ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2003Das Herzsymbol: Wappenzeichen der Kardiologie

VARIA: Feuilleton

Das Herzsymbol: Wappenzeichen der Kardiologie

Dtsch Arztebl 2003; 100(12): A-795 / B-671 / C-631

Dietz, Armin

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Abbildung 2: Logo der European Society of Cardiology
Abbildung 2: Logo der European Society of Cardiology
Das Herz lässt im Menschen immer die Vorstellung vom Sitz der Seele,
der Liebe und sogar des Bewusstseins anklingen.

Im Museum von Kabul in Afghanistan steht ein bauchiger Pokal aus gebranntem
Abbildung 1: Heraldische Herzblätter und Herzbaum: Der Minnesänger Heinrich von dem Vorste mit seiner geliebten Herrin. Mittelhochdeutsche Handschrift, 13. Jahrhundert n. Chr.
Abbildung 1: Heraldische Herzblätter und Herzbaum: Der Minnesänger Heinrich von dem Vorste mit seiner geliebten Herrin. Mittelhochdeutsche Handschrift, 13. Jahrhundert n. Chr.
Ton aus der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr., auf dem stilisierte Feigenblätter mit weit ausschwingenden Stielen dargestellt sind (Abbildung 3). Dieses Dekor findet man später auch auf Keramiken benachbarter Kulturen. Neben anderen vegetabilischen Motiven erscheinen eben jene Feigen-, später Efeublätter, die die heute bekannte Herzform vorwegnehmen.
Etwa ein Jahrtausend später tauchen diese Pflanzenmotive auf kretischen Tongefäßen auf, Freskenmaler dekorieren figürliche Szenen in den minoischen Palästen mit naturalistisch abgebildeten Efeuranken, herzförmig abgebildeten Blättern und Blüten. Die Erben der minoischen Kultur, die Achäer, die Träger des mykenischen Kulturkreises, übernehmen das stilisierte Efeublatt in ihren Schmuckkanon, im späten 8. Jahrhundert v. Chr. bilden korinthische Vasenmaler diese Ornamente auf den Kymatien, den Zierbändern der Vasenbilder, und auf den Henkeln der Gefäße ab. Häufig
Abbildung 3 (links): Pokal aus Mundigak mit Feigenblättern, um 3000 v. Chr. , Museum Kabul, Afghanistan
Abbildung 3 (links): Pokal aus Mundigak mit Feigenblättern, um 3000 v. Chr. , Museum Kabul, Afghanistan
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werden auch Weintrauben in Herzform dargestellt. Dieses Dekor nimmt bereits die Metamorphose zum Herzen vorweg, wie sie die christliche Lehre von Jesus als Weinstock mit dem spendenden göttlichen Herzen ausdrückt. Herzförmige Efeu- und Weinranken sind auf
Abbildung 4: Silen und Mänade. Attischer Makron, 480 v. Chr., Staatliche Antikensammlung München
Abbildung 4: Silen und Mänade. Attischer Makron, 480 v. Chr., Staatliche Antikensammlung München
Vasenbildern zu finden, die Dionysos, den Gott des Weines, darstellen – oft in erotischen Szenen (Abbildung 4). Auf griechischen Grabstelen, später auf römischen Grabsteinen und auf frühchristlichen Gräbern in den Katakomben bedeutet das Efeublatt die ewige Liebe, also die Liebe über den Tod hinaus (2).
Die endgültige Verwandlung des Efeublatts in das rote Spielkartenherz der seelischen und körperlichen Liebe geschieht parallel zur Säkularisierung der religiösen Herzmetapher zum weltlich-höfischen Herz der mittelalterlichen Minneliteratur. Die mönchischen Buchmaler, die ihre Anregungen aus der spätantik-römischen Malerei und Dekoration beziehen, bilden Lebensbäume mit Herzblättern ab (Abbildung 1), in der Bildkunst des 12. und 13. Jahrhunderts tauchen Efeublätter in Liebesszenen auf, bald in der Farbe Rot, der Farbe des warmen Blutes, die seit prähistorischer Zeit Leben, Glück, Gesundheit und Liebe bedeutet.
