ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz

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Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz

Herber, Friedrich

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Medizingeschichte
Sachlicher Stil
Friedrich Herber: Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz. Militzke Verlag, Leipzig, 2002, 541 Seiten, 35 SW-Abbildungen, gebunden, mit Schutzumschlag, 29 €
In einer kurzen Bemerkung anstelle eines Vorwortes berichtet der Autor, dass Roland Freisler „ein warmer Freund der Gerichtlichen Medizin“ gewesen sein soll, wie ein prominenter Gerichtsmediziner der Jahre gemeinsamen Wirkens mit dem Mörder in der Robe es formuliert haben soll. Inwieweit aber war die gerichtliche Medizin dem NS-Regime dienstbar, und inwieweit waren Gerichtsmediziner Freunde des Regimes?
Diese Frage zieht wie ein Cantus firmus durch die 20 Kapitel dieses interessanten und lesenswerten Buches.
Die Zeitepoche des Dritten Reiches traf das heute so bezeichnete Fach Rechtsmedizin Anfang der 30er-Jahre zu einem Zeitpunkt, in dem es gelungen war, auf verschiedenen Forschungsgebieten wie der Serologie, der Verkehrsmedizin sowie in der Todesursachenaufklärung wissenschaftliche Akzeptanz und allgemeine Anerkennung zu erwerben. So wird aus dieser Perspektive ein historischer Abriss des Faches einschließlich einer Definition unter dem Aspekt der Interdisziplinarität, ferner eine Übersicht über die Organisation der gerichtsmedizinischen Praxis und die zunehmende Etablierung an den Medizinischen Fakultäten gegeben. Die Persönlichkeiten der Fachvertreter mit ihren individuell sehr unterschiedlichen Verflechtungen mit den staatlichen und parteipolitischen Instanzen werden dargestellt. Es konnte nicht ausbleiben, dass dieses Fach und seine Vertreter mit den verschiedenen Formen der Diskriminierung, der Repression und der Gewaltanwendung konfrontiert wurden, die sich teilweise auch gegen die Fachvertreter selbst wandten.
Breite Berührungsflächen gab es auch zur „wehrgerichtlichen Medizin“. Der Einsatz von Gerichtsmedizinern im Zweiten Weltkrieg wird kasuistisch behandelt.
Darüber hinaus wird die Mitwirkung an der Aufklärung von Völkerrechtsverletzungen, wie zum Beispiel bei der Untersuchung der Massengräber in Bromberg, Katyn und Winniza, dargestellt. Allgemeinere gerichtsmedizinische Themen, wie Leichenschau und Leichenöffnung, Entwicklung der Alkoholanalytik und der Blutgruppenserologie, die Phänomenologie des gewaltsamen Todes in der Heimat, werden behandelt.
Umfassend werden die in den einzelnen Kapiteln dargestellten Sachverhalte dokumentiert. Das Buch belegt das mehr oder weniger stark ausgeprägte Engagement zahlreicher deutscher und österreichischer Rechtsmediziner für das nationalsozialistische Regime, ohne in ideologische Plattitüden zu verfallen. Michael Staak
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