POLITIK

CME

Dtsch Arztebl 2003; 100(12): A-745 / B-635 / C-595

Böhmeke, Thomas

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Es ist ein uraltes Problem, dass der Dr. med. nur die medizinische Herkunft verrät, der Patient aber mit der Einschätzung der heilkundlichen Fähigkeiten seines Arztes alleine gelassen wird. In seiner Not greift der Patient zu einfachen, ihm bereits vertrauten Kriterien. Ich als typischer Vertreter der Leptosomenfraktion durfte mir schon mehrfach anhören: „Wann wedde Se endlisch rischtische Doktä?“ Mein Protest unter Hinweis auf Examensnoten und akademische Grade verfing nicht, mit einer ausladenden Handbewegung wurde mir beschieden: „Schau’n Se doch mal drübbe de Doktä, des is e rischtische Doktä!“ Sie ahnen schon, dieser Kollege verfügte über den dreifachen Silhouettendurchmesser.
„Sie sehen viel zu jung aus, Sie können doch gar nichts wissen!“ ereiferte sich kürzlich eine 82-Jährige, woraufhin ich probierte, mein Gesicht in antike Falten zu legen, in dem beklagenswerten Versuch, die Weisheit des fortgeschrittenen Lebensalters zu simulieren.
Aber unsere fürsorgliche Ärztekammer hat das Problem längst erkannt und bemüht sich eifrigst um eine Lösung: Das Zauberwort heißt CME und steht weder für Cerebrale Massen Entwicklung noch für Cognitive Medicus Erkennung; nein, es heißt (auf bestem Neudeutsch) Continuing Medical Education. Und das funktioniert so: Jeder niedergelassene Arzt soll pro Jahr eine bestimmte Punktzahl durch Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen erreichen. Ich finde diese Idee gut, aber noch nicht ganz ausgereift.
Wenn ich nun, berstend vor Stolz, meinen Patienten das Zertifikat über meine Punkte präsentiere, werde ich wieder zu hören bekommen: „Wir wollen keine Punkte! Wir wollen einen alten, dicken Doktor, Sie Hungerhaken, Sie!“ So kann es nicht funktionieren. Die Ärztekammer sollte eine Aufklärungskampagne starten: „Hat Ihr Doktor heute schon gepunktet?“ oder „Fragen Sie nicht nur nach den Nebenwirkungen, fragen Sie auch nach den Punkten!“, besser: „Kein Punkt? Ohne mich!“ In Rotlichtvierteln könnte es heißen: „Gehen Sie nicht auf den Strich, bestehen Sie auf dem Punkt!“ Nein, das kann nicht klappen. Diese Punkte versteht doch niemand. Ich würde den Spieß umdrehen: Wer nicht punktet, verliert seinen Punkt, heißt also nur noch Dr. med, danach folgen scheibchenweise die Buchstaben. Spätestens wenn man an einem schmucklosen D angekommen ist, wird wieder kräftig gepunktet. Dann kann ich dem Patienten, der mich nach dem „rischtische Doktä“ fragt, stolz verkünden: „Ich habe noch alle Buchstaben beisammen!“
Ach, nee. Vergessen Sie’s. Funktioniert auch nicht.
Dr. med. Thomas Böhmeke
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