Jetzt breitet sich das rote Herz rasch über ganz Europa, vor allem im Bereich der katholischen Kirche aus. Dafür sind mehrere Fakten verantwortlich:
1. Die Profanierung des Herzblattes als Symbol der körperlichen Liebe, aber auch als Sinnbild der Barmherzigkeit und Hingabe in der weltlichen und religiösen Kunst.
2. Die Übernahme der Herzdarstellung in den Herz-Jesu-Kult der katholischen Kirche.
3. Die Verwendung des Symbols in der Heraldik, als Wasserzeichen in der Papierherstellung und als Firmenstempel in der Druckgrafik, gleichsam eine Vorwegnahme der modernen Gebrauchsgrafik in der Werbung (4).
4. Die Einbeziehung des Herzens in das Kartenspiel: Ende des 15. Jahrhunderts beginnt man in Frankreich, die Karten zu normieren und vor allem die Symbole zu vereinheitlichen. Das rote Herz ersetzt die auf italienischen Tarockkarten gebräuchlichen Trinkkelche.
Auf den gotischen Grabmälern finden sich Herzblatt- und Herzdarstellungen relativ häufig. Sie kennzeichnen die Herkunft des Geschlechtes, dessen Lehen meist an größeren Gewässern gelegen oder von Flüssen durchzogen war. Später, in der Renaissance und vor allem im Barock, steht das Herz auf dem Wappen für ewige Treue und Tapferkeit.
Maler und Bildhauer geben dem menschlichen Herzen immer häufiger die Gestalt des Spielkartenzeichens. Geistliche und weltliche Souveräne in Europa bestimmen für ihr Herz ein eigenes Grab an einem Platz, der ihnen zu Lebzeiten besonders lieb war. Nicht selten hat die Urne Herzform, oder das Grab oder der Kardiotaph werden durch das Symbol markiert (3).
Die ersten medizinischen Herzdarstellungen benützen die Pinienzapfen- oder
Abbildung 6: Herzförmige gelochte Goldblättchen. Mykenischer Brustschmuck, 15. Jahrhundert v. Chr., Nationalmuseum, Athen Fotos: privat
Abbildung 6: Herzförmige gelochte Goldblättchen. Mykenischer Brustschmuck, 15. Jahrhundert v. Chr., Nationalmuseum, Athen Fotos: privat
Pyramidenform, die wohl durch die Beschreibung des Organs durch die hippokratische Schule, durch Galen und später durch die arabischen Ärzte beeinflusst ist (5).
Die anatomischen Kenntnisse, die sich die hellenistischen Ärzte durch Autopsien erworben hatten, sind in der religiös geprägten Medizin des Mittelalters in Vergessenheit geraten. Die Anatomen lassen sich von den Künstlern und Buchmalern inspirieren und stellen das Herz als umgekehrtes Blatt dar, dessen Spitze nach links abgebogen ist und dessen Stiel die Gefäßwurzel symbolisiert (Abbildung 7). Das Universalgenie Leonardo da Vinci verwendet diese Analogie zwischen Blattform und realistischer Darstellung noch in seinen frühen anatomischen Skizzen.
Vielleicht hat der normannische Steinmetz des Porphyrsarges für den im Jahr 1197 gestorbenen Stauferkaiser Heinrich VI. im Dom von Palermo bereits das Herz gemeint, als er, nach römischen Vorbildern, das Blattsymbol mit den vier Kehlungen (= 4 Kammern?), der nach links abgebogenen Spitze und dem Blattstiel (= Gefäßstiel?) schuf. Vergleicht man diese Darstellung mit Leonardo da Vincis frühen Herzzeichnungen, gewinnt diese Vorstellung an Faszination. Der von der göttlichen Hand gehaltene Ring mit herzförmigem Efeublatt ist ein aus der römischen Antike in die christliche Symbolik tradiertes Ornament der ewigen Liebe, eine so genannte corona vitae, die Krone des Lebens als Sinnbild der Liebe über den Tod hinaus.
