ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2003Männergesundheitsbericht: Ablehnende Haltung

POLITIK: Kommentar

Männergesundheitsbericht: Ablehnende Haltung

Dtsch Arztebl 2003; 100(12): A-749 / B-637 / C-597

Stiehler, Matthias; Dinges, Martin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ärzte kennen das Problem: Männer sind das kränkere Geschlecht. Sie sterben durchschnittlich 6,5 Jahre eher als Frauen. Sie begehen viermal öfter Selbstmord und sterben oft schon in jungen Jahren vor allem an Krankheiten, die durch gesundheitsschädigendes Verhalten bedingt sind (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs, Unfälle). Mannsein ist in unserer Gesellschaft einer der riskantesten Gesundheitsfaktoren. Männer sind weniger bereit, sich um ihre Gesundheit zu kümmern, und nehmen nur selten ärztliche Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch.
Mediziner sind ratlos, alle Appelle scheinen nur wenig zu nützen. Sozialwissenschaftler entwickeln Erklärungsmodelle, warum sich Männer so wenig um ihr gesundheitliches Wohlbefinden kümmern: Männerspezifische Sozialisation und gesellschaftliche Rollenerwartungen sind offenbar sehr wichtig. Hinter diesen wissenschaftlichen und auch hinter den zunehmenden praktischen Bemühungen steht die Erkenntnis, dass Männergesundheit ein gesellschaftlich wichtiges Thema ist.
Nur in den Ministerien scheint man das Problem noch nicht erkannt zu haben, obwohl gezieltes gesundheitspolitisches Handeln Lebensdauer und -qualität der einen Hälfte der Bevölkerung verbessern könnten. Gleichzeitig verspricht Prävention Einsparpotenziale.
Seit mehreren Jahren versuchen engagierte Männer unterschiedlicher Professionen, das Thema Männergesundheit in seiner gesellschaftlichen Brisanz bekannt zu machen und in den öffentlichen Gesundheitsdiskurs einzubringen. Im Oktober 2001 nahm eine Initiative, die von Wissenschaftlern und Mitarbeitern von Männerinitiativen getragen wird, die Arbeit für einen bundesdeutschen Männergesundheitsbericht auf (www.maennergesundheit.dieg.org). Die breite Resonanz, die diese Initiative fand, zeigt, dass die Zeit für einen solchen geschlechtsspezifischen Bericht reif ist.
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium lehnte jedoch in Briefen vom 31. Mai 2002 und 24. Juli 2002 ein solches Weißbuch zu Männergesundheit, das Probleme und Handlungsmöglichkeiten darlegt, ab. Ebenso verhielten sich die meisten Ge­sund­heits­mi­nis­terien der Länder und die Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesgesundheitsbehörden, die um Unterstützung der Initiative gebeten wurden. Es wurde lediglich ein Themenheft innerhalb der Gesundheitsberichterstattung des Bundes von etwa zwanzig Seiten Umfang in Aussicht gestellt, obwohl man mit dieser Größenordnung dem Thema ganz offensichtlich nicht gerecht werden kann. Es besteht deshalb der Verdacht, dass das angebotene Berichtsvolumen allenfalls eine Alibifunktion erfüllen soll.
Begründet wird die ablehnende Haltung nicht nur mit knappen finanziellen Ressourcen, sondern vor allem damit, dass in der Gesundheitsberichterstattung der Aspekt der Männergesundheit bereits ausreichend berücksichtigt sei. Der von der Europäischen Union geforderte Ansatz des Gender Mainstreaming sei dort hinreichend umgesetzt, Unterschiede bei der Gesundheitsversorgung von Frauen und Männern würden aufgezeigt. Dies geschieht derzeit aber völlig unzureichend. Außerdem fehlt es an einem Referenztext, der erst der Ausgangspunkt für eine ernst zu nehmende geschlechtersensible Gesundheitspolitik sein könnte. In den Ministerien scheinen weiterhin einseitige Vorstellungen vorzuherrschen, nach denen Männer als Profiteure geschlechtsspezifischer Ungleichheiten nicht ihrerseits in Not sein können. Es ist zu befürchten, dass Deutschland auf diesem Feld den Anschluss an die Entwicklung in anderen Ländern (USA, Australien, Österreich) verliert, wenn nicht bald zumindest mit der angemessenen Analyse der Probleme begonnen wird. Es ist Zeit für einen Männergesundheitsbericht!

Dr. phil. Matthias Stiehler, Dresden
Prof. Dr. phil. Martin Dinges, Stuttgart
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema