ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003zur Bayer AG: Gefallener Engel

VARIA: Schlusspunkt

zur Bayer AG: Gefallener Engel

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): [100]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Wenn jemand noch eines Beweises bedarf, wie hektisch die Zeitläufe geworden sind, braucht er bloß die Kursveränderungen bei Aktien anzuschauen, selbst bei denen, wo früher Ausschläge von sechs, sieben Prozent im Jahr schon Erstaunen auslösten oder Stirnrunzeln, je nachdem.
Heute sind eben diese Werte wie Bayer, Post oder Siemens, um nur einige wenige der großen deutschen Bluechips zu nennen, mit Kurshalbierungen binnen Jahresfrist fast schon die Normalität denn die Ausnahme. Sind die Märkte verrückt geworden, sind die Anleger völlig übergeschnappt, oder korrigieren die Börsen nur die maßlose Gier der letzten Haussejahre?
Schwierige Fragen, noch komplexere Antworten. Es gibt natürlich auch Werte, die neben all den Sorgen um Konjunktur und Kriegsangst noch darüber hinaus mit ziemlichen Individualproblemen zu kämpfen haben, wie etwa der ehemalige Börsenstar Bayer. Wenn einer vor drei Jahren einen Kurs von 12 Euro für den Leverkusener Konzern prognostiziert hätte, wäre er entweder ausgelacht oder möglicherweise verprügelt worden, sicher aber hätte ihn kein Mensch ernst genommen.
Jetzt mehren sich sogar die Stimmen, die dem gefallenen Engel Bayer deutlich niedrigere Werte attestieren, ihn sogar alsbald in der Pleite sehen. Die Ursache: maßlose Entschädigungsforderungen in Sachen Lipobay/Baycol. Die Antreiber: größenwahnsinnige und geldgierige US-
Anwälte. In den Medien werden dieser Tage doch tatsächlich existenzgefährdende Schadenssummen von bis zu 15 Milliarden Dollar kolportiert. Bei einem Börsenwert von neun Milliarden Euro für den Gesamtkonzern (!) kann sich jeder an fünf Fingern zusammenzählen, was das bedeutet. Droht Bayer etwa der Garaus?
Meines Erachtens ist das alles ziemlich weit hergeholt. Die Börse überschätzt, wenn ich das richtig sehe, die Dimension des Lipobay-Skandals ganz eindeutig. Das Schlimmste zu unterstellen mag ja aus Vorsichtsgründen verständlich sein, angebracht ist es im Falle Bayer eigentlich nicht, hier herrscht Panik pur.
Was hilft, ist der Vergleich. Die US-Firma Wyeth musste tatsächlich 14 Milliarden Dollar wegen nachgewiesener Fahrlässigkeit im Zusammenhang mit den beiden Schlankheitsmitteln Redux und Pondimin (Phen-Fen) berappen.
Aber: Im Falle Wyeth war die Zahl der betroffenen Konsumenten rund zehnmal so hoch wie bei Lipobay. Und anders als bei der Wirkstoffkombination Phen-Fen hinterließ Lipobay bei den meisten keine bleibenden Schäden. Darüber hinaus wurden bei Wyeth etwa fünf-
mal so viel Klagen eingereicht. Nach alledem dürfte Bayer mit rund drei bis vier Milliarden Dollar „davonkommen“. Stimmt diese Annahme, dann ist der Börsenkurs 100 Prozent zu niedrig. Die logische Folgerung daraus lautet klar: kaufen jetzt, freuen später.
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