ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2003Agatha Christies Giftmorde

VARIA: Post scriptum

Agatha Christies Giftmorde

Dtsch Arztebl 2003; 100(11): [100]

Beaumont, W.

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Foto: Becker & Bredel
Foto: Becker & Bredel
Der Rechtsmediziner Professor Dr. Volkmar Schneider von der Freien Universität Berlin überraschte kürzlich seine Studenten mit einem fesselnden Vortrag über Gifte in Agatha Christies Kriminalromanen. In Gemeinschaft mit seinem Assistenten Benno Rießelmann hatte er nach Überprüfung aller Romane der großen britischen Autorin zwei Romane zum Gegenstand einer besonderen Überprüfung gemacht, nämlich den Roman „Das fahle Pferd“ (The Pale Horse) und „Nikotin“ (Three Act Tragedy). In beiden Romanen werden nämlich Vergiftungssymptome und -wirkungen genau beschrieben, und zwar fachkundig. Die offensichtliche Fachkunde ist darauf zurückzuführen, dass es sich bei der Autorin um eine ausgebildete Apothekerin handelt.
Als Agatha Christie während des Ersten Weltkriegs als Apothekerin augebildet wurde, wurde ihre Neugier durch all das angesprochen, was sie zu ihrem Erstaunen bei ihrem Lehrherrn vorfand. Sie betrieb ihre Ausbildung nicht nur im Bestreben, ihr Examen vor der gestrengen Apothekergilde zu bestehen, sondern machte sich auch aus persönlichem Interesse heraus Notizen, deren Inhalt ihr später als Schriftstellerin zustatten kam.
In sorgfältig gegliederten Notizbüchern erfasste sie in alphabetischer Reihenfolge Aussehen und Eigenschaften unterschiedlicher Substanzen, aber auch, woraus sie gewonnen werden, ihre Wirkursachen und diejenigen Stoffe, mit denen sie sich nicht vertragen. Unter dem Stichwort Gentiana ist beispielsweise vermerkt: „Sieht aus wie russische Schokolade.“ Unter Kollodium findet sich die Anmerkung: „Riecht nach Äther – weiße Rückstände an Korken.“ Bei einem Extrakt aus Mutterkorn vermerkt Agatha Christie: „Riecht wie schlecht gewordener Fleischextrakt.“
Unter anderem vielschichtig sind auch ihre Notizen. Lehrbuchwissen reicht ihr offenbar nicht. Sie fertigte sich Tabellen über die Zubereitung von Antimon, Belladonna, Digitalis und Morphium, ferner notiert sie die empfohlenen Dosierungen, alles Dinge, die in ihren Romanen später irgendwann und irgendwie einmal Verwendung finden.
Bereits in ihrem ersten Kriminalroman lässt Agatha Christie durch Gift morden. Eingedenk einer goldenen Regel für Kriminalgeschichten, möglichst kein unbekanntes und nicht nachweisbares Gift einzusetzen, hielt sie sich an bekannte Substanzen, wie Zyankali, Morphium und Strychnin. Dr. jur. W. Beaumont
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