ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2003Hochschulmedizin: Verwalten statt gestalten

POLITIK

Hochschulmedizin: Verwalten statt gestalten

Dtsch Arztebl 2003; 100(12): A-748 / B-636 / C-596

Mössner, Joachim

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LNSLNS Die Klagen über die Hochschulmedizin sind bekannt. Die Krankenkassen kritisieren, die universitäre Medizin sei zu teuer, die Beiträge der Versicherten würden missbräuchlich für Forschung und Lehre ausgegeben. Der Wissenschaftsminister betont, die Krankenversorgung sei keine hoheitliche Aufgabe. Der Landeszuschuss müsse für Forschung und Lehre ausgegeben werden. Die Politik wirft den Klinikdirektoren vor, sie kümmerten sich zu wenig um ihre Studenten und um Forschung und pflegten stattdessen nur ihre Klientel an Privatpatienten, und das unter Ausbeutung ihrer Oberärzte.
Eine Lösung ist schnell parat: Rechtsformänderung der Hochschulklinika und kündbare Chefarztverträge. In einem Freistaat der neuen Bundesländer ist man besonders forsch. Die Zauberformel heißt „Anstalt öffentlichen Rechts“, die von einem kaufmännischen und hauptamtlichen medizinischen Vorstand nach Aktienrecht geleitet und durch einen Aufsichtsrat kontrolliert wird. Wegen der hohen Verantwortung des Vorstandes für Tausende von Mitarbeitern und des Budgets von mehr als einer Viertelmilliarde Euro müssen diese Positionen auch adäquat dotiert sein – deutlich höher als die Position eines normalen Klinikdirektors. Dienstfahrzeuge der oberen Luxusklasse sind selbstverständlich angemessen.
Die Fakultät wird von einem Dekanatskollegium geleitet. Der Dekan ist auch für die Verteilung des Landeszuschusses für Forschung und Lehre verantwortlich. Auch nicht wenig Geld, aber es versteht sich von selbst, dass die Tätigkeiten des Dekanatskollegiums quasi ehrenamtlich erbracht werden. Um die Mär von der Einheit von universitärer Krankenversorgung, Forschung und Lehre aufrechtzuerhalten, darf nach heftiger Intervention der Hochschulleitung und des Wissenschaftsrates der Dekan per Gesetz wenigstens beratend an den Vorstandssitzungen teilnehmen.
Obgleich das Gesetz mit heißer Nadel gestrickt wird, stehen die Hochschullehrer, auch die klinischen, dem neuen Gesetz primär positiv gegenüber. Besteht doch die Hoffnung, den Landeszuschuss transparent und leistungsbezogen wirklich für Forschung und Lehre ausgeben zu können. Die Hoffnung währt nicht lange.
Ob der leeren Kassen wird der Landeszuschuss jährlich gekürzt. Das Dekanatskollegium ist, statt zu gestalten, zu einem Verwaltungsorgan des Mangels degradiert. Niemand traut ihm zu, die Fakultät wirtschaftlich professionell unter Realisierung von Visionen zu leiten. Laut Interpretation des Gesetzes durch die Gewährsträger steht der Fakultät die Verwaltung des Universitätsklinikums als Auftragsverwaltung zur Verfügung. Diese Verwaltung untersteht dem kaufmännischen Vorstand, der verhindert, dass das Dekanatskollegium und der Kanzler uneingeschränkten Zugang zu „seinen“ Zahlen haben. Dringendste Verwaltungsaufgaben für die Fakultät werden unzureichend erfüllt. Entsprechende Beschwerden der Hochschulleitung bei den Gewährsträgern bleiben ungehört. Jährliche Kürzungen des Wissenschaftler-Stellenpools sind erforderlich.
Als Erster ist der wissenschaftliche Nachwuchs mit Zeitverträgen betroffen. Klinikdirektoren beschimpfen das Dekanatskollegium, dass sie infolge der Stellenkürzungen ihre klinischen Aufgaben nicht mehr erfüllen können. Die rituelle Antwort des Dekans: Für die Krankenversorgung ist der Vorstand des Universitätsklinikums verantwortlich. Jedoch weigert sich dieser seit Jahren beharrlich, einen Stellenplan für alle Kliniken vorzulegen, der eine Krankenversorgung auf dem Niveau eines akademischen Lehrkrankenhauses (welches keinen Landeszuschuss für Forschung und Lehre erhält) ermöglicht. Wegen der geltenden Arbeitsschutzbestimmungen bleibt den Klinikdirektoren nichts anderes übrig, als von der Fakultät bezahlte Mitarbeiter in der Krankenversorgung einzusetzen.
Die Hoffnung, dass das Dekanatskollegium über den gesamten Landeszuschuss verfügen kann, bleibt unerfüllt. Dauerthema in der Deutschen Hochschulmedizin: das Defizit der Ambulanzen/Polikliniken. Die Kassen zahlen nur ein Almosen pro Patient und Quartal von vielleicht 40 Euro, da ja diese Patienten im Rahmen von Lehre und klinischen Forschungsprojekten benötigt würden. Tatsächlich übernehmen aber die Polikliniken in nicht unerheblichem Ausmaß den Versorgungsauftrag und entlasten die Kassenärztlichen Vereinigungen. Um den Landeszuschuss auch wirklich adäquat auszugeben, plant das Dekanatskollegium, vorwiegend diejenigen Polikliniken zu fördern, in denen Studenten ausgebildet oder Patienten in klinischen Studien behandelt werden. Alles Illusion. Gegen den Willen des Dekanatskollegiums wird der Landeszuschuss weiter gekürzt, diesmal um 18 Millionen Euro. Dieser Betrag wird direkt dem Vorstand zugewiesen. Das Geld sei für die nicht durch die Krankenkassen entgeltfähigen Mehrausgaben gedacht. Der Vorstand hat völlig andere Vorstellungen, was mit den Polikliniken zu geschehen hat. Da die öffentlichen Kassen leer seien und das Klinikum nur in einem Neubau überleben könne, werden die 18 Millionen Euro aus einem konsumtiven in einen investiven Zuschuss umgewandelt und sollen just für diesen Neubau verwendet werden. Die Fragen der Kliniker, wie sie die neue Approbationsordnung umsetzen, wie sie Zeit für Forschung finden sollen, bei ausufernder Bürokratie auf dem Rücken der Ärzte, bleiben unbeantwortet.
Viele Klinikdirektoren verlieren die Illusion, dass sie gestalten und Visionen realisieren, und ein Kaufmann sagt, ob es finanzierbar sei. Nein, nach dem Hochschulmedizingesetz des besagten Bundeslandes ist zwar der medizinische Vorstand Sprecher des Vorstands, aber wenn der Kaufmann nicht will, läuft gar nichts. Versteht sich von selbst, dass bei Berufungsverhandlungen über die Zahl der nicht von der Fakultät bezahlten Stellen der Kaufmann allein entscheidet – auch über die Höhe des Gehaltes und die Konditionen des Chefarztvertrages.
Die entnervten Klinikdirektoren treffen sich in einem Hotel und sprechen mit überwältigender Mehrheit ihrem Vorstand das Misstrauen aus. Der Dekan wird aufgefordert, den Aufsichtsrat um zeitnahe Ablösung des Vorstands zu bitten. Auch der Rektor sieht keine Vertrauensgrundlage mehr für eine Zusammenarbeit zwischen Universität und Vorstand des Universitätsklinikums. Die Minister sind entsetzt. Haben die Herren Professoren denn die Zeichen der Zeit nicht erkannt? Wie kann ein Vorstand eines Universitätsklinikums entlassen werden, der gerade diesem Klinikum, als einzigem Universitätsklinikum in Deutschland, Gewinne in Millionenhöhe verspricht? Zwar misstrauen die meisten der Professoren diesen Zahlen, aber was verstehen sie schon davon.
Die Verwaltung ist nicht mehr ein Organ der Dienstleistung für Hochschullehrer, sondern erhebt das Primat der Richtlinienkompetenz. Anweisung des Kaufmanns: „Die von den Krankenkassen angestrebten Preisabsenkungen können nur durch Mengensteigerungen kompensiert werden. Nur durch Fallzahlsteigerungen bei gleich überproportionalen Kostensenkungsmaßnahmen kann der Erhalt der Einrichtung auf Dauer gesichert werden.“ Ist das „Modell Fließband“ die Zukunft der deutschen Hochschulmedizin? Wer soll unter diesen ökonomischen und geistigen Rahmenbedingungen noch Freiräume finden, die Pathogenese von Erkrankungen zu erforschen, diagnostische und therapeutische Verfahren primär losgelöst von ökonomischen Überlegungen zu evaluieren, Ansprechpartner für seltene und komplizierte Krankheitsbilder zu bleiben und Studenten im Kleingruppenunterricht am Patienten für die Medizin zu begeistern. Die verantwortlichen Politiker sollten überdenken, ob die Überführung der Universitätskliniken in neue Rechtsformen zur Lösung finanzieller Engpässe ein tragfähiges Konzept ist oder ob sie sich damit aus ihrer Verantwortung, für die Freiheit von Forschung und Lehre zu sorgen, stehlen. Der Markt wird es in der Tat entscheiden. Nicht mehr lange – dann werden zunehmend auch Universitätskliniken unbesetzte Weiterbildungsstellen im Deutschen Ärzteblatt feilbieten. Der globale Markt wird es entscheiden. Schon jetzt heißt es, ein Drittel der von deutschen Drittmittelgebern finanzierten Stipendiaten kehre nicht mehr aus den USA zurück.

Prof. Dr. med. Joachim Mössner
Direktor der Medizinischen Klinik & Poliklinik II
Universitätsklinikum Leipzig A.ö.R.
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