Während das Herz in der medizinischen Abbildung spätestens seit Vesal nur noch in der anatomischen Form dargestellt wird, tritt das rote Spielkartenherz als Symbol der geistigen und körperlichen Liebe, aber auch minderer Gefühle seinen Siegeszug aus dem europäischen Kulturkreis über die ganze Welt an. Entscheidenden Anteil daran hat der Herz-Jesu-Kult, den die
Abbildung 7: Anatomie der Brustund Bauchhöhle. Holzschnitt aus Gregor Reisch „Margarita Philosophica“, Basel, 1504
Abbildung 7: Anatomie der Brustund Bauchhöhle. Holzschnitt aus Gregor Reisch „Margarita Philosophica“, Basel, 1504
Jesuiten als religiöses Zeichen der Gegenreformation über die ganze Welt verbreiten. In der sakralen Kunst tragen auch Engel und Heilige ihr Herz als Spielkartenherz in der Hand und reichen es Gott als Zeichen ihrer aufopfernden und unvergänglichen Liebe.
Interessanter-weise hat sich unabhängig von der abendländischen Herzblattmetamorphose im Buddhismus das Spielkartenherz ebenfalls aus dem Blatt des Feigenbaumes, des Bodhibaums, zum Symbol der Erleuchtung, also nicht der Liebe, entwickelt. Unter einem solchen Baum fand der Asket Gautama durch mehrjährige Meditation diese erlösende Erleuchtung und wurde dadurch zum Buddha.
Das Symbol mit den zwei Rundungen, die nach unten in eine Spitze verlaufen, ist in der modernen Zeit in Kitsch, Werbung und Kunst das Piktogramm für eine ganze Bandbreite von Gefühlen und zum Wappenzeichen der Kardiologie geworden (Abbildungen 2 und 5).
Die prähistorischen Töpfer in Afghanistan und die griechischen Vasenmaler brachten das Efeublattdekor nicht mit dem in der Antike bekannten Herzen in Verbindung. Das vegetabilische Zeichen nahm jedoch im Laufe der europäischen Kulturgeschichte so viel symbolische Bedeutung in sich auf, dass es sich zum allgegenwärtigen und ausschließlichen, optisch einmaligen Symbol dieses zentralen Organs wandelte, das im Bewusstsein der Menschen noch immer die antike Vorstellung vom Sitz der Seele, der Liebe, sogar des Bewusstseins und des Denkens anklingen lässt. Prof. Dr. med. Armin Dietz
1.
 Braunfeld-Esche, S.: Leonardo da Vinci – das anatomische Werk. Schattauer, Stuttgart, 1961.
2.
 Dietz, A.: Das Bild des Herzens. Teil 1: Die Herzblattform in der Antike, im frühen Christentum und anderen Kulturen. Teil 2: Das Herzsymbol im Mittelalter und vom Barock zur Neuzeit. Fortschr. Med. 34 (1991) 79–82, Fortschr. Med. 35 (1991) 75–77
3.
 Dietz, A.: Ewige Herzen. Kleine Kulturgeschichte der Herzbestattungen. MMV & Medizin Verlag, München 1998
4.
 Morus, L.R.: Eine Weltgeschichte des Herzens. Rowohlt, Hamburg 1959
5.
 Vinken, Pierre: The shape of the heart. Elsevier, Amsterdam 2000
1. Braunfeld-Esche, S.: Leonardo da Vinci – das anatomische Werk. Schattauer, Stuttgart, 1961.
2. Dietz, A.: Das Bild des Herzens. Teil 1: Die Herzblattform in der Antike, im frühen Christentum und anderen Kulturen. Teil 2: Das Herzsymbol im Mittelalter und vom Barock zur Neuzeit. Fortschr. Med. 34 (1991) 79–82, Fortschr. Med. 35 (1991) 75–77
3. Dietz, A.: Ewige Herzen. Kleine Kulturgeschichte der Herzbestattungen. MMV & Medizin Verlag, München 1998
4. Morus, L.R.: Eine Weltgeschichte des Herzens. Rowohlt, Hamburg 1959
5. Vinken, Pierre: The shape of the heart. Elsevier, Amsterdam 2000

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