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Hausärztin im Kiez

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): A-697

Schernus, Renate

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Hausärzte
Humaner Umgang
Renate Schernus: Hausärztin im Kiez. Porträt der Anna B. Edition Balance, Psychiatrie-Verlag, Bonn, 2002, 136 Seiten, kartoniert, 9,90 €
Anna B. hat ihre Praxis auf dem Kiez in Berlin. Ihre Patienten sind Menschen wie in jeder anderen Hausarztpraxis auch. Darüber hinaus kommen Drogenabhängige, Zuhälter, Prostituierte, psychisch Kranke und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. An Anna B. fasziniert die Autorin die besondere Grundhaltung, mit der sie ihren Patienten begegnet. Anna B. ist neugierig, immer bereit, von ihren Patienten zu lernen, sich von ihnen in ihren therapeutischen Interventionen leiten zu lassen. Sie bewahrt konsequent ihren ärztlichen Standpunkt, enthält sich sozialer oder kultureller Bewertungen, vermeidet es, den Lebensstil ihrer Patienten an einer gesetzten Normalität zu messen. Jedem, der kommt, gehört ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Das schließt das Herz ihrer Patienten auf und verleitet sie zu Interventionen, die das übliche Handlungsschema einer Hausärztin zu sprengen scheinen. Dem Mann, der mehrfach zu ihr kommt und, ohne dass sich eine Diagnose stellen ließe, über einen kalten Unterleib klagt, kauft sie eine Polar-Unterhose. Für die Kinder, die in ihrem Viertel ohne Gelegenheit zu sinnvoller Freizeitgestaltung aufwachsen, gründet sie einen Fußballverein. Für die Methadon-Patienten, die zur Substitution in ihre Praxis kommen, erfindet sie sinnvolle Jobs, die sie aus einem Fonds bezahlt, der sich aus einem Teil ihres eigenen Einkommens speist.
Immer wieder einmal habe ich mich bei der Lektüre an meinen eigenen Hausarzt erinnert. Auch bei ihm treffe ich im Wartezimmer Menschen, die mir sonst als Psychiatriepatienten begegnen. Auch bei ihm stelle ich ein Engagement fest, das sich wenig um reguläre Arbeitszeiten schert, und finde etwas von der ärztlichen Grundhaltung der Anna B. Vielleicht ist doch sehr wahrscheinlich, dass sich in den Praxen mancher Hausärzte, bei denen nach wie vor die medizinische Basisversorgung liegt, eine Form humanen Umgangs findet, der einer spezialisierten Professionalität nicht – mehr? – möglich ist. Thomas Feld
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