann werden wir sie einfach zwingen! Per Gesetz, per Dekret, per institutionalisierter „Qualitätssicherung“.
Nach unserer Erfahrung mit Verordnungen von oben und mit sklavenähnlichen Untertanen da unten möchten wir vor der Öffentlichkeit ein für alle Mal festhalten: Mit Zwang wird man nichts erreichen können! Alle angestrebten Qualitätsansprüche (in der Wirklichkeit Patjomkindörfer für willkürliche Unterdrückung) werden in erheblichen Qualitätsverlust münden. Der Weg der Zerstörung einer bis jetzt immer noch beispielhaften medizinischen Versorgung unserer Patienten ist damit geöffnet.
Ernsthafte Reformvorschläge können nur auf Motivation aller Beteiligten basieren, auf gemeinsamen Interessen der Bevölkerung und der beteiligten Berufsgruppen, die die Versorgung gewährleisten. Rationalisierung bedeutet nicht, durch Kommissionen und Professoren ausgearbeitete, realitätsfremde Vorschriften, sondern Entscheidungen der Betroffenen nach rationalen, das heißt emotionsfreien, Gesichtspunkten. Nicht oben besser wissen, sondern miteinander besser machen, das ist die Kultur, die Deutschland bis jetzt immer vertreten hat. Polikliniken? Wenn alle klar erkennbare Vorteile sehen: ja. Wenn aber nur einzelne oder starke Gruppen sich dadurch zulasten der anderen bevorteilen wollen: nein.
Letztendlich möchten wir noch eins festhalten:
Die Verstaatlichung, die Enteignung, die Kulakenverfolgung und der Zwangseintritt in Kolchosen gehören der Vergangenheit an! Wir fordern ausdrücklich rationelle Rahmenbedingungen zur freien Gestaltung unserer ärztlichen Kunst und lehnen alle Art von staatlicher Gewalt ab. Wir werden uns neuen Perspektiven nicht versperren, wenn wir erkennen können, dass damit die Bedingungen unserer Arbeit wesentlich verbessert werden, aber wir werden energisch gegen Zweideutigkeiten, gegen leere Schlagzeilenprogramme und Verordnungswut kämpfen. Unsere Haltung basiert auf bitteren Erfahrungen sowohl für die Ärzteschaft als auch für die Kranken.
Dr. Eugen Polonski, Goerdeler Straße 55, 42654 Solingen, Dr. Peter Szutrely, Grünewalder Straße 55, 42657 Solingen